Es gibt Städte, die einen sofort überwältigen. New York gehört dazu oder auch Berlin. Und dann gibt es Wien. Wien ist kein Paukenschlag, keine chaotische Arie. Die österreichische Hauptstadt ist vielmehr ein wohltemperierter Walzer aus Melange und Melancholie. Man hetzt nicht durch diese «Stadt der Träume» – man nimmt auf einem Plüschsessel Platz.
Zum Beispiel im Café Gerstner im Palais Todesco, gleich gegenüber der Oper. Hier gibts wunderbar süsse Torten, leckere Kanapees und natürlich die berühmten Wiener Würstchen. Unter einem imposanten Kronleuchter und den strengen Blicken von Mozart, Beethoven und Strauss, die aus den vergoldeten Holzrahmen an den Wänden den Besucherinnen und Besuchern Gesellschaft leisten, taucht man ab in die Geschichte.
Denn wer Wien wirklich verstehen will, tut gut daran, nicht in Eile das Museumsquartier zu durchstreifen, durch die prunkvollen U-Bahn-Stationen zu jagen oder über den Prater zu hetzen. Wien erschliesst sich nicht durch Geschwindigkeit, Wien offenbart sich im Sitzen – in einem Kaffeehaus beispielsweise, wo es um die noble Kunst des Nichtstuns geht. Gerade während der kalten Jahreszeit sind sie alleine schon eine Reise wert.
Die Wiener Kaffeehauskultur gehört seit 2011 zum immateriellen Weltkulturerbe. Während andernorts Kaffee «to go» serviert wird, um das Leben weiter zu beschleunigen, ist das Kaffeehaus in Wien ein Tempel der Entschleunigung. Der Gast, so lautet die unausgesprochene Regel, kauft sich mit einem Verlängerten nicht nur ein Getränk, sondern das Recht, stundenlang zu verweilen, Zeitung zu lesen und mit den Kellnern zu schwatzen.
Am Anfang steht eine Legende, deren Wahrheitsgehalt allerdings arg umstritten ist. Aber sie ist zu gut, um sie nicht zu erzählen: Als die Türken nach der Belagerung 1683 fluchtartig Wien verliessen, liessen sie einige Säcke mit seltsam riechenden Bohnen zurück. Ein gewitzter Geschäftsmann namens Georg Franz Kolschitzky (1640–1694) erkannte ihr Potenzial, brühte das merkwürdige Zeug auf und milderte den Geschmack mit Milch und Zucker. Voilà, der Kaffee war in Wien angekommen.
Bald darauf folgten die Stammgäste. Der Schriftsteller Peter Altenberg (1859–1919) liess sich täglich seine Post ins Café Central schicken. Auf den legendären Thonet-Kaffeehausstühlen Modell 14 nahmen alle Platz, deren Wohnungen schlecht geheizt waren: Freud und Trotzki, Ärzte und Revolutionäre. Literaten, Intellektuelle, Künstler und Architekten diskutierten über Gott und die Welt, spielten eine Partie Billard oder Schach. Nur Frauen nicht – ihnen war der Zutritt zu den Kaffeehäusern lange Zeit verwehrt.
Im Café Central atmet noch heute alles Geschichte und einen Hauch Überheblichkeit: die hohen Decken, die Marmorsäulen, der servile Charme der Kellner mit ihren schwarzen Gilets. Der Apfelstrudel ist eine Sünde, die Sachertorte natürlich ein Gedicht, die Preise wohl ein Akt kaiserlicher Selbstüberschätzung. Trotzdem lohnt es sich!
Weniger prätentiös, aber nicht minder charmant ist das Café Sperl. Mit seinen Billardtischen, den verschlissenen Samtsofas und einer Atmosphäre, als würde gleich Arthur Schnitzler zur Tür hereinkommen, ist es der perfekte Ort, um sich dem kontemplativen Müssiggang hinzugeben.
Viele der traditionellen Kaffeehäuser sehen heute noch aus wie damals. Etwa das Café Hawelka in der Innenstadt: ein bisschen schummrig, ein bisschen schrullig, aber voller Seele. An vielen der Tische sitzen Exzentriker, die sich aus purem Vergnügen Schmäh-Duelle mit dem adrett gekleideten Servierpersonal gönnen.
In Wien gibts aber auch die moderne Variante des Kaffeehauses. Jene, wie sie in den hippen Grossstädten der Welt wie Pilze aus dem Boden schiessen. Hier geht eher Cappuccino über den Tresen als Melange, Espresso statt Mokka. So in der Kaffeefabrik von Tobias Radinger. Seit 2011 verkauft der Wiener selbstgerösteten Kaffee und zaubert hübsche Verzierungen in den Milchschaum. «Am Anfang wurden wir als Herzchenmaler belächelt», sagt Radinger. Heute gehören durchgestylte Spezialitätencafés zum Wiener Stadtbild wie die prunkvollen Boulevards und unzähligen Palastbauten.
Wer sich einen Überblick verschaffen will, schreitet am besten die Ringstrasse ab. Hier befinden sich Parlament, Oper, Burgtheater und die Uni – ein Gebäude eindrücklicher als das andere. Fast wird man als republikanischer Schweizer neidisch, nie einen Kaiser gehabt zu haben. Und wer noch mehr Sissi-Feeling möchte, bucht eine Fahrt im Fiaker (Pferdekutsche) durch die Altstadt. Und auch der Stephansdom, dessen gotischer Turm aus dem Gassengewirr der Inneren Stadt ragt, ist ein Besuch wert.
Wiens wahre Kathedralen bleiben aber die Kaffeehäuser: sakrale Orte des Gesprächs, der Kunst, der Lässigkeit. Nirgendwo sonst auf der Welt ist das Nichtstun derart kultiviert und gesellschaftlich geadelt. Der berühmte Wiener Schauspieler Helmut Qualtinger (1928–1968) brachte es einmal auf den Punkt: «Die meisten sogenannten Sehenswürdigkeiten sind vom vielen Hinschauen schon ganz abgenutzt.» Wer das verstanden hat, braucht keine Sightseeing-Tour mehr. Der setzt sich in ein Café, bestellt eine Melange und wartet, bis die Stadt mit ihm spricht.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Pressereise.