Sonntagabend. Mann und Frau sitzen auf dem Sofa. Es läuft «Tatort». Der Mann glaubt, dem Mörder bereits auf die Schliche gekommen zu sein. Die Frau denkt: «Die Geschirrspülmaschine! Wir müssen sie vor dem Schlafengehen noch laufen lassen. Ach, und die Milch! Fast leer. WC-Papier habe ich heute Morgen auch die letzte Rolle aus dem Schrank genommen. Morgen muss ich einkaufen. Und die Wäsche! Hängt immer noch im Trocknungsraum. Was denken die Nachbarn?» Der Mann ist sich inzwischen ganz sicher, wer der Mörder ist.
Mental Load. Der Name ist etwas gstabig. Frau weiss aber sofort, was damit gemeint ist. Diese unendliche To-do-Liste im Kopf. Sie lässt viele Frauen nicht zur Ruhe kommen. Tagein, tagaus.
Frauen wissen, dass der grösste Teil des Haushalts und der Kinderbetreuung auf sie zurückfällt. Das Bundesamt für Statistik bestätigt es: Frauen wenden 28,1 Stunden pro Woche für Haus- und Familienarbeit auf, Männer 17,9.
Die Frau macht Zweite
Klar, jetzt kommt das Argument: Ist doch logisch, macht die Frau mehr zu Hause. Die meisten Frauen arbeiten in der Schweiz nach dem ersten Kind Teilzeit. Der Mann hingegen Vollzeit. Patricia Cammarata (45) lässt das nicht gelten. Sie hat ein Buch darüber geschrieben: «Raus aus der Mental-Load-Falle. Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt». Sie sagt: «Mental Load und das ganze Ausführen beansprucht viel mehr Zeit als die Differenz, die der Mann mehr arbeitet. Aber die sogenannte Erwerbsarbeit zählt mehr als Sorgearbeit. Das bedeutet: Die Frau macht Zweite.
In der Debatte um Mental Load geht es nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern das Problem zu erkennen. Denn das grosse Ungleichgewicht ist vielen Frauen selbst nicht klar. Cammarata: «Das Thema kommt in Partnerschaften oft viel zu spät auf den Tisch.»
Wenn man Männern vom Dauerstress ihrer Frauen erzählt, so wie es etwa in den Sitzungen der Paartherapeutin und Psychotherapeutin Felizitas Ambauen (39) in Nidwalden vorkommt, ist vielen Männern gar nicht bewusst, dass ihre Frauen so viel organisieren. Männer, so Ambauen, haben gelernt, dass sie erstens erst mal auf sich selbst schauen dürfen. Und zweitens es eine Frau gibt, die Dinge erledigt. So zuverlässig, dass die Männer gar nie sehen, was alles erledigt werden muss.
In ihrem Praxisalltag erlebt Ambauen immer wieder Männer, die meinen, gleichberechtigt zu sein. «Sexismus ist implizit», sagt die Paartherapeutin. Das bedeutet: Ohne es zu realisieren, finden auch diese Männer, dass es die Arbeit der Frau ist und sie dankbar sein könne, wenn er ihr hilft. Zum Begriff «helfen» kommen wir später noch.
Warum ist Frau verantwortlich für die Hose des Mannes?
«Schaaaahaaatz??! Wo ist meine Hose?» Cammarata nennt dies einen «verschlüsselten Mental-Load-Ruf». Wo soll die Hose denn sein? Im Schrank. Und warum hat die Frau die Verantwortung für die Hose des Mannes? Und warum stehen Männer immer irgendwo davor und rufen? Und warum müssen dann immer die Frauen herbeieilen?
Wenn eine Frau Mental Load anspricht und das Phänomen erklären möchte, kann die Reaktion des männlichen Gegenübers sein: «Ist es denn oft nicht selbst verschuldet?» Beide Expertinnen sagen: Nein.
«Frau will nicht zu viel», sagt Ambauen. «Sie hat oft den grösseren Leidensdruck.» Es ist immer wieder vom Perfektionismus der Frauen die Rede. Oft ist es aber einfach Pragmatismus, sagt Psychologin Cammarata. Dinge so zu erledigen, dass gewisse Abläufe besser funktionieren.
So läuft es im Alltag
Bei einem Paar aus Bern war von Anfang an klar, dass sie an alle Geburtstage denkt und alle Geschenke kauft. Auch für seine Familie und Freunde. Würde sie es nicht tun, würde man am besagten Tag mit leeren Händen und einem schlechten Gewissen vor der Türe stehen. Deshalb tut sie es und nicht, weil sie es liebt. Ein Geschenk kaufen ist nicht bloss losziehen und es aufs Band legen. Es geht darum, an den Geburtstag zu denken, sich zu überlegen, was man schenken könnte, zu wissen, ob es passt oder ob man das letztes Jahr schon geschenkt hat, und es schliesslich zeitgerecht zu besorgen und zu verpacken.
Eine junge Familie fährt am Wochenende oft ins Ferienhaus. Jeden Freitag ist die junge Mutter gestresst: Sie räumt die Wohnung auf, weil sie sie nicht unordentlich verlassen will, sie packt für sich und die Tasche für das Baby. Während er stets bis zur letzten Minute am Computer im Homeoffice arbeitet und ihn erst abschaltet, wenn alles gepackt und die Familie parat zum Losfahren ist. Er versteht nicht, dass sie so gestresst ist.
Eine Freundin erzählte: Immer wenn ihr Neffe Geburtstag hat, fragt sie dessen Mutter, was er brauchen könnte. Nicht den Vater, der ihr Bruder ist und mit dem sie eigentlich viel enger ist. Es fiel ihr auf, und sie wollte es ändern. Beim nächsten Geburtstag fragte sie also ihren Bruder, den Vater des Geburtstagskindes. Und was antwortete dieser? «Frag doch noch meine Frau. Die weiss das besser!»
Realität versus Ideal
Das Hauptproblem: Das Sich-um-alles-Kümmern wird der Frau angeheftet, wie die Sohle einem Schuh. Doch es ist weder biologisch bedingt noch angeboren. Es ist sozialisiert. Ein vor Jahrhunderten gemachtes Konstrukt also, in dem wir immer noch festhängen. Am deutlichsten wird es, wenn das erste Kind zur Welt kommt.
Es ist das oben bereits erwähnte Muster: Die Frau arbeitet nun Teilzeit und versorgt das Kind, der Mann ist für die finanzielle Versorgung zuständig. Fairer Deal, sagen die Männer. Cammarata sagt: «Das geht nicht auf.» Es werde übersehen, dass Care-Arbeit aufwendiger und kräftezehrender ist, und diejenige, die nicht erwerbstätig ist, nicht in die Pensionskasse einzahlt. Umgekehrt muss die erwerbstätige Person ständig liefern und kann nicht einfach so kündigen.
Cammaratas Lösung: Beide haben ein ähnliches Erwerbsarbeitspensum. Die ideale Ausgangsbasis für ein Gleichgewicht von Mental Load und Care-Arbeit.
Bloss: Realität ist das nicht. Eine kürzlich publizierte Studie der Zeitschrift «Annabelle» und des Meinungsforschungsinstituts Sotomo befragte 6500 Frauen zu ihrem Befinden. Dabei stand die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau im Zentrum. Das Resultat: 81 Prozent geben an, dass sie unter mentaler Belastung (Mental Load) leiden.
Frauen haben einen Kompetenzvorsprung
Auch Männer haben Mental Load. Paartherapeutin und Psychotherapeutin Ambauen sagt: «Der Mental Load der Männer besteht aus selteneren, klarer umrissenenen To-dos: Reifen wechseln, Ferien buchen, neuen Rasen säen ...»
Männer reden sich oft heraus, indem sie zu ihrer Frau sagen: «Du kannst das eh viel besser als ich!» Sie haben recht. Wenn sich die Frau jahrelang um das Geschenk der Schwiegermutter kümmert, weiss die Frau, was die Schwiegermutter schon geschenkt bekommen hat und was ihr gefallen würde. Wenn sich die Frau in den ersten Monaten Tag für Tag um den Säugling kümmert, weiss die Frau, was er braucht.
Bloss beweisen zahlreiche Studien: Das Baby zieht die Mutter dem Vater nicht vor, wenn er in den ersten Monaten genauso verfügbar ist wie die Mutter. Zu Schwiegermutters Geburtstag gibt es keine Studien. Aber es ist das gleiche Prinzip. Kompetenzvorsprung, nennt sich das. Und den Kompetenzvorsprung haben eben die Frauen. Die Lösung: Die Frau muss dem Mann zeigen, wie er es machen muss, damit er genauso gut wird, wie sie bereits ist.
Jetzt könnte man aufschreien und anmerken: Es führt zu Konflikten, wenn sie ihm sagt, was er zu tun hat! Ambauen sagt: Mann und Frau müssen sich auf erwachsener Ebene treffen, das Ziel ist ja eine gute Lösung für beide. Hat sie es einmal erklärt, darf sie sich nicht nerven, wenn er es dann anders macht. Also sie darf schon, aber leise. Vielmehr muss sie es aushalten können – auch dann, wenn der Partner in den Augen der Kinder etwas besser macht. Die Mutter muss loslassen, gewisse Dinge gar nicht mehr machen. Einfach gesagt: Wollen Frauen weniger Mental Load, müssen sie abgeben oder sich weniger aufladen.
Warum Delegieren nicht die Lösung ist
Ein Pärchen spricht über die mentale Belastung der Frau. Sie sagt: Ich koche morgens, bevor ich zur Arbeit gehe für meine Familie, weil ich Angst habe, dass es sonst nichts Gesundes gibt. Er sagt: Diesen Stress hast nur du. Ich würde schon was kochen. Notfalls auch direkt mit den Kindern einkaufen gehen.
Der Mann spricht etwas Wichtiges an: «Ich will, dass meine Frau mir Dinge delegiert. Sie soll genau sagen, was ich wann machen soll, und dann tue ich es.» Das ist auf der einen Art eine gute, kurzfristige Lösung. Aber nicht auf Dauer. Aus zwei Gründen: Wenn Frauen ständig delegieren, bemuttern sie den Mann. Es kommt zu einer Schieflage in der Beziehung. Dass diese nicht gut ist, merken früher oder später beide. Der zweite Grund: Nur weil die Erledigung weiterverteilt ist, ist es noch keine Entlastung. Er müsste selber ans Einkaufen, an den Anruf beim Arzt und an die Wäsche denken. Abgeben beinhaltet alles von A bis Z.
Und Ambauen sagt zudem, was die meisten nicht hören wollen: «Eine Beziehung ist einfach huara Arbeit.» Überall stecken wir Energie hinein, nur nicht in unsere Paarbeziehung. Vorwürfe à la «ich mache immer, du machst nie» helfen nicht weiter, genauso wenig helfe eine Milchbüechli-Rechnung, sagt Ambauen. Wenn man genau hinschaue, sei es nie ganz «gleich», aber das müsse es auch nicht. Es müsse sich gerecht anfühlen. Darum geht es: um Gerechtigkeit. Nicht ums Helfen. «Frauen brauchen keinen Helfer, sie brauchen einen Partner auf Augenhöhe, der seinen Anteil übernimmt», sagt Ambauen. Die deutsche Autorin Katja Dittrich twitterte einmal passend dazu: «Ich brauche keinen Mann, der mir im Haushalt hilft. Es reicht, wenn er seine Hälfte der Hausarbeit macht, meine Hälfte schaffe ich alleine.»
Frau wendet Tag für Tag sehr viel Zeit auf, um eine Familie am Laufen zu halten. Es nützt niemandem, wenn sie irgendwann zusammenbricht, weil sie die Last alleine nicht mehr tragen kann. Am besten überlegen Sie sich als Frau, ob Sie an Mental Load leiden. Und Männer sollten einmal bewusst darauf achten, was Frauen alles tun. Konkret: Bitten Sie Ihre Partnerin einmal darum, alles aufzuschreiben, was sie so organisiert. Sie werden erschrecken.
1. Eine Liste machen: Wenn Sie das Gefühl haben, an Mental Load zu leiden, setzen Sie sich hin und schreiben Sie alles auf, was Sie gerade im Kopf haben. Es hilft bereits, die To-dos vor sich zu sehen. Wer kennt es nicht: Man will einschlafen, aber es geistert noch zu viel im Hirn herum und man hat Angst, etwas am nächsten Tag zu vergessen. Möglich ist auch ein Mindmap, Psychologin Patricia Cammarata rät zu einer Excel-Tabelle. Die Methode wählt jede für sich.
2. Aussortieren: Gehen Sie die Punkte genau durch. Was ist dringend? Was wichtig? Was beides? Und was machen Sie nur, weil Sie denken, Sie müssten es tun? Wenn Sie weniger Mental Load wollen, müssen Sie sich auch weniger aufladen.
3. Mit dem Partner sprechen: Erklären Sie Ihrem Partner, wie Sie sich fühlen. Die meisten Männer sehen schlichtweg nicht, was ständig in Ihrem Kopf abgeht. Wenn Sie ihm die Liste zeigen und er dahinter immer Ihren Namen sieht, wird auch er sehen, dass etwas schiefläuft.
4. Arbeiten aufteilen: Psychotherapeutin Felizitas Ambauen nennt dies «Teamsitzung». Der Name würde den Beziehungscharakter etwas in den Hintergrund rücken und aus den Partnern ein Team machen, das gemeinsam ein Unternehmen leitet. Vielen Paaren falle es so leichter, Abstand zu nehmen von Vorwürfen à la «aber ich hab schon, du musst noch». Man schreibt gemeinsam auf, was zu tun ist, was wer macht und verteilt es verbindlich. Und das jede Woche. «Es ist wichtig, Weg und Ziel zu unterscheiden. Wenn ihr euch über die Ziele geeinigt habt (Rom!), dann kann jeder oder jede seinen Weg dorthin frei wählen», sagt Cammarata,
5. «Frauen können damit beginnen, rigoros Dinge zu ignorieren. Die leere WC-Papier-Rolle etwa. Nichts delegieren, nichts selber machen – es einfach nicht tun», sagt Autorin und Psychologin Cammarata. Sie sagt, man könne den Partner ruhig mal ins offene Messer laufen lassen, wenn er an etwas nicht gedacht hat, und sich nicht einmischen. Natürlich muss man das erst aushalten, und Cammarata fügt an: «Natürlich nur da, wo keine Gefahr besteht.»
Patricia Cammarata (45), Autorin und Psychologin aus Berlin. Buch «Raus aus der Mental-Load-Falle», Beltz; Blog: www.dasnuf.de
Felizitas Ambauen (39), Paartherapeutin aus Nidwalden. Podcast «Beziehungskosmos», auch Workshops für Paare, www.ambauen-psychologie.com
1. Eine Liste machen: Wenn Sie das Gefühl haben, an Mental Load zu leiden, setzen Sie sich hin und schreiben Sie alles auf, was Sie gerade im Kopf haben. Es hilft bereits, die To-dos vor sich zu sehen. Wer kennt es nicht: Man will einschlafen, aber es geistert noch zu viel im Hirn herum und man hat Angst, etwas am nächsten Tag zu vergessen. Möglich ist auch ein Mindmap, Psychologin Patricia Cammarata rät zu einer Excel-Tabelle. Die Methode wählt jede für sich.
2. Aussortieren: Gehen Sie die Punkte genau durch. Was ist dringend? Was wichtig? Was beides? Und was machen Sie nur, weil Sie denken, Sie müssten es tun? Wenn Sie weniger Mental Load wollen, müssen Sie sich auch weniger aufladen.
3. Mit dem Partner sprechen: Erklären Sie Ihrem Partner, wie Sie sich fühlen. Die meisten Männer sehen schlichtweg nicht, was ständig in Ihrem Kopf abgeht. Wenn Sie ihm die Liste zeigen und er dahinter immer Ihren Namen sieht, wird auch er sehen, dass etwas schiefläuft.
4. Arbeiten aufteilen: Psychotherapeutin Felizitas Ambauen nennt dies «Teamsitzung». Der Name würde den Beziehungscharakter etwas in den Hintergrund rücken und aus den Partnern ein Team machen, das gemeinsam ein Unternehmen leitet. Vielen Paaren falle es so leichter, Abstand zu nehmen von Vorwürfen à la «aber ich hab schon, du musst noch». Man schreibt gemeinsam auf, was zu tun ist, was wer macht und verteilt es verbindlich. Und das jede Woche. «Es ist wichtig, Weg und Ziel zu unterscheiden. Wenn ihr euch über die Ziele geeinigt habt (Rom!), dann kann jeder oder jede seinen Weg dorthin frei wählen», sagt Cammarata,
5. «Frauen können damit beginnen, rigoros Dinge zu ignorieren. Die leere WC-Papier-Rolle etwa. Nichts delegieren, nichts selber machen – es einfach nicht tun», sagt Autorin und Psychologin Cammarata. Sie sagt, man könne den Partner ruhig mal ins offene Messer laufen lassen, wenn er an etwas nicht gedacht hat, und sich nicht einmischen. Natürlich muss man das erst aushalten, und Cammarata fügt an: «Natürlich nur da, wo keine Gefahr besteht.»
Patricia Cammarata (45), Autorin und Psychologin aus Berlin. Buch «Raus aus der Mental-Load-Falle», Beltz; Blog: www.dasnuf.de
Felizitas Ambauen (39), Paartherapeutin aus Nidwalden. Podcast «Beziehungskosmos», auch Workshops für Paare, www.ambauen-psychologie.com