Darum gehts
- Dating-Apps bieten grosse Auswahl, doch selten Herzklopfen
- Endloses Swipen, belanglose Chats, immer mehr Singles sind müde von Dating-Apps
- Die Schweiz hat keine Flirt-Kultur, viele sind verunsichert
Katja Richard: Lieber Tango als Tinder
Magie gibt es auf Dating-Apps selten. Bei mir bis jetzt nur einmal. Dabei fand ich den Typen auf dem Foto nicht mal besonders attraktiv. Aber er hat mich irgendwie erwischt, wir waren sofort im Flow. Es war ein ganz normaler Dienstagabend, ich lag schon im Bett. Es ist diese Stunde vor dem Einschlafen, in der einem der leuchtende Handybildschirm vorgaukelt, man sei doch nicht ganz allein.
Er erzählte von seiner Bandprobe und wie er mit seinen Kumpels im Keller gegen die Midlife-Crisis anspielte. Er war witzig, schlagfertig, ging auf mich ein. Und wohnte tatsächlich nur fünf Minuten von mir entfernt. Als er vorschlug, spontan vorbeizukommen, fand ich das nicht plump oder blöd, sondern mutig und hot. Der Typ hatte Mumm. Am nächsten Abend trafen wir uns in einer Bar. Und es matchte auch in echt. Allerdings reichte es nur für ein paar heisse Dates. Sobald es verbindlicher wurde, nahm er Reissaus. Aber immerhin mal was Aufregendes auf Bumble.
Seither ist die App bei mir meist im Snooze-Modus. Ich muss schon ziemlich verzweifelt sein, wenn ich sie wieder aktiviere. Denn es ist immer nur: Nein, nein, nein. In Millisekunden swipe ich nach links. Die Illusion der unendlichen Auswahl, von der bei Dating-Apps so oft die Rede ist, hat ihre Grenzen. Was nützen mir 100 Sorten Erdbeerkonfitüre, wenn ich keine Erdbeeren mag? Nach zehn Minuten habe ich genug von Sonnenbrillen, Velohelmen, tätowierten Oberarmen, unscharfen Selfies und Typen, die mir die Zunge rausstrecken. Dann hat auch Bumble genug von mir. «Vielleicht änderst du deine Filter?», schlägt mir die App vor. Offenbar bin ich zu wählerisch.
Und in meinem Alter ist es ohnehin schwierig. Ich bin 56 und gehöre, glaube ich, zu den wenigen, die sich nicht jünger schummeln. Männer in meinem Alter daten offenbar lieber nach unten. Ich frage mich, wie repräsentativ diese Apps wirklich sind. Sehen die Männer in meinem Umfeld tatsächlich so aus? Alles Erdbeerkonfitüre? Das nächste Mal in der Migros, im Fitness oder in der S-Bahn werde ich genauer hinschauen.
So ein kleiner Flirt im Alltag wäre doch schon was. Ein Blick beim morgendlichen Kafi-Holen, ein Lächeln beim Überqueren der Strasse. Aber in der Schweiz haben wir keine Flirtkultur, viele sind verunsichert, Männer genauso wie Frauen, lieber kein Risiko eingehen. Im Fitnessstudio hat jeder seine Stöpsel im Ohr, und unterwegs starren alle aufs Handy. Vielleicht sind wir auch so sehr mit unseren Bildschirmen beschäftigt, dass wir gar nicht mehr merken, wenn uns jemand anschaut.
Darum gehe ich jetzt Tango tanzen. Ich mag die Eleganz, die Energie, die Regeln und dass es da ein Gegenüber gibt. Da ist ein Mann, der atmet und sich bewegt, manchmal auch eine Frau. Es geht mir nicht darum, eine Beziehung zu finden. Sondern um diesen echten Austausch, der auf Dating-Apps so oft fehlt. Da spielt es auch keine Rolle, ob ich 20 Jahre älter oder jünger bin. Es geht um die Begegnung, darum, gesehen zu werden. Das gibt mir ein Gefühl von Lebendigkeit.
Alexander Terwey: «Und, welche Pace läufst du?»
Dating ist anstrengend. Das war aber längst nicht immer so. 2015 habe ich die Dating-App Tinder zum ersten Mal genutzt. Von der Leichtigkeit von damals ist für mein Empfinden heute allerdings nichts mehr übrig. Nach meiner letzten Trennung Anfang 2024 habe ich mich immer wieder zu Dates geschleppt, obwohl ich lieber etwas anderes gemacht hätte. Ich bin mir sicher, dass es der einen oder anderen Frau ähnlich ging.
Nach ein paar Tagen Schreiben auf Bumble hat man sich zu einem Treffen verabredet. Gesprochen wurde erst über den Job, dann über die Hobbys, und irgendwann gingen die Gesprächsthemen aus. Und obendrein war ich am Ende 100 Franken ärmer. Wieder ein Abend, den ich mir hätte sparen können. Der potenzielle Partner fürs Leben ist in der Welt des Onlinedatings aber nur einen Swipe entfernt. Also spielte ich das Spiel weiter.
Ich habe durchaus interessante Frauen kennengelernt – etwa eine Chirurgin und eine Profischwimmerin, die an Olympia teilgenommen hat. Ich habe mal eine gebürtige Französin getroffen, die sich darüber beklagte, dass in der Bar, die ich ausgesucht hatte, kein französischer Wein angeboten wurde. Der Rosé aus Deutschland gefiel ihr trotzdem. Es war ein sehr lustiger Abend, und wir waren am Ende sehr betrunken.
Viele Dates fühlten sich aber eher wie ein Wettbewerb an. Dabei ging es nicht nur um die gemeinsamen Hobbys, sondern auch darum, wie gut man diese beherrscht. Es ging nicht um die Freude am Laufen, sondern darum, welche Pace man läuft. Dating in Zürich ist vielleicht auch ein Extrembeispiel. Die Dating-App Bumble ähnelt hier jedenfalls einem Hochglanz-Katalog. Willst du mithalten können, solltest du zumindest viel reisen. Besser noch, du hast zusätzlich ein besonderes und vor allem kompetitives Hobby.
Ich habe mal eine Frau getroffen, die mit ihrer Auswanderung in die Schweiz das Snowboarden für sich entdeckt hat. Sie redete über fast kein anderes Thema. Mehrmals pro Woche ging es für sie auf die Piste. Ich wüsste nicht einmal, wie ich das mit meinem Job unter einen Hut bringen würde. Abgesehen davon habe ich das letzte Mal mit 13 Jahren auf Ski gestanden. Man spricht in diesem Fall von einem Mismatch. Ich denke, das war uns beiden schon nach dem ersten Treffen klar. Trotzdem haben wir uns noch zu einem zweiten Date überwunden, bevor wir letztendlich beschlossen, uns nicht weiter zu treffen.
Skydiving? Auch noch nie gemacht. Nein, ich bereite mich auch nicht auf einen Triathlon vor. Ja, vielleicht bin ich deswegen ein Langweiler. So what. Meiner Partnerin ist all das zum Glück egal. Auch sie habe ich übrigens über Bumble kennengelernt. Es kann also auch in der Welt des Onlinedatings klappen.
Barbara Lanz: «Schläfst du in Unterwäsche oder nackt?»
Tinder, Bumble, Hinge, Badoo und Schnibedibu: Ich hatte sie alle. Über die Jahre sogar mehrmals. Single bin ich schon länger und damit rundum zufrieden. Wenn aber wie jetzt die Abende wieder dunkel werden und es draussen hudelt, gibt es die Momente, in denen ich denke: Ach, jetzt wärs schon noch schön, mit jemandem zu kuscheln und die Welt draussen zu vergessen. So auch letzten Herbst, als ich meinen bisher letzten Versuch mit einer Dating-App wagte.
Profil erstellen, swipen, matchen. Kaum hatte ich mich wieder in den Dating Pool gestürzt, erinnerte ich mich auch wieder an all die tote Zeit, die dieses Spiel mit sich bringt. Aber die Optimistin in mir sagte: Barbara, das kommt schon gut. Spoiler: Kam es nicht.
Messages wie «Hey» brachten mich schon immer auf die Palme. Und sie kamen wieder. Die gesprächigeren Matches schafften noch ein «Hübsch» dazu. Unzählige solcher Non-Konversationen führte ich über einige Tage. Dazu kamen aber dann vor allem jene, in denen mein Gegenüber sehr schnell sehr konkrete Fragen an mich hatte: «Kannst du mir ein Ganzkörperbild schicken, auf dem ich deine Figur besser erkennen kann?», «Schläfst du in Unterwäsche oder nackt?» und mein Favorit: «Könntest du dir vorstellen, deine Haare blond zu färben, bevor wir uns treffen?».
WTF ist da bloss los? Nach zehn Tagen Onlinechats habe ich die App wieder gelöscht. Denn das, was ich da gelesen habe, liess mich so sehr zweifeln, dass ich ganz schnell flüchten wollte. Nicht nur ist mir meine Zeit zu wertvoll, um sie für solche Erfahrungen zu verschwenden. Ich will auch keine frustrierte Single-Frau werden, die den Glauben an die Liebe verloren hat. Denn sind wir mal ehrlich: Wer hat schon gerne das Gefühl, eine austauschbare Nummer zu sein, die, wenn sie nicht ins Raster passt, so schnell uninteressant ist, dass man sich nicht mal mehr verabschiedet.
Man mag mir jetzt vorwerfen, dass ich mich halt auch ein bisschen bemühen müsste. Ja, das hätte ich imfall gerne getan. Auf Fragen meinerseits habe ich genau einmal eine Antwort mit mehr als einem Wort erhalten.
Ich: «Du schreibst, du kochst gerne. Was ist dein Signature Dish?»
Er: «Ich mache lieber dich heiss als eine Pfanne, da bekommst du Hunger auf etwas anderes als Essen.»
Ähä. Eine kleine Konversation, die im Idealfall zu einem Treffen führt, hätte ich durchaus gerne geführt. Aber dann mit jemandem, der mich nicht zuerst umstylen will und keinen Ganzkörperscanner in die Bar mitschleppt. Vielleicht hätte er ja sogar Hunger (auf Essen), und ich würde ihm mein Signature Dish kochen.
Martin Schmidt: Komplizierter als Zürich gehts nicht
Ich habe im Ausland gedatet, in Bern, in Basel, in Winterthur und im Wallis, wo ich herkomme – an keinem Ort ist die Dating-Welt so kompliziert wie in Zürich. Nirgends bin ich mit derart konkreten Vorstellungen konfrontiert, wie der künftige Partner zu sein hat.
Dating-Apps verstärken diesen Effekt zusätzlich: Trotz all der Subkulturellen in der Stadt scheinen auf diesen Plattformen zwei Gruppen völlig übervertreten zu sein: Ausländerinnen, die Ernährer suchen. Und Frauen, die hart arbeiten, wenig Zeit haben und in ihrer Freizeit auf den Putz hauen. Wer in Zürich viel Geld ausgibt, zeigt: Er oder sie hat es geschafft. In dieser Gruppe sind auch viele Expats mit Topjobs zu finden.
Im einen Fall war die gegenseitige Anziehung von Anfang an da. Doch es war dann einfach zu anstrengend – und zu teuer. Der Mann muss in seiner männlichen Energie sein. Wie ich gelernt habe, heisst das, ich mache sehr oft mein Portemonnaie auf. Ein Partner, der ohne nachzudenken Geld rauswerfen kann. Auch das ist in Zürich ein Zeichen dafür, auf der Gewinnerseite zu stehen.
Die sechs Abendessen in Folge konnte ich mir noch leisten. Die Bemerkung, ein gutes Geburtstagsgeschenk sei eine Luxushandtasche, lächelte ich weg. Aber dieser hedonistische Lifestyle ging auch mit einem völligen Desinteresse an Gesprächen über Gesellschaft und Politik einher. Das war mir dann zu viel des Guten.
Dabei verbirgt sich unter der häufig sehr stylischen Fassade in Zürich ganz viel Verkorkstheit – hüben wie drüben. Der gefühlte soziale Druck in der Wirtschaftsmetropole führt zu einer Hatz nach Perfektion, die auch auf mich abfärbt. Im Gym stähle ich meine Muskeln neben Frauen mit Körpern wie an einer Laufstegshow von Victoria's Secret. Bauchspeck oder Falten im Gesicht passen nicht zu Zürich – so das Selbstverständnis.
Oft höre ich abends im Gym, dass die Leute nach dem Training heimgehen und weiterarbeiten. Die fehlende Zeit ist bei der Partnersuche in Zürich eine weitere Hürde. Da muss das Dating-Leben maximal effizient sein: Ich erhalte auf Apps Fragenkataloge zugestellt und werde an Treffen interviewt.
Auf den Apps herrscht auch ein völliges Missverhältnis: Es hat viel mehr Männer als Frauen. Die Folge: Als Typ fühlt man sich gern mal in die Rolle des Entertainers gezwungen. Eine Nachricht, die missverstanden wird, und das Gespräch ist vorbei.
Manchmal halte ich mich für lustig. Dann antworte ich auf eine Einstiegsfrage wie «Was liest du?»: «Deine Handlinien, und ich sage dir dann, ob das mit uns etwas werden könnte.» Onlinedating kann auch lehrreich sein – und ein Realitätscheck. Ich merke, dass ich nicht halb so humorvoll bin wie erhofft.
Die Apps zu löschen, fühlt sich jeweils wie eine Erleichterung an. Doch mit Ende 30 bewege ich mich im Büro, im Gym und treffe Freunde. Zufallsbekanntschaften ergeben sich selten. Und da die sporadischen Versuche, live jemanden kennenzulernen, nicht fruchten, lande ich früher oder später wieder auf den verhassten Apps.