«Ariel hat Krawall im Blut»
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Dschungelcamp-Schweizerin:«Ariel hat Krawall im Blut»

Ekel-Forscher erklärt Faszination Dschungelcamp
«Der Ekel anderer gibt uns das Gefühl von Überlegenheit»

Wieso sind Millionen Zuschauer von den Ekel-Prüfungen der RTL-Show so fasziniert? Ein Experte erklärt: «Ekel ist wie ein Unfall – man will, aber kann nicht wegschauen.»
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Sängerin Toni Trips würgt und ekelt sich vor sechs Jahren bei Truthahnhoden, grün gefärbten Mäuseschwänzen, fermentierten Sojabohnen und getrockneten Grillen.
Foto: TV Now

Darum gehts

  • Die 19. Staffel des Dschungelcamps startet am 23. Januar
  • 12 Prominente stellen sich Ekelprüfungen wie pürierten Kakerlaken oder Känguru-Hoden
  • Bis zu 4 Millionen Zuschauende verfolgen jährlich den RTL-Quotenhit
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Flavia SchlittlerRoyal- und People-Expertin

Pürierte Kakerlaken, Känguru-Hoden, Krokodilpenis und Kotzfrucht. Das würgen Prominente vor laufender Kamera angeekelt herunter, wenn es ab dem 23. Januar wieder heisst: «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!». Auch bekannt als Dschungelcamp. Bereits zum 19. Mal stellen sich die Teilnehmer auf RTL den Widrigkeiten des australischen Buschs und locken wieder Millionen Zuschauer vor den TV. Diese Staffel steht unter dem Motto: «TV-Marathon des Jahres». Welchen Prüfungen sich die Stars stellen müssen, ist noch streng geheim. Klar ist, es wird wieder ekelig ohne Ende. Und wir schauen zu. Was uns daran fasziniert, anderen Menschen beim Leiden und Streiten zuzusehen, erklärt uns Ekel-Forscher Professor Jakob Fink-Lamotte (38) von der Universität Potsdam.

Blick: Millionen Menschen schalten ein, wenn sich die Stars im Dschungelcamp den Ekelprüfungen stellen müssen. Was fasziniert uns an Ekel?
Jakob Fink-Lamotte:
Ekel ist wie ein Unfall: Man will wegschauen und schaut trotzdem hin. Nicht weil es harmlos ist, sondern weil es wie Gefahr wirkt und unser Kopf wissen will: Was ist das? Beim Dschungelcamp gibts den Bonus: Wir fühlen uns zu Hause sicher, den Teilnehmern überlegen und sind oft sehr erstaunt, was Leute freiwillig essen und aushalten.

Der umstrittene Musiker Gil Ofarim soll dieses Jahr die Rekordgage von 300'000 Euro bekommen. Ist Geld ein Anreiz, Ekel zu überwinden?
Geld kann immer ein starker Anreiz sein. Wir lernen ja, anders als bei Angst, auch nicht, dass es sinnvoll sein kann, den eigenen Ekel zu überwinden. Während es supersinnvoll sein kann, im Freibad die Angst vor dem Sprungturm zu überwinden, macht es wenig Sinn, sich intensiver mit Hundekot auf der Strasse auseinanderzusetzen.

Ist er angeboren, anerzogen oder ein instinktives Verhalten?
Ganz klar: beides. Ekel ist angeboren und wird trotzdem gelernt. Schon einjährige Babys machen dieses typische Igitt-Gesicht. Wovor wir uns ekeln, hängt stark von Erziehung, Umfeld und Regeln ab. Ist Schmatzen okay oder eklig? Darf man rülpsen? Und was gilt als unessbar – rohes Fleisch, Käse oder Insekten?

Was passiert in uns, wenn wir uns ekeln? Ist dies eher physisch oder eine reine Psychogeschichte?
Beides. Wir rümpfen die Nase, ziehen die Mundwinkel runter, kneifen Mund und Augen zu. Das ist Schutz, damit nichts in uns landet, was uns krank machen könnte. Aber es gibt auch Ekel, der im Kopf entsteht. Dann fühlt man sich innerlich schmutzig, ohne dass man etwas angefasst hat, zum Beispiel durch Gedanken, die man als unmoralisch oder beschmutzend erlebt.

Dann ist Ekel ein gesundes Empfinden.
Ja, absolut. Ekel ist ein Schutzgefühl. Er sorgt dafür, dass wir nichts in uns aufnehmen, was uns schaden könnte, zum Beispiel verdorbenes Essen. Deshalb ist Ekel oft völlig normal und sogar sinnvoll. Problematisch wirds erst, wenn er überhandnimmt und man den Alltag nicht mehr so leben kann, wie man es eigentlich möchte.

Er beschäftigt sich mit Ekel und Scham

Jakob Fink-Lamotte ist approbierter psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) und Professor für Klinische Psychologie an der Universität Potsdam (D). In Forschung und Praxis beschäftigt er sich vor allem mit Zwangsstörungen sowie mit den Emotionen Ekel und Scham und der Wirksamkeit von verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren. Parallel interessiert er sich für KI-gestützte Chatbots und Apps zur Förderung von Motivation, Resilienz und prosozialem Verhalten. Privat lebt er in Berlin.

Ekel-Forscher Jakob Fink-Lamotte von der Universität Potsdam.
Tobias Hopfgarten

Jakob Fink-Lamotte ist approbierter psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) und Professor für Klinische Psychologie an der Universität Potsdam (D). In Forschung und Praxis beschäftigt er sich vor allem mit Zwangsstörungen sowie mit den Emotionen Ekel und Scham und der Wirksamkeit von verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren. Parallel interessiert er sich für KI-gestützte Chatbots und Apps zur Förderung von Motivation, Resilienz und prosozialem Verhalten. Privat lebt er in Berlin.

Wann endet Ekel, wo beginnen Angst oder Phobie?
Es wird zum Problem, wenn es Leid verursacht und den Alltag einschränkt, sodass wir unser Leben nicht mehr leben können. Zum Beispiel, wenn einmal Händewaschen nicht mehr reicht, sondern diese immer wieder gesäubert werden müssen, oft mit aggressiven Mitteln, weil das Gefühl nicht weggeht. Dann ist das nicht mehr normaler Ekel. Dann sollte man sich professionelle Hilfe holen.

Die einen können kein Blut sehen, andere werden Ärzte.
Weil unser Körper unterschiedlich stark Alarm schlägt. Bei manchen reicht schon der Anblick von Blut, und der Kreislauf macht dicht: Übelkeit, im Extremfall Ohnmacht. Andere gewöhnen sich dran, wie in medizinischen Berufen: Mit Training, Routine und dem Gefühl von Kontrolle wird aus «Igitt!» eher ein «Okay» oder «Das gehört dazu».

Woher kommt es, dass wir andere Ekelgrenzen haben?
Was Ekel auslöst, ist extrem individuell. Manche ekeln sich vor Spinnen, andere finden die harmlos. Manche bekommen bei Schleim oder Gerüchen sofort Würgereiz, andere gar nicht.

Wie stark hat Ekel mit Macht und Ohnmacht zu tun?
Sehr! Wer etwas Ekliges aushält, fühlt sich schnell überlegen: «Ich bin härter, ich kann mehr ab.» Umgekehrt kann starker Ekel auch Ohnmacht auslösen, dieses Gefühl: «Ich muss weg, ich hab keine Kontrolle.» Deshalb hat Ekel oft auch etwas mit Status, Stärke und Grenzen zu tun.

Dann sollten wir uns öfter dem Ekel stellen, indem wir uns überwinden.
Auf jeden Fall, vor allem dann, wenn Ekel das Leben einschränkt. In der kognitiven Verhaltenstherapie gilt als Goldstandard die Konfrontation. Man übt zum Beispiel ganz gezielt, eine öffentliche Türklinke anzufassen und dann das Unwohlsein auszuhalten, ohne sofort zu waschen oder zu desinfizieren. Wichtig ist dabei: Der Körper kann viel mehr ab, als wir denken. Und noch toller ist das Gefühl, wieder etwas zu machen, auf das man vielleicht Jahre verzichtet hat.

Wenn wir das Dschungelcamp anschauen, wie stark geht es dabei auch um Schadenfreude?
Schon ziemlich. Ein Teil ist echtes Mitfiebern, aber ein grosser Teil ist auch Schadenfreude: Andere müssen Dinge tun, die wir niemals machen würden. Das gibt dieses heimliche Gefühl von Überlegenheit. Und genau diese Mischung aus Ekel, Staunen und Schadenfreude macht das Ganze so schwer abschaltbar.

Schauen Sie selber auch rein ins Dschungelcamp?
Manchmal schaue ich rein, einfach, weils natürlich gerade auch wegen des Themas Ekel spannend ist.

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