Strukturen im Schweizer Frauenfussball
«Dieses Flickwerk reicht nicht mehr aus»

Expertin Marianne Meier sagt, viele Klubs setzten die Prioritäten nach wie vor zugunsten der Männerteams. Und die Männer stünden für die bezahlten Jobs im Frauenfussball in der ersten Reihe.
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Ein denkwürdiger Fanmarsch für die Schweizer Fussballerinnen an der Euro 2025.
Foto: Keystone
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Andreas SchmidInlandredaktor

Wie stark sind die Schweizer Spitzenklubs nach wie vor von Männern geprägt, Frau Meier?
Marianne Meier:
Das ist von Klub zu Klub sehr unterschiedlich. Oft hängt dies mit dem Status des Frauenteams innerhalb der Männer-Topklubs zusammen. Einige Integrations- oder Kooperationsprozesse verliefen sehr harzig. Zwar konnten die Fussballerinnen bezüglich Prestige und Infrastruktur von den Spitzenklubs profitieren. Gleichzeitig entwickelte sich eine Abhängigkeit. Mitsprache und Einflussnahme der Frauen sind nicht überall gegeben.

Marianne Meier

Marianne Meier (49) ist Historikerin und Sportpädagogin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern. Als Co-Autorin des Buchs «Das Recht zu kicken» hat sie die Geschichte des Schweizer Frauenfussballs erforscht.

Stephanie Meier

Marianne Meier (49) ist Historikerin und Sportpädagogin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern. Als Co-Autorin des Buchs «Das Recht zu kicken» hat sie die Geschichte des Schweizer Frauenfussballs erforscht.

Woran liegt das?
Die Bedürfnisse und Interessen der Fussballerinnen werden nicht oder nur ungenügend berücksichtigt. Seit 2008 sind Frauenteams schrittweise in die Männer-Spitzenklubs integriert worden, doch an den bestehenden Machtstrukturen änderte sich nicht viel. Männer setzen die Prioritäten, vor allem finanziell, noch immer klar zugunsten der männlichen Teams.

Was hat sich in den letzten Jahren positiv verändert?
Seit der ersten WM-Qualifikation der Schweizerinnen 2015 wurde Frauenfussball hierzulande immer sichtbarer. Doch die öffentliche Aufmerksamkeit gilt fast ausschliesslich der Nati. Die heimische Liga bleibt am Rand. Langsam fliesst aber mehr Geld. Und plötzlich stehen für Jobs Männer in der ersten Reihe. Zuvor übten Frauen diese Funktionen ehrenamtlich aus.

Hat die Heim-Europameisterschaft 2025 einen Schub gebracht?
Ja, keinem Kind in der Schweiz kann nach diesem grandiosen Sportfest noch jemand erzählen, dass Fussball für Frauen und Mädchen nicht geeignet sei. Da haben sich Denkmuster grundlegend verschoben.

Trotzdem besteht weiter Aufholbedarf. Was muss sich tun?
Jetzt müssen die Klubs und vor allem der Schweizerische Fussballverband das Personal und die Strukturen anpassen. Die heutigen Reglemente, etwa beim Spielbetrieb oder in der Nachwuchsförderung, erfüllen die Anforderungen einer Gleichstellung nicht. Damit widerspricht der nationale Verband den eigenen Statuten.

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Anderslautende Beteuerungen haben also noch nicht zu einem befriedigenden Resultat geführt. Warum ist das so?
Strukturen, Statuten und Reglemente sind historisch gewachsen und waren einst nur für Männer und Jungs gedacht. Laufend wurden sie angepasst, Fussballerinnen-Themen einfach eingefügt und angehängt. Dieses Flickwerk reicht nicht mehr aus. Es braucht fundamentale Erneuerungen im Schweizer Fussball. 

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