Darum gehts
- Katzen könnten wegen «Schnurrhaarstress» ungern aus tiefen Näpfen fressen
- 2021-Studie mit 38 Katzen zeigt keine klaren Beweise für Theorie
- 63 Prozent der Katzen bevorzugten breitere, flachere Näpfe im Test
Der Napf ist gefüllt, die Katze hat Hunger. Aber trotzdem scheint etwas nicht zu stimmen. Das Büsi nimmt einzelne Futterstücke heraus, schiebt sie mit der Pfote auf den Boden oder lässt einen Teil des Futters einfach liegen, bzw. im Napf kleben. Viele Katzenhalterinnen und -Halter machen sich nun Sorgen: Warum frisst die Katze nicht auf? War die Portion zu gross? Das Futter das Falsche? Ist sie krank?
Eine mögliche und einfache Erklärung für dieses Fressverhalten lautet «Whisker Fatigue», auf Deutsch «Schnurrhaarstress»
Die Theorie: Beim Fressen berühren die empfindlichen Schnurrhaare immer wieder die Seiten eines engen oder tiefen Napfs. Das könnte für Katzen unangenehm sein oder sie sogar überreizen. So lässt das Büsi den halb vollen Napf lieber stehen. Genau deshalb werden mittlerweile zahlreiche Futternäpfe als besonders «schnurrhaarfreundlich» angeboten. Sie sind meist breit und flach, damit die Schnurrhaare beim Fressen möglichst wenig Kontakt mit dem Rand haben.
Doch wie gut ist die Theorie wissenschaftlich belegt?
Schnurrhaare sind keine normalen Haare
Die Schnurrhaare einer Katze, wissenschaftlich Vibrissen genannt, erfüllen wichtige Funktionen. Sie sind deutlich tiefer in der Haut verankert als normale Haare und mit vielen Nerven und Sinneszellen verbunden. Mit ihnen können Katzen unter anderem Abstände einschätzen und Bewegungen und Luftströmungen in ihrer Umgebung wahrnehmen. Besonders bei wenig Licht sind die Vibrissen eine wichtige Orientierungshilfe.
Dass Schnurrhaare empfindlich sind, ist deshalb unbestritten. Daraus folgt allerdings nicht automatisch, dass der Kontakt mit einem Futternapf Stress auslöst.
Was eine Studie mit 38 Katzen herausfand
Eine 2021 im «Journal of Feline Medicine and Surgery» veröffentlichte Studie hat genau diese Frage untersucht. 38 Katzen bekamen ihr Futter sowohl aus herkömmlichen Näpfen als auch aus breiteren und flacheren Gefässen. Das Ergebnis: Zwischen den beiden Varianten zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied bei der gefressenen Futtermenge. Auch bei der Fressdauer und der Menge an Futter, die neben dem Napf landete, fanden die Forschenden keinen eindeutigen Effekt.
Interessant war allerdings die persönliche Vorliebe der Tiere: 24 der 38 Katzen bevorzugten den breiteren Napf, wenn sie zwischen beiden Varianten wählen konnten. Das entspricht rund 63 Prozent. Die Studie liefert somit keinen Beweis für Schnurrhaarstress. Sie zeigt aber, dass Katzen durchaus unterschiedliche Vorlieben bei der Form ihres Futternapfs haben können.
Auch die Aussagekraft der Untersuchung ist begrenzt: Mit 38 Tieren war die Gruppe relativ klein, und aus dem Ergebnis lässt sich nicht ableiten, dass die meisten Katzen einen breiten Napf bevorzugen.
Woran könnte man Schnurrhaarstress erkennen?
Ein einzelnes Verhalten reicht nicht aus, um Schnurrhaarstress festzustellen. Einige Katzenhalter beobachten jedoch bestimmte Muster: Die Katze holt beispielsweise Futter aus dem Napf und frisst es auf dem Boden. Sie schiebt einzelne Stücke mit der Pfote heraus oder scheint einen bestimmten Napf zu meiden. Manche Tiere fressen aus einem flachen Teller problemlos, während sie einen tiefen Napf weniger gern benutzen.
Das kann tatsächlich mit den Schnurrhaaren zusammenhängen. Muss es aber nicht. Denn auch der Standort des Napfs, andere Tiere im Haushalt, ungewohnte Gerüche oder schlicht die persönliche Vorliebe der Katze können eine Rolle spielen.
Was kann man ausprobieren?
Wer wissen möchte, ob die eigene Katze einen anderen Napf angenehmer findet, kann einen einfachen Test machen: einen tiefen Napf gegen einen breiten, flachen Teller austauschen. Dabei muss es kein spezielles und teures Produkt sein. Entscheidend ist, dass die Katze bequem an ihr Futter kommt und ihre Schnurrhaare möglichst wenig an den Seiten anliegen. Auch ein sauberer, stabiler Napf und ein ruhiger Futterplatz können dazu beitragen, dass die Katze entspannt frisst.
Wenn das Büsi den flachen Teller bevorzugt, spricht nichts dagegen, dabei zu bleiben. Selbst wenn nicht bewiesen ist, dass Schnurrhaarstress der Grund dafür ist.
Nicht jede Futterverweigerung hat mit den Schnurrhaaren zu tun
Besonders wichtig: Frisst eine Katze plötzlich deutlich weniger oder verweigert sie ihr Futter, sollte das nicht einfach mit Schnurrhaarstress erklärt werden. Zahnprobleme, Schmerzen, Übelkeit oder andere Erkrankungen können ebenfalls dahinterstecken. Eine deutliche oder anhaltende Veränderung des Fressverhaltens sollte deshalb tierärztlich abgeklärt werden.
Bestätigt ist dieses Phänomen nicht
Schnurrhaarstress ist eine plausible Theorie, aber wissenschaftlich bislang nicht eindeutig belegt. Sicher ist, dass Katzen sehr empfindliche Schnurrhaare haben und unterschiedliche Vorlieben beim Fressen zeigen können.
Ein breiter, flacher Napf kann deshalb einen Versuch wert sein. Vielleicht liegt es tatsächlich an den Schnurrhaaren. Vielleicht ist die Katze aber auch einfach wählerisch. Bei unseren Samtpfoten weiss man schliesslich nie ganz genau, was ihnen gerade durch den Kopf geht.