Ob Roman, Krimi, Zeitschrift oder Comic: Wer gerne liest, tut offenbar auch etwas für sein Gehirn. Forschende der Universität Cambridge haben gemeinsam mit der britischen Organisation The Queen's Reading Room zahlreiche Studien zu den Auswirkungen des Lesens ausgewertet.
Das Ergebnis: Lesen zum Vergnügen wird mit besserem Wohlbefinden, weniger Stress und Einsamkeit sowie einer höheren Empathie in Verbindung gebracht. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass geistig anregende Tätigkeiten wie Lesen den kognitiven Abbau im Alter bremsen können.
Dabei spielt offenbar nicht die Literaturgattung die entscheidende Rolle. Es muss also nicht zwingend der anspruchsvolle Klassiker sein. Auch ein Krimi, eine Zeitschrift oder ein Comic kann eine Form des Lesens sein.
Lesen wird mit geringerem Demenzrisiko verbunden
Besonders interessant ist der Zusammenhang mit Demenz. Eine Studie mit fast 5500 Erwachsenen ab 55 Jahren zeigte, dass Menschen, die regelmässig Tätigkeiten wie Lesen nachgingen, während einer fünfjährigen Beobachtungszeit seltener kognitive Beeinträchtigungen entwickelten.
Eine weitere Untersuchung kam zu einem noch konkreteren Ergebnis: Lesen von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern war mit einem um 33 Prozent niedrigeren Risiko für Alzheimer verbunden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Buch vor Alzheimer oder Demenz schützt. Die meisten der ausgewerteten Studien zeigen Zusammenhänge. Ob und in welchem Ausmass Lesen selbst für den geringeren Risikoverlauf verantwortlich ist, lässt sich daraus nicht eindeutig ableiten.
Was passiert dabei im Gehirn?
Lesen fordert gleichzeitig verschiedene geistige Fähigkeiten. Wir müssen Wörter erkennen, Informationen miteinander verbinden, uns an Figuren und Handlungen erinnern und Schlussfolgerungen ziehen. Bei Romanen kommt zudem die Vorstellungskraft hinzu.
Auch Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren weisen auf Unterschiede in Hirnregionen hin, die unter anderem mit Sprache, Lernen, emotionaler Regulation und der Steuerung komplexer Aufgaben zusammenhängen.
Die Forschenden betonen deshalb: Lesen kann eine einfache Möglichkeit sein, das Gehirn regelmässig geistig zu fordern. Und dafür muss man nicht erst im Rentenalter anfangen.
Schon fünf Minuten können einen Unterschied machen
Wie viel muss man dafür lesen? Eine von The Queen's Reading Room in Auftrag gegebene Untersuchung kam zum Ergebnis, dass bereits fünf Minuten Belletristik mit einer deutlichen Verringerung von Stress verbunden sein können. Die Cambridge-Übersicht führt diese Untersuchung ebenfalls auf.
Fünf Minuten sind natürlich kein medizinischer Schutzschild gegen Demenz. Aber sie zeigen, wie niedrig die Einstiegshürde sein kann: ein paar Seiten vor dem Schlafengehen, im Zug oder während der Kaffeepause.
Und wer länger liest, bekommt möglicherweise noch einen weiteren Vorteil: Wer sich in einem Buch verliert, sitzt für eine Weile nicht vor dem Smartphone.
Auch gemeinsam lesen kann guttun
Lesen muss zudem keine einsame Beschäftigung sein. Buchclubs und gemeinsame Leserunden verbinden die geistige Anregung mit sozialen Kontakten.
Laut den Forschenden kann dieser soziale Aspekt ebenfalls wichtig sein. Gemeinsames Lesen kann Einsamkeit verringern und das Gefühl stärken, mit anderen verbunden zu sein. Gerade im höheren Alter kann das interessant sein, wenn andere gemeinsame Aktivitäten aufgrund eingeschränkter Mobilität schwieriger werden.
Und was ist mit Kindern?
Die möglichen Vorteile beginnen offenbar schon früh. Eine Studie mit mehr als 10'000 Kindern und Jugendlichen zeigte, dass jene, die schon in jungen Jahren aus Freude zu Büchern griffen, unter anderem bessere Aufmerksamkeit, Gedächtnis- und Problemlösungsfähigkeiten aufwiesen. Auch schulische Leistungen und psychische Gesundheit waren besser.
Das bedeutet nicht, dass Eltern ihre Kinder nun zum täglichen Bücherlesen zwingen müssen. Die Forschenden empfehlen vielmehr, etwas zu finden, das Kinder tatsächlich interessiert. Das können auch Comics oder Graphic Novels sein.
Lesen wird gleichzeitig immer schwieriger
Das Thema bekommt zusätzliche Brisanz, weil die Lesekompetenz junger Menschen weltweit unter Druck steht. Die neuesten PISA-Ergebnisse der OECD zeigen für 2025 den bisher niedrigsten OECD-Durchschnitt bei der Lesekompetenz. An der Untersuchung nahmen rund 760'000 15-Jährige aus 91 Ländern und Volkswirtschaften teil.
Die OECD berichtet zudem, dass die durchschnittlichen Leseleistungen in den OECD-Ländern zwischen 2015 und 2025 um 28 Punkte zurückgingen. Gleichzeitig werden Fähigkeiten wie das Bewerten von Informationen, das Verknüpfen verschiedener Quellen und kritisches Lesen angesichts von KI und digitaler Informationsflut immer wichtiger.
Vielleicht ist die alte Gewohnheit deshalb aktueller denn je: Buch nehmen, Handy weglegen und einfach lesen.
Denn eines zeigt die neue Cambridge-Übersicht ziemlich deutlich: Lesen ist nicht nur eine Möglichkeit, sich eine Geschichte erzählen zu lassen. Es kann zugleich eine Form geistiger Aktivität, Entspannung und sozialer Verbindung sein.
Dieser Artikel erschien erstmals auf Onet.pl.