Darum gehts
- SBB-Güterzug im Gotthard 2024 entgleist, verursachte über 150 Millionen Franken Schaden
- Gutachten: Warnsignale hätten Folgen der Entgleisung reduzieren können
- SBB schätzen Schaden höher ein als Rückversicherer, Streit um Entschädigung
Der Tessiner Lokführer A. B. (43)* hatte richtig Pech. Eigentlich sollte ein Kollege den Unglückszug steuern, der dann im Gotthard-Basistunnel entgleiste und die wichtige Nord-Süd-Verbindung länger als ein Jahr für Passagiere ausfallen liess. Doch der Güterzug war verspätet, die Höchstarbeitszeit des Kollegen wäre überschritten worden, A. B. musste einspringen.
Nach der Entgleisung des Güterzugs im August 2023 betonten die SBB, ihre Mitarbeitenden hätten alles richtig gemacht – und der Lokführer habe gar nichts von der Entgleisung mitbekommen. Güterverkehr sei «ein dummer Verkehr», hiess es vonseiten der SBB: Anders als der Personenverkehr sei er nicht digitalisiert – wenn hinten ein Wagen aus den Schienen springe, merke der Mann im Führerstand davon nichts.
«Leichtes Feder- oder Ziehharmonika-Gefühl»
Was die SBB verschweigen: Der Lokführer und die Fahrdienstleiterin (31) bemerkten sehr wohl etwas – und gaben das auch bei der Polizei zu Protokoll. Die geheimen Unterlagen liegen der SRF-«Rundschau» und Blick vor.
Zur Polizei sagte der Lokführer: «Ich nahm im hinteren Zugteil ein leichtes Feder- oder Ziehharmonika-Gefühl wahr, als ob ein Teil der hinteren Wagen einen Moment lang verzögert hätte, um sich dann wieder an den übrigen Zug anzupassen. Ich schenkte dem keine besondere Beachtung, da dies bei langen und schweren Zügen vorkommen kann.»
Kreise blinkten auf den Bildschirmen
Zeitgleich häuften sich im Betriebszentrum die Störungen: Auf der digitalen Anzeige leuchteten Felder auf, Kreise blinkten auf den Bildschirmen, die Hinweise zogen sich über zwei Minuten hin. Genau diese Signale wertet ein Gutachten im Auftrag der Tessiner Staatsanwaltschaft als Warnzeichen, die eine sofortige Intervention gerechtfertigt hätten.
Doch die Fahrdienstleiterin stufte die Situation als «normal» ein. Später sagte sie der Polizei: «Nach meinem Wissen können für eine solche Darstellung mehrere Gründe in Betracht kommen: ein Achszähler, der wegen einer Bewegung des Zuges falsch gezählt hat; ein Softwarefehler oder tatsächlich ein Zug, der einen oder mehrere Wagen verloren hat.»
SBB weisen Vorwürfe zurück
Das Gutachten kritisiert, dass die Fahrdienstleiterin den Lokführer nicht alarmiert und keinen Notstopp des Zugs veranlasst hat: «Es kann als sicher gelten, dass bei Umsetzung dieses Verfahrens die Folgen reduziert worden wären.»
Die SBB wiederum kritisieren das Gutachten: Die Analyse sei «isoliert» und werde von der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) und vom Bundesamt für Verkehr (BAV) nicht geteilt. «Lokführer von Güterzügen können vom Führerstand aus einen Radbruch und eine daraus folgende Entgleisung nicht bemerken», betonen die Verantwortlichen. «Wir weisen die These, die SBB hätten beim Unfall schadensmindernd handeln können, klar zurück. Die Betriebsführung der SBB hat jederzeit korrekt und gemäss den geltenden Vorschriften gehandelt.»
Streit mit Rückversicherungen
An der Haftungsfrage ändert das Gutachten nichts. Die SBB müssen ohnehin für den Schaden haften. Im September 2024 gingen die SBB von 150 Millionen aus – davon seien voraussichtlich rund 140 Millionen Franken versichert.
Wie viel die SBB Insurance AG von ihren Rückversicherern erhält, dazu wollte die SBB-Medienstelle ebenso wenig etwas sagen wie zu der Frage, wie stark die Versicherungsprämien für die SBB gestiegen sind. SonntagsBlick weiss: Die Rückversicherer schätzen den Schaden niedriger ein als die SBB, der Knatsch ums Geld dürfte sich noch länger hinziehen. «Dass die Prämien im Nachgang eines solchen Grossereignisses ansteigen, ist normal», teilt der Staatsbetrieb mit.
Gewerkschaft: «Es ist noch Luft nach oben!»
Die SBB beteuern, die Lehren aus dem Gotthard-Unglück gezogen zu haben und künftig Klangproben durchzuführen, um defekte Räder aus dem Verkehr zu ziehen: «Im Tessin läuft ein Pilotprojekt dazu.» Gewerkschafter Philipp Hadorn (59) kritisiert: «Es ist noch Luft nach oben! Es braucht unseres Erachtens eine Prüfung aller Wagen beim Eintritt in die Schweiz, übrigens betrifft dies nicht nur die SBB.»
Der Lokführer ist nach wie vor für die SBB tätig, die Fahrdienstleiterin hat letztes Jahr gekündigt. Dazu die SBB: «Die Motivation zur beruflichen Veränderung hat nichts mit dem Ereignis vom August 2023 zu tun, sondern mit persönlichen Ambitionen, beruflich etwas anderes zu tun, und privaten Gründen für den Umzug in die Westschweiz.»
*Name geändert