Von Monique Ryser (Text) und Manuel Stettler (Fotos), SI GRUEN
Seit 23 Jahren arbeitet Andreas Herren (52) bereits hier. Der gelernte Techniker TS, Fachrichtung Reaktortechnik, hat in seinem Berufsleben jahrelang gelernt, sich weitergebildet und verschiedene Arbeiten im Kernkraftwerk Mühleberg (KKM) verrichtet, bevor er vor elf Jahren zum Schichtleiter befördert wurde. Und die fachliche Entwicklung geht weiter: Er wird als einer der rund 300 Angestellten des KKW Mühleberg in den nächsten Jahren Pionierarbeit leisten, denn das Werk, das 1972 ans Netz ging, wird als erstes der fünf Kernkraftwerke der Schweiz stillgelegt.
Herrens Arbeitsplatz ist der Kommandoraum. Dort, wo das KKM gesteuert und überwacht wird. «Das Wichtigste für uns alle hier ist die Sicherheit», sagt er. «Uns darf kein Fehler unterlaufen.» In der Nacht auf den 19. August wurde der Siedewasserreaktor für die letzte Revision heruntergefahren. 46 der 240 Brennelemente wurden ersetzt, der Kernmantel untersucht, ein zusätzlicher Erdbebenschutz eingebaut. «Dadurch erreicht das KKM im letzten Betriebszyklus den höchsten Stand der Technik seit der Inbetriebnahme», schreibt die BKW dazu. Am 13. September wurde der Reaktor wieder hochgefahren, um die letzten 15 Monate Betriebszeit aufzunehmen.
Die Mitarbeitenden werden auf den Rückbau vorbereitet
2013 hatte die Leitung der BKW beschlossen, Mühleberg abzuschalten. Also begann die sechsjährige Planung für die Stilllegung. «Wir wollen den Rückbau mit unserem Personal machen», sagt Philipp Hänggi, Leiter der Geschäftseinheit Nuklear der BKW und Vorsitzender des Steuerungsausschusses für die Stilllegung. «Die oft langjährigen Mitarbeitenden kennen das Werk in- und auswendig, was uns vor Überraschungen schützt.» Zusätzliche Fachkräfte werden situativ rekrutiert. Vor allem Spezialisten für den Strahlenschutz werden in grosser Zahl benötigt, sie sind dafür verantwortlich, dass die Mitarbeitenden jederzeit vor Strahlung geschützt sind.
Die BKW musste einen genauen Plan zum Ausstieg vorlegen. Hänggi: «Wir haben zwar Erfahrungswerte und Expertisen aus anderen Ländern, in der Schweiz machen wir das aber das erste Mal.» Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation hat diesen Sommer die Stilllegungsverfügung erlassen, das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) wird diese begleiten und kontrollieren. «Im Gegensatz zu einer konventionellen Anlage dauert die Stilllegung eines KKW knapp 15 Jahre», erklärt Martin Saxer, Kraftwerkleiter in Mühleberg. 2031 will er das Areal freigeben können.
Bis es so weit ist, läuft die Anlage nach der Abschaltung noch bis 2024 im sogenannten Nachbetrieb. Die Brennelemente werden Anfang 2020 vom Reaktor ins Lagerbecken transportiert, wo sie einige Jahre abklingen werden. Gegen Ende 2020 wird dann das Lagerbecken autark betrieben. «Dafür ergänzen wir die Kühlsysteme um ein Sicherheitssystem», sagt Philipp Hänggi.
2018 präsentiert die BKW Geschichten von Menschen, die sich täglich für eine lebenswerte Zukunft einsetzen. Das Video mit Stefan Klute, Gesamtprojektleiter Stilllegung Kernkraftwerk Mühleberg, und anderen: www.bkw.ch/vernetzt
2018 präsentiert die BKW Geschichten von Menschen, die sich täglich für eine lebenswerte Zukunft einsetzen. Das Video mit Stefan Klute, Gesamtprojektleiter Stilllegung Kernkraftwerk Mühleberg, und anderen: www.bkw.ch/vernetzt
«Die Radioaktivität ist nach drei Monaten ums 1000-Fache reduziert»
Unfallszenarien seien schwer vorstellbar, so Hänggi. «Ist der Reaktor abgeschaltet, ist das, wie wenn ein Rennauto nur noch mit 1 km/h fährt. Zudem reduziert sich die Radioaktivität der Brennelemente bereits nach drei Monaten um das 1000-Fache.» Zwischen 2021 und 2024 werden die Brennelemente ins zentrale Zwischenlager Würenlingen (Zwilag) abtransportiert. Gemäss BKW sind dann 98 Prozent der Radioaktivität aus dem KKM entfernt.
Dann beginnt der nukleare Rückbau, der bis 2030 dauern soll. Aus diesem Grund hat sich der 28-jährige Miguel Morales Gutiérrez vor einem Jahr bei der BKW beworben. Er hat Maschinenbau studiert und einen Masterabschluss als Nuklearingenieur. «Im Rückbau gibt es grosse Mengen radioaktiven Abfall. In meinem Team verantworten wir die Qualität der verpackten Abfälle, der Dokumentation und der Entsorgung.» Denn: Der Abfall muss jahrhundertelang sicher gelagert werden.
92'000 Kubikmeter Abfall
Das Kernenergiegesetz schreibt vor, dass die in der Schweiz anfallenden radioaktiven Abfälle im Inland sicher gelagert werden müssen. Der Bund und alle Produzenten radioaktiver Abfälle haben dafür die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) beauftragt, einen sicheren Standort zu finden. Im August hat der Bundesrat die Bewilligung für Sondierbohrungen im Gebiet Nördlich Lägern und zwei Sondierbohrungen im Gebiet Zürich Nordost erteilt. Weitere Sondierungen sind im Gebiet Jura Ost geplant. Wie Patrick Studer, Pressesprecher der Nagra, erklärt, sind für alle fünf Kernkraftwerke mit insgesamt 92'000 Kubikmetern Abfall inklusive Verpackung zu rechnen. «Davon sind 9000 Kubikmeter verbrauchte Brennelemente und 400 Kubikmeter verglaste Abfälle aus der Wiederaufbereitung.»
Der Rest sind schwach- und mittelradioaktive Abfälle. «Nach 200'000 Jahren strahlt hochaktiver Abfall noch etwa gleich stark wie natürlich vorkommendes Uranerz», so Studer. «Wir planen ein Tiefenlager, das den Abfall sicher einschliesst, und betrachten einen Zeitraum von einer Million Jahre. Das ist für menschliche Massstäbe sehr lange, für geologische nicht: Das Gestein, in dem das Lager geplant ist, ist bereits 173 Millionen Jahre alt.» Aus Mühleberg fallen aus der Stilllegung und dem Betrieb inklusive Verpackung 600 Kubikmeter hochradioaktiver und 12'300 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Abfall fürs Tiefenlager an.
Verursacherprinzip kommt zum Zug
Für die Entsorgung radioaktiver Abfälle gilt das Verursacherprinzip. Deshalb müssen die Kernkraftwerkbetreiber für die gesamte Betriebsdauer oder aber mindestens während fünfzig Jahren in den Stilllegungs- und Entsorgungsfonds einzahlen. Das KKM ist das erste Werk, das dort einbezahltes Geld für die Stilllegung rückfordern kann. «Die Rückforderung wird, wie der ganze Prozess, erstmals auf allen Ebenen durchgespielt. Kostet es mehr, als was wir einbezahlt haben, müssen wir das ebenfalls selber berappen», betont Hänggi.
Für die Mitarbeitenden habe der Entscheid der Stilllegung Emotionen ausgelöst. «Wir sind wie eine Familie», so Kraftwerkleiter Saxer. Das bestätigt Heinz Egli (40). Als Leiter Leittechnik wird er während der Stilllegung mit seinen Mitarbeitenden weiterhin dafür sorgen, elektrotechnische Systeme instand zu halten. Eine wichtige Aufgabe ist jedoch im Moment, sein Team an die Gegebenheiten der Stilllegung heranzuführen. Kraftwerkleiter Saxer formuliert es so: «Die grössten Vorbereitungen laufen nicht im Bereich Technik und Hand-werk ab, sondern in der persönlichen Entwicklung. Flexibilität und Eigenverantwortung sind gefragt, damit eine sich täglich ändernde Anlage nicht zu einem Stressfaktor wird.» In der Zwischenzeit sei die Stilllegung Normalität geworden, alle seien darauf fokussiert. Saxer: «Mit der gleichen Professionalität, wie wir das Werk betrieben haben, wollen wir es auch stilllegen.»