Darum gehts
- Indie-Thriller «The Piano Tuner» zeigt Klavierstimmer mit Hyperakusis im lauten New York
- Niki White nutzt sein absolutes Gehör für Tresorknacken und gerät ins Verbrechen
- Film beeindruckt mit Sounddesign, dauert 90 Minuten, Oscar-Chancen ungewiss
New York ist ein hartes Pflaster – und zwar in jeder Hinsicht. Die Stadt ist ein olfaktorischer Schwerverbrecher, an vielen Stellen mischen sich zum Uringeruch Marihuana und ranzige Hotdog-Dämpfe. Auch auf akustischer Ebene ist der Big Apple eine Herausforderung. Das unablässige Geheule der Sirenen verklären viele Touristen als romantisch – für Menschen mit empfindlichen Ohren ist New York aber die Hölle auf Erden. Genau hier bestreitet der «Piano Tuner» Niki White (Leo Woodall, 29) als Klavierstimmer sein Tagewerk. Er leidet unter Hyperakusis (krankhafte Geräuschüberempfindlichkeit, Anm. d. Red.). Die Diskrepanz zwischen feingliedriger Präzisionsarbeit am Instrument und Überlebenskampf im Moloch ist eine hübsche Idee für frühsommerliches Indie-Hollywood. Vielleicht ist sie aber auch etwas langweilig.
Zum Glück ist im neusten Streich von Regisseur Daniel Roher (33, «Nawalny», «Blink») mächtig Musik drin. Wunderkind Niki fristet bei seinem Ziehvater, dem New Yorker Klavierstimm-Urgestein Harry Horowitz (Dustin Hoffman, 88), ein eher unbefriedigendes Berufsdasein, tingelt von Bonzenklavier zu Bonzenklavier. Auf seinen Ohren trägt er stets Kopfhörer, um von den unangenehmen Klängen der Grossstadt nicht übermannt und beim Klavierstimmen nicht gestört zu werden.
«Ich habe es gehasst»
Niki Whites absolutes Gehör bringt ihn nicht nur Pianistin Ruthie (Havana Rose Liu, 28) näher, sondern auch dem organisierten Verbrechen. Der Klavierstimmer hat die seltene Gabe, zu erkennen, wann die Codes für Tresore korrekt einrasten. Das kommt einem notorisch klammen jungen Mann in einer der teuersten Städte der Welt selbstredend zugute. Und wie gehts mit der Liebe weiter? Spoiler: Es ist kompliziert.
Genre-Mixes sind ein verzwicktes Unterfangen – weil sie oft Gefahr laufen, die Handlung des Films zu verwässern. In «The Piano Tuner» geht das Experiment aber auf. Die unheilvollen Klänge, die auf White einprasseln, spannen sich als Bogen über das Indie-Thriller-Liebesdrama – und spielen ganz klar die erste Geige in Rohers Streifen. Oder wie es Woodall im Gespräch mit Blick erklärt: «Der Sound ist quasi der Bösewicht des Films.» Sein Antagonist ist Woodall selbst, den Kampf gegen die Kakophonie ficht er auf der Leinwand eindrücklich aus. Das war für den britischen Shootingstar ein mühsames Unterfangen. «Diese verletzliche Offenlegung hat sich für mich im eigenen Körper so unangenehm angefühlt, ich habe es gehasst», sagt er – und der Dreh habe Spuren bei ihm hinterlassen: «Plötzlich waren belebte Strassen ein Problem. Aufheulende Motoren haben mich gestresst – physisch und psychisch.»
Der jugendliche Verführer
Woodall nimmt sich bei den Antworten zu seiner Rolle in «The Piano Tuner» viel Zeit, überlegt lange, wägt ab – vielleicht ist er auch schon etwas müde vom Interviewmarathon, vielleicht hat der junge Mann aktuell einfach auch grad ziemlich viel um die Ohren. Weltweit wurde er 2022 durch seine Rolle als Jack in der Hype-Serie «White Lotus» bekannt, seither geht es für Woodall nur noch in eine Richtung: nach oben. 2025 folgte mit einer der Hauptrollen im «Bridget Jones»-Universum der endgültige Durchbruch. Bisher gilt Woodall als klassische Typbesetzung, Hollywood sieht in ihm noch immer den jugendlichen, geheimnisvollen Verführer, der lieber Taten statt Worte folgen lässt.
Der Brite kann aber weitaus mehr, das deutet er in «The Piano Tuner» deutlich an. Ob der Film oder sein Hauptdarsteller am Ende in die ganz grossen Kränze (Oscars) kommen, ist dennoch zu bezweifeln – einem Grossteil der Academy dürften die Genre-Sprünge missfallen, ausserdem ist die Konkurrenz auch dieses Jahr gross. Chancen auf einen Preis hat «The Piano Tuner» aber sicherlich, wenns ums Sounddesign geht. Wer sich den Film im Kino anschaut, verlässt es nach etwas mehr als 90 Minuten ziemlich erschlagen und mit dröhnendem Kopf. Woodall erinnert sich: «Der Film wirkt stimulierend – vielleicht sogar überstimulierend. Ich habe neulich mit jemandem gesprochen, die mir erzählte, dass sie während des Films ohnmächtig geworden ist.»
«The Piano Tuner» läuft seit dem 21. Mai im Kino.