Darum gehts
- Früher gängige Erziehungssprüche werden heute kritisch hinterfragt, etwa durch Eltern online
- Einige Aussagen wie «Jungs weinen nicht» fördern veraltete Rollenbilder und unterdrücken Gefühle
- Moderne Erziehung legt mehr Wert auf emotionale Sicherheit und individuelle Bedürfnisse
Früher mussten sich Kinder so einiges anhören. Heute fragen sich viele junge Eltern: Muss das wirklich noch sein?
Über so manchen Spruch kann man Im Nachhinein ganz gut schmunzeln. Andere wirken aus heutiger Sicht dann doch ziemlich fragwürdig. Und trotzdem ertappen sich viele von uns manchmal selbst dabei, in alte Muster zu verfallen.
Kennst du einen dieser 13 Sätze? Mach, bevor du den Artikel liest, einfach gleich mal bei der Umfrage mit:
Und darum gehts nun genau:
Früher gängige Erziehungssprüche werden heute kritisch hinterfragt. Einige Aussagen fördern Rollenbilder oder werten Gefühle von Kindern ab. Moderne Erziehung legt mehr Wert auf emotionale Sicherheit und individuelle Bedürfnisse.
«Iss deinen Teller leer!», «Jetzt hör auf zu weinen» oder «Sei ein braves Mädchen»: Wer in den 70er-, 80er- oder 90er-Jahren aufgewachsen ist, kennt solche Sätze wahrscheinlich noch. Vieles davon war damals normal. Eltern gaben weiter, was sie selbst gelernt hatten, oft verbunden mit der Vorstellung, Kinder müssten vor allem lernen, sich anzupassen und durchzuhalten.
Heute wird manches anders bewertet. In sozialen Netzwerken diskutieren Eltern und Erwachsene immer wieder über Erziehungsmethoden, die sie selbst erlebt haben und ihren eigenen Kindern nicht mehr mitgeben möchten. Ganz klar: Nicht jede alte Regel war falsch. Ganz im Gegenteil. Doch einige typische elterliche Bemerkungen stehen inzwischen doch ganz klar auf dem Prüfstand.
Diese 13 Sprüche sorgen heute besonders für Kopfschütteln:
«Stell dich nicht so an»
Das Kind fällt hin und weint: «Ist doch nichts passiert.» Oder: «Stell dich nicht so an.» Was beruhigend gemeint sein kann, vermittelt möglicherweise: Dein Gefühl ist übertrieben.
Auch «Sei nicht so empfindlich» oder «Andere haben es viel schlimmer» funktionieren ähnlich. Heute wird stärker darauf geachtet, Gefühle zunächst anzuerkennen. Ein Kind darf traurig oder wütend sein, ohne dass Erwachsene deshalb jede Reaktion gutheissen müssen.
«Jungs weinen nicht»
Jungen sollten stark sein, Mädchen lieb – solche Rollenbilder waren lange verbreitet. «Sei ein Mann» oder «Ein richtiger Junge weint nicht» können die Botschaft vermitteln, dass Traurigkeit oder Angst ein Zeichen von Schwäche seien.
Heute gilt zunehmend: Auch Jungen dürfen verletzlich sein. Kinder sollen lernen, Gefühle wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen, statt sie verstecken zu müssen.
«Ein Indianer kennt keinen Schmerz»
Der Spruch gilt heute aus mehreren Gründen als problematisch. Die Bezeichnung «Indianer» ist in der modernen Sprache nicht mehr gebräuchlich. Zudem steckt dahinter das Bild eines Menschen, der Schmerzen einfach aushält und nicht zeigt.
Schmerz ist aber ein Warnsignal des Körpers und kein Zeichen von Schwäche. Kinder sollten lernen, Schmerzen ernst zu nehmen und darüber zu sprechen, statt sie aus Prinzip herunterzuspielen.
«Iss deinen Teller leer – in Afrika verhungern Kinder»
Viele kennen diesen Satz noch. Das Kind soll aufessen, obwohl es satt ist. Schliesslich hätten andere Kinder gerne das Essen.
Heute wird stärker darauf geachtet, dass Kinder ihr Hunger- und Sättigungsgefühl entwickeln. Druck beim Essen kann es erschweren, auf diese Signale zu hören. Eltern geben weiterhin vor, was auf den Tisch kommt. Wie viel das Kind davon isst, sollte aber zunehmend seinem eigenen Sättigungsgefühl folgen.
Auch die Belohnung mit Süssigkeiten gehört in diese Kategorie: «Wenn du brav bist, gibt es ein Eis» oder «Wenn du dein Gemüse aufisst, bekommst du Schokolade». Heute wird das kritischer gesehen, weil Essen dadurch zum Mittel für Belohnung und Bestrafung werden kann.
«Das ist doch nun kein Grund, traurig zu sein»
Erwachsene denken oft logisch, Kinder fühlen. «Du hast doch das neue Spielzeug bekommen» oder «Es ist doch nur ein verlorenes Spiel» kann stimmen, trotzdem darf ein Kind enttäuscht sein.
Hilfreicher ist, Gefühl und Situation zu trennen: «Ich verstehe, dass du traurig bist» bedeutet nicht automatisch «Du hast recht». Das Kind darf sein Gefühl haben und gleichzeitig lernen, damit umzugehen.
«Tu nicht so blöd»
«Was soll denn das?» «Du bist unmöglich.» «Warum kannst du dich nicht normal benehmen?» Solche Sätze richten sich schnell gegen die Person statt gegen das konkrete Verhalten.
Klarer ist: «Ich möchte nicht, dass du so mit mir sprichst.» Die Grenze bleibt bestehen, das Kind wird aber nicht als «schlecht» bezeichnet.
«Dann mach doch, was du willst»
Oder: «Tu, was du für richtig hältst». Der Satz klingt nach Freiheit, ist aber häufig Ausdruck von Frust: «Dann ist es mir eben egal» oder «Du wirst schon sehen, was du davon hast.» Für Kinder kann dabei unklar bleiben, was eigentlich von ihnen erwartet wird. Statt einer klaren Grenze erleben sie möglicherweise vor allem, dass sie den Erwachsenen enttäuscht haben.
Klarer und weniger passiv-aggressiv wäre: «Ich möchte, dass du jetzt deine Hausaufgaben machst. Danach kannst du spielen.» So muss das Kind keine Botschaft zwischen den Zeilen suchen.
«Du bist doch schon gross»
«Du bist doch schon gross, du kannst das alleine.» Der Satz soll Selbstständigkeit fördern. Doch Kinder entwickeln sich nicht in allen Bereichen gleich schnell.
Ein Kind kann vieles allein schaffen und trotzdem manchmal Nähe oder Hilfe brauchen. Selbstständigkeit wächst auch durch die Erfahrung: Wenn ich Hilfe brauche, ist jemand da.
«Bis du heiratest, ist alles wieder gut»
Nach einem Sturz oder einer kleinen Verletzung hiess es früher gerne: «Bis du heiratest, ist alles wieder gut.» Meist liebevoll gemeint, steckt darin trotzdem die Idee, Schmerz möglichst schnell wegzureden. Ähnlich funktionieren «Zähne zusammenbeissen» oder «Das geht schon vorbei».
Eltern müssen aus einem Kratzer kein Drama machen. Sie können aber kurz anerkennen: «Das hat wehgetan. Komm, wir schauen es uns an.»
«Küss die Tante»
«Gib Oma einen Kuss.» «Na komm, nur mal umarmen.» «Jetzt sei nicht so schüchtern.» Heute wird stärker darauf geachtet, dass Kinder über ihren eigenen Körper mitbestimmen. Begrüssen können sie andere auch mit einem Winken, «Hallo» oder High Five.
Die Botschaft: Körperliche Nähe sollte nicht erzwungen werden.
«Was dich nicht umbringt, macht dich stärker»
Schwierige Erfahrungen können Menschen tatsächlich prägen. Aber nicht jede Belastung muss automatisch «stärker» machen. Gerade Kinder brauchen manchmal nicht den Hinweis, dass sie etwas aushalten müssen, sondern Unterstützung: «Das ist gerade schwierig. Ich helfe dir.»
Resilienz bedeutet nicht, niemals Hilfe zu brauchen. Es bedeutet auch, mit schwierigen Situationen umgehen und Unterstützung annehmen zu können.
«Einfach mal schreien lassen»
Umstritten ist die alte Empfehlung, Babys einfach schreien zu lassen, bis sie einschlafen. Allerdings muss zwischen «Schreien lassen» und strukturierten Schlaftrainingsmethoden unterschieden werden. Bei Methoden wie der Ferber-Methode werden die Abstände zwischen den Reaktionen der Eltern schrittweise verlängert. Studien fanden Verbesserungen des Schlafs, ohne Hinweise auf langfristige negative Auswirkungen auf Bindung oder Verhalten.
Nicht jede Erziehungsmethode von früher ist also automatisch überholt – manchmal ist die heutige Sicht auch differenzierter.
«Beiss mal auf die Zähne»
Hinter vielen alten Erziehungssprüchen steckt dieselbe Vorstellung: Kinder sollen früh lernen, sich durchzubeissen. Nicht jammern. Nicht widersprechen. Nicht empfindlich sein. Das Ziel, selbständige und belastbare Kinder zu haben, hat sich kaum verändert. Der Weg dorthin schon eher: Heute geht man stärker davon aus, dass Kinder Grenzen und gleichzeitig emotionale Sicherheit brauchen. Gefühle ernst zu nehmen bedeutet nicht, jedem Wunsch nachzugeben. Und eine Grenze zu setzen bedeutet nicht, hart sein zu müssen.
Vielleicht liegt darin der grösste Unterschied: Kinder sollen lernen, mit ihren Gefühlen und Schwierigkeiten umzugehen – aber gleichzeitig wissen, dass sie dabei nicht allein sind.
Auch die Häufigkeit ist entscheidend
Nicht jeder dieser Sätze hinterlässt automatisch einen Schaden und bestimmt ist der eine oder andere der Liste schon so manch einem Vater oder Mutter rausgerutscht. Entscheidend ist, wie häufig solche Botschaften vermittelt werden und ob ein Kind daneben erlebt, dass seine Gefühle, Grenzen und Bedürfnisse ernst genommen werden.
Denn am Ende wollten wohl die meisten Eltern dasselbe wie heute: ihre Kinder stark und glücklich machen. Nur das Wissen darüber, was Kinder dafür brauchen, hat sich etwas verändert.