Als sie zur Welt kam, gab es noch kein Telefon: Die Ärztin Gladys McGarey ist 102 Jahre alt. Beim Zoom-Call aus Arizona (USA) lacht sie mich fröhlich an und freut sich wie ein kleines Kind: «Wo sind Sie? In der Schweiz? Ich liebe die Berge! Ist es nicht einfach wunderbar, dass wir uns jetzt sehen können und das so was funktioniert?» Auch im hohen Alter berät immer noch Patienten. Im Gespräch ist sie geistig voll präsent und erzählt munter aus ihrem Schatz an Lebenserfahrungen. Und sie verrät, was es für ein glückliches Leben braucht – ganz egal, wie alt man ist.
Fahren Sie wirklich jeden Tag Velo?
Gladys McGarey: Nicht jeden Tag, momentan ist es mir zu heiss draussen, es ist noch fast vierzig Grad. Zu meinem 102. Geburtstag habe ich mir letztes Jahr ein Dreirad gewünscht. Und zeitweise habe ich daheim mit meiner Tochter 3800 Schritte gemacht. Sobald es kühler wird, gehe ich wieder mehr nach draussen. Bewegung ist wichtig, ohne Bewegung gibt es kein Leben.
Wie fühlt es sich an, wenn man 102 Jahre alt ist?
Das ist, wie wenn man eine Kindergärtlerin fragt, wie es sich anfühlt, sechs Jahre alt zu sein. Es ist einfach, wie es ist.
Alle wollen lange leben, aber dabei nicht alt werden.
Alt zu sein, ist wunderbar. Die Welt ist ein so aufregender und erstaunlicher Ort. Meine Augen sind zwar schlecht geworden, und ich kann nicht mehr lesen. Aber in mir drinnen ist alles noch in Ordnung. Da ist so viel Freude und Reichtum in mir, das geht viel tiefer als alles, was ich lesen oder sehen könnte. Eigentlich fühle ich mich gar nicht so viel anders als früher.
Sie sind geistig und körperlich fit, ist das Schicksal oder kann man dazu selber beitragen?
Die Genetik spielt durchaus eine Rolle. Aber das absolut Wichtigste ist, einen Sinn im Leben zu haben. Das gibt einem Saft. Wenn man immer zurückschaut, bekommt man einen steifen Nacken. Und wir brauchen alle Liebe und Licht, beide zusammen sind die grösste Heilkraft.
Liebe heilt, ist das nicht eine etwas gewagte Aussage für eine Medizinerin?
Ich weiss, was Sie meinen. Meine Ideen waren schon immer gewagt und anders. Als ich als junge Frau Medizin studierte, hat mich meine Dekanin zum Psychiater geschickt, sie dachte, ich bin gaga. Damals waren wir 50 Frauen im Studium in Philadelphia. Und sie haben es uns sehr schwer gemacht, nur fünf von uns haben abgeschlossen.
Warum wollten Sie Ärztin werden?
Das wusste ich schon von klein auf. Ich habe meine Eltern in Indien begleitet, wenn sie im Dschungel in die Dörfer gingen. Sie waren als Ärzte im Einsatz und hatten kein modernes Equipment, nur das Nötigste. Aber dennoch sind wunderbare Dinge geschehen, weil meine Eltern die Menschen mit Liebe und Sorgfalt behandelt haben. Und sie haben jedem Einzelnen das Gefühl gegeben, dass er wichtig und wertvoll ist für diese Welt. Damals habe ich begriffen, dass es einen grossen Unterschied macht, ob man etwas mit Liebe tut.
Sie sind als Kind auch Gandhi begegnet!
Da war ich zehn Jahre alt. Wir waren auf dem Heimweg in die USA, und ich war sehr traurig, weil ich nicht aus Indien wegwollte. Als der Zug im Bahnhof hielt, war da eine riesige Menschenmenge, das ist in Indien nicht ungewöhnlich. Aber das war besonders, alle haben ‹Ghandi ji› gesungen und sind zu diesem kleinen Mann geströmt, der nur mit einem Tuch bekleidet war. Mein Gesicht klebte an der Scheibe, als er plötzlich zu mir herüberblickte und direkt in meine Augen schaute. Da habe ich in meinem Herzen begriffen, was wahre Liebe ist.
In Ihrem Leben gab es auch Schicksalsschläge, Sie sind zweimal an Krebs erkrankt, und Ihr Mann hat Sie für eine andere verlassen.
Es ist nun mal so. Wir alle erleben Schmerz, wir werden alle mal krank und werden enttäuscht. Dinge, die uns im Leben alles bedeuten, brechen auseinander. Als mein Mann nach 46 Jahren die Scheidung wollte, nach allem, was wir zusammen aufgebaut hatten, war das ein Schock.
Damals waren Sie um die 70. Wie sind Sie darüber hinweggekommen?
Ich erinnere mich, wie ich mit dem Auto heimgefahren bin und wie wütend ich war. Ich habe geweint und geheult wie ein Kojote, ich war am Boden zerstört. Die Vorstellung, allein in ein leeres Haus zu heimzukommen, war furchtbar, alles war zerstört. Ich stoppte am Strassenrand, und da schoss mir ein Bibelvers aus der Kindheit durch den Kopf: ‹Das ist der Tag, den der Herr erschaffen hat. Lasset uns froh und glücklich sein.› Also bin ich heimgefahren und habe mir ein neues Autoschild machen lassen: «Be glad» («Sei froh und dankbar»). Das Schild habe ich jeden Tag gesehen, die im Auto hinter mir auch (lacht). Von da an ging es aufwärts.
Haben Sie Ihrem Mann verziehen?
Als ich darüber hinweg war, habe ich ihm einen Dankesbrief geschrieben. Von da an bin ich ganz meinen eigenen Weg gegangen und habe die Praxis mit meiner Tochter weitergeführt. Vorher war ich beruflich von meinem Mann abhängig.
Wollten Sie sich nicht nochmals verlieben?
Nein, warum sollte ich? Ich habe bereits vier Söhne grossgezogen, warum nochmals einen? Ich habe meine Arbeit, die ich absolut liebe, das ist ein Privileg.
Nicht jeder hat einen so sinnvollen Beruf wie Sie. Wie findet man seinen Lebenszweck mit einem ganz normalen Job?
Stellen Sie sich das Leben vor wie ein kleines Samenkorn. Da kann die ganze Energie des Universums drinstecken, aber ohne Wasser und Licht kann es die Schale nicht durchbrechen, nicht erblühen. Das Leben braucht Liebe, um zu wachsen, in allem, was man tut. Lachen ohne Liebe ist grausam. Arbeiten ohne Liebe ist Plackerei. Zuhören ohne Liebe ist leer. Darum ist es so wichtig, dass ein Baby, wenn es auf die Welt kommt, mit dem ersten Atemzug von Liebe umgeben ist.
Wie viele Babys haben Sie zur Welt gebracht?
Das kann ich nicht mehr zählen, aber es war jedes Mal ein Wunder.
Sie gelten als Pionierin für die natürliche Geburt, was war früher anders?
Als ich mein Medizinstudium machte, das war in den 1940er-Jahren, da hat man die Frauen während der Geburt mit Anästhesie in einen Dämmerschlaf versetzt. So habe auch ich meine ersten beiden Kinder zur Welt gebracht. Ich war voll weggetreten und wusste erst 24 Stunden später, dass ich einen Sohn bekommen hatte. Man war als Mutter raus aus dem Prozess.
Heute ist das nicht mehr so.
Ja, zum Glück. Man wusste es damals nicht besser. Das Konzept, das sich in der medizinischen Gemeinschaft durchgesetzt hat, besteht darin, Schmerz zu beseitigen. Ich bin überzeugt, dass Schmerz einen Sinn hat. Wenn wir ihn unterdrücken, verpassen wir etwas Wichtiges. Weil man die Mütter betäubt hat, konnten sie ihr Baby auch nicht herauspressen, also mussten wir es mit Gewalt rausziehen. Darin war ich richtig gut, und es war der einzige Weg, wie ich es zuerst gelernt habe.
Die Medizin hat sich seither modernisiert.
Ich habe während des Zweiten Weltkriegs Medizin studiert. Damals drehte sich alles um Kampf. Auch in meiner Ausbildung ging es darum, eine feindliche Kraft im Körper auszurotten, sie zu töten und als Sieger hervorzugehen. Ich hatte andere Vorstellungen, und in den 50er- und 60er-Jahren begann ich, mich mit frühen Pionieren der westlichen Medizin zu treffen, die meine Ansichten teilten.
Sie gehörten zu den ersten Ärztinnen, die mit Akupunktur gearbeitet haben.
Ja, und wir wurden ausgelacht, weil das gegen jede Wissenschaft sei. Inzwischen hat die ganzheitliche Medizin an Glaubwürdigkeit gewonnen, weil wir verstehen, dass ein Patient nicht nur ein Körper, sondern ein ganzer Mensch ist. Die Wissenschaft gibt nicht nur Antworten, sie stellt auch Fragen.
Sie waren mit der Schweizerin Elisabeth Kübler-Ross befreundet, einer Pionierin zum Thema Tod und Trauer. Worüber haben Sie sich ausgetauscht?
Wir waren oft zusammen auf Podien, ich sprach über die Geburt, also das Tor zum Eingang ins Leben. Und sie sprach darüber, wie wir diese Welt wieder verlassen. Wir haben uns wunderbar ergänzt.
Der Tod kann bei Ihnen jeden Tag an die Tür klopfen, wie gehen Sie damit um?
Indem ich anerkenne, dass jeder Tag hier auf der Erde wertvoll ist. Es geht immer um genau diesen Augenblick, im Jetzt lebendig zu sein. Und ich freue mich auf meinen 103. Geburtstag Ende November.