Ein bisschen Literaturgeschichte: Worum geht es in Homers «Odyssee»?
Nolans Film greift einen der ältesten und wirkungsmächtigsten Stoffe der europäischen Literatur auf: Homers «Odyssee», ein Epos aus dem 8. Jahrhundert vor Christus, das von der Heimreise des griechischen Helden Odysseus nach dem Trojanischen Krieg erzählt.
Auslöser des Krieges war der Sage nach die Entführung Helenas, der Ehefrau des spartanischen Königs Menelaos, durch den trojanischen Prinzen Paris. Die Griechen fühlten sich in ihrer Ehre verletzt und zogen mit einer gewaltigen Streitmacht nach Troja. Einer der Heerführer war König Odysseus von Ithaka – jener schlaue Kopf, der die List mit dem Trojanischen Pferd ausheckte, durch die Troja schliesslich fiel.
Nach dem zehnjährigen Krieg möchte Odysseus nur noch eines: nach Hause. Doch seine Heimreise wird zu einer weiteren zehnjährigen Irrfahrt. Auf der Insel der Zyklopen gerät Odysseus mit seinen Männern in die Höhle des einäugigen Riesen Polyphem. Um zu entkommen, blendet er ihn. Aus Übermut verrät Odysseus dem Zyklopen anschliessend seinen Namen und zieht dadurch den Zorn von dessen Vater Poseidon auf sich. Der Meeresgott lässt nicht mit sich spassen: Er entfesselt Stürme, zerschmettert Schiffe und treibt Odysseus immer wieder vom Kurs ab. Verführerische Sirenen, Meeresungeheuer und mächtige Zauberinnen versperren ihm ebenfalls den Weg.
Schliesslich strandet Odysseus bei der Nymphe Kalypso. Sie hält ihn sieben Jahre lang auf ihrer Insel fest, begehrt ihn als Geliebten und bietet ihm Unsterblichkeit an. Doch Odysseus will nicht ewig leben – er will heimkehren. Erst mit der Hilfe der Göttin Athene gelingt ihm nach zehn Jahren Irrfahrt die Rückkehr nach Hause.
Marokko: Troja versinkt in Flammen
Obwohl Homers «Odyssee» erst nach dem Trojanischen Krieg einsetzt, eröffnet Nolan seinen Film mit einem gewaltigen Bild: dem brennenden Troja. Als monumentale Kulisse für die untergehende Stadt dient Aït-Ben-Haddou am Rand des Hohen Atlas.
Das befestigte Dorf ragt wie eine Festung aus der kargen Landschaft und gilt als eines der eindrücklichsten Beispiele traditioneller Lehmbauarchitektur im Süden Marokkos. Sienafarbene Häuser türmen sich übereinander, mächtige Mauern und Wehrtürme überragen ein Labyrinth aus engen Gassen. Der Ort wirkt so archaisch, als habe ihn die Zeit vergessen – und dient deshalb regelmässig als Filmkulisse. Auch «Game of Thrones» verwandelte Aït-Ben-Haddou bereits in eine Stadt aus einer anderen Welt.
Für die Aufnahmen des brennenden Troja errichtete das Filmteam neben der historischen Siedlung auf rund einem Hektar eine eigene Stadt. Für die Zerstörungsszenen brannten die errichteten Kulissen, während zahlreiche Krieger um die gefallene Stadt kämpften.
Der Anfang vom Ende Trojas spielt jedoch am Atlantik: in Essaouira westlich von Marrakesch, das für seine historische Altstadt und seine Surfstrände bekannt ist. An einem der weitläufigen Strände stossen die Trojaner im Film auf das riesige hölzerne Pferd, in dessen Bauch sich griechische Krieger verstecken. Von derselben Küste aus sticht der Film-Odysseus später in See und beginnt seine lange Irrfahrt nach Ithaka.
Reisetipp: Aït-Ben-Haddou und Essaouira lassen sich gut mit einem Mietwagen ab Marrakesch entdecken. Während die Route nach Aït-Ben-Haddou über kurvenreiche Strassen durch den Hohen Atlas führt, zieht sich die Strecke nach Essaouira westwärts bis an den Atlantik. Wer selbst fährt, sollte genügend Zeit einplanen, defensiv unterwegs sein und Nachtfahrten möglichst vermeiden. Zudem empfiehlt es sich, den Zustand des Mietwagens vor der Abfahrt sorgfältig zu kontrollieren.
Griechenland: In der Höhle des Zyklopen
Kaum eine Bucht verkörpert das idealisierte Griechenland so vollkommen wie der Strand Voidokilia im Südwesten der Peloponnes. Ein nahezu geschlossener Halbkreis aus hellem Sand umschliesst türkisfarbenes Wasser. Kein Wunder, dass der Strand nahe der Stadt Pylos ein beliebtes Ferienziel ist – und eine begehrte Filmkulisse.
Im Film wird die friedliche Bucht zur Küste der Zyklopeninsel, an der Odysseus und seine Gefährten auf der Suche nach Proviant an Land gehen. In der Nestorhöhle oberhalb des Strandes entstanden die Szenen mit dem einäugigen Riesen Polyphem, der die Griechen einsperrt und mehrere von ihnen verschlingt. Nolan drehte tatsächlich im Innern der Höhle – gemeinsam mit rund 40 Schafen.
Weiter südlich diente die mächtige Festung von Methoni als Kulisse für die Heimkehr des griechischen Heerführers Agamemnon zu seiner Frau Klytaimnestra. Die weitläufige mittelalterliche Festungsanlage von Methoni reicht bis ins Meer hinaus. Besonders eindrucksvoll ist der lange steinerne Damm, der zu einem achteckigen Wehrturm auf einer kleinen vorgelagerten Insel führt – einem der schönsten Fotomotive auf dem Peloponnes.
Reisetipp: Der Peloponnes ist noch immer ein Geheimtipp – und zählt zu den liebsten Reisezielen unseres Reiseredaktors im Mittelmeerraum. Unter den vier «Fingern» der Halbinsel ist Messenien, wo Voidokilia und Methoni liegen, für ihn die schönste Region. Neben eindrücklichen historischen Städten finden sich hier süsse Dörfer und ein Hinterland voller mediterranen Charmes.
Island: Der Weg ins Reich der Toten
Im Laufe seiner Irrfahrt reist Odysseus bis an den Eingang des Hades – und wo könnte man das Totenreich besser filmen als an den vulkanischen, schwarzen Stränden Islands?
Für diese Reise ins Jenseits wählte Nolan die schwarzen Sandflächen und Höhlen rund um den Berg Hjörleifshöfði im Süden Islands. Schwarzer Sand, erstarrte Lava und ein milchiger Himmel erschaffen eine surreale Landschaft, die gut zum Eingang ins Totenreich passt. Gedreht wurde im Juni 2025, wenn die Nacht in Island kaum mehr als eine lange Dämmerung ist. So erscheint Nolans Totenreich nicht finster, sondern in kaltes, beinahe geisterhaftes Licht getaucht. Weitere Aufnahmen entstanden auf der Halbinsel Snæfellsnes im Westen des Landes mit ihrem vergletscherten Vulkan Snæfellsjökull.
Das Setting passt: Bereits der Science-Fiction-Autor Jules Verne machte den Snæfellsjökull in seinem 1864 erschienenen Roman «Reise zum Mittelpunkt der Erde» zum Ausgangspunkt einer Expedition ins Erdinnere.
Reisetipp: Island boomt als Reiseziel – nicht zuletzt wegen seiner dramatischen Natur zwischen Vulkanen und Gletschern. Im Sommer können die bekannten Sehenswürdigkeiten stark besucht sein. Entspannter reist es sich in der Zwischensaison, etwa im Mai oder im September und Oktober.
Italien: Ithaka und der Herrscher der Winde
Die echte Insel Ithaka liegt im Ionischen Meer nordöstlich der Insel Kefalonia. Für Nolans Film schlüpft jedoch Favignana, die grösste der Ägadischen Inseln vor der Westküste Siziliens, in die Rolle von Odysseus’ Heimat. Dort thront hoch über dem Meer die Ruine des Castello di Santa Caterina, einer Burg aus dem 15. Jahrhundert. Ihre verwitterten Mauern bilden die Aussenkulisse des Palastes, in dem Königin Penelope und ihr Sohn Telemachos auf die Rückkehr des Odysseus warten.
Da keine Strasse bis zur Burg führt, mussten Cast und Crew während der Dreharbeiten täglich den steilen Aufstieg bewältigen. Wer es als Besucher nach oben schafft, wird mit einem weiten Panorama über die karge Insel und das tiefblaue Mittelmeer belohnt.
Tipp: Die Insel liegt abseits der grossen sizilianischen Touristenorte und bietet vor allem ausserhalb der Hochsaison ein authentisches Sizilien-Gefühl.
Fun Fact: Über die genaue Route des Odysseus streitet die Literaturwissenschaft bis heute. Einer Theorie zufolge ist Favignana die «Ziegeninsel» aus Homers «Odyssee». Dort jagten Odysseus und seine Gefährten Ziegen, bevor sie zum Land der Zyklopen übersetzten und dem menschenfressenden Polyphem in die Hände fielen. Nolan drehte hier also an einem Ort, der zumindest nach einer modernen Lokalisierung mit der ursprünglichen «Odyssee» verbunden ist.
Für das Reich des Windgottes Aiolos zog die Produktion weiter zu den Inseln Lipari und Vulcano. Die Äolischen Inseln werden traditionell mit dem Herrscher der Winde verbunden und tragen seinen Namen. Gedreht wurde unter anderem an den Felsen zwischen Lipari und Vulcano sowie auf dem kleinen Eiland Basiluzzo.
Reisetipp: Von den sieben Äolischen Inseln ist Lipari die grösste und am besten erschlossene. Sie bietet eine gute Infrastruktur und regelmässige Fährverbindungen. Auf den kleinen Inseln geht es ruhig zu und her. Hierher kommt man für einen gemächlichen Lebensrhythmus, zum Baden, Wandern und Entspannen. Für die Nachbarinsel Vulcano kann übrigens eine Nasenklammer nicht schaden: In der Nähe der Fumarolen entweichen vulkanische Gase, darunter Schwefelwasserstoff – es riecht nach faulen Eiern.