Jedes Jahr ersticken in der Schweiz rund 60 Menschen an Essen, das in den falschen Hals gerät, also in die Luft- statt in die Speiseröhre. Das müsste nicht sein, sind Notfallmediziner überzeugt. Voraussetzung dafür: Mehr Menschen müssten wissen, wie sie richtig reagieren. Und das wäre im Prinzip relativ einfach, wie Professor Joseph Osterwalder, Chefarzt der Zentralen Notfallaufnahme am Kantonsspital St. Gallen, sagt: «Fragen Sie den Betroffenen zuerst, ob er etwas verschluckt habe. Solange er nämlich sprechen kann, bekommt er genügend Luft, und so lange ist genügend Zeit.»
Auch für Monika Brodmann Maeder, Mitglied der ärztlichen Leitung des Universitären Notfallzentrums am Berner Inselspital und Notärztin bei der Sanitätspolizei Bern, ist klar: «Das Wichtigste ist bei allen Notfällen, dass man Ruhe bewahrt.» Das gilt sowohl für den Betroffenen wie für die Erste-Hilfe-Leistenden. Häufig sei die Situation weniger schlimm als anfangs angenommen. «Viele Fremdkörper, die in den falschen Hals geraten, können gut wieder ausgehustet werden.» Deshalb ist als Erste-Hilfe-Massnahme sehr wichtig, dass man Betroffene Husten lässt. Hilfreich sei auch das Trinken von stillem Wasser.
«Klopfen auf den Rücken kann genau das Gegenteil bewirken»
Absolut tabu ist das weit verbreitete Klopfen auf den Rücken oder die Schulter. «Das kann genau das Gegenteil bewirken, und die Blockade rutscht erst richtig in die Luftröhre», erklärt Joseph Osterwalder. Dann wird es gefährlich. Um den Fremdkörper herauszupumpen, stellt oder kniet man sich laut Osterwalder am besten hinter das Opfer und legt ihm beide Arme um den Brustkorb auf die Mitte des Brustbeins. «Eine Hand schliessen Sie dabei zur Faust. Damit drücken Sie nun mehrmals schnell und kräftig gegen das Brustbein.»
Fleisch und Wurst sind, zumindest bei Erwachsenen, eines der häufigsten Lebensmittel, das zu Problemen führt. Osterwalders Tipp deshalb: «Schneiden Sie das Fleisch und die Würste in kleine Stücke, und vor allem schlingen Sie das Essen nicht runter.» Gefährdet sind Betrunkene, die nicht mehr richtig kauen, sich verschlucken, dann die Brocken wieder hochwürgen oder erbrechen – und die so in die Luftröhre gelangen.
Ebenfalls häufig betroffen vom Verschlucken sind kleine Kinder: «Sie stopfen sich Erdnüssli, Murmeln und andere kleine Spielsachen in die Nase oder wollen sie essen», erläutert Monika Brodmann Maeder das Problem. «Dabei kann es zu einem Verrutschen dieser Gegenstände in die Luftröhre oder weiter in die Bronchien kommen.»
Blockieren die Atemwege, zählt jede Sekunde
Blockieren die Atemwege dadurch komplett, kann die betroffene Person nicht mehr atmen. «Greift sich das Opfer also mit weit offenen Augen an den Hals und verliert schon nach kurzer Zeit das Bewusstsein, liegt ein absoluter Notfall vor», sagt die Berner Ärztin. Nun zählt jede Sekunde: Wichtig ist deshalb, dass Umstehende sofort den Notdienst unter Nummer 144 alarmieren.
«Da es schnell zu einem Atem- und Kreislaufstillstand kommt, ist die einzige sinnvolle Hilfe, sofort mit Wiederbelebungsmassnahmen zu beginnen, also mit Herzmassage und Beatmung.» Das pumpt einerseits den Fremdkörper aus den Atemwegen. Und es hält andererseits den Blutfluss am Zirkulieren. Das Hirn wird also weiter mit Sauerstoff versorgt.
Bleibt jedoch ein Fremdkörper auf seinem Weg in den Magen in der Speiseröhre stecken, hilft ein alter Trick: Das Essen von Joghurt oder breiartigen Speisen kann nämlich mithelfen, dass der Fremdkörper weiter hinunter in den Magen transportiert wird. Gefährdet sind in dieser Beziehung alte Leute. «Sie können nicht mehr gut kauen und schlucken zu grosse Stücke», sagt Joseph Osterwalder. Die bleiben dann eben in der Speiseröhre stecken.
Richtige Massnahmen beim Verschlucken
- Absolute Ruhe bewahren
- Um den Fremdkörper herauszupumpen, stellt oder kniet man sich hinter das Opfer und legt ihm beide Arme um den Brustkorb auf die Mitte des Brustbein. Eine Hand zur Faust schlissen und damit nun mehrmals schnell und kräftig gegen das Brustbein drücken.
- Das Trinken von stillem Wasser kann helfen.
- Greift sich das Opfer mit weit offenen Augen an den Hals und verliert schon nach kurzer Zeit das Bewusstsein, muss man sofort den Notdienst unter Nummer 144 alarmieren.
Falsche Massnahmen beim Verschlucken
Klopfen auf den Rücken oder die Schulter soll tabu sein. Das kann genau das Gegenteil bewirken, und die Blockade rutscht erst richtig in die Luftröhre.