Wer Karen heisst, hat es im Internet nicht unbedingt leicht. Zumindest dann nicht, wenn man in den USA unterwegs ist. Denn dort ist der Vorname längst zum Schimpfwort geworden. Eine «Karen» ist eine Frau, die sich ständig beschwert, sich für etwas Besseres hält und am liebsten sofort den Geschäftsführer sprechen möchte. Erkennungszeichen: ein akkurat geschnittener Bob und eine ordentliche Portion Selbstgerechtigkeit.
Dabei war Karen einmal einfach ein ganz normaler Vorname. Was ist passiert? Das Internet hat aus ihm eine Figur gemacht. Ende der 2010er-Jahre verbreiteten sich Videos von Frauen, die sich in der Öffentlichkeit danebenbenehmen, Personal beschimpfen oder wegen Kleinigkeiten die Polizei rufen. In den sozialen Medien bekamen sie kurzerhand alle denselben Namen: Karen.
Ganz neu war die Idee allerdings nicht. Schon 2005 machte der US-Komiker Dane Cook einen Witz über die eine Person in jeder Freundesgruppe, die niemand leiden kann. Sie heisse natürlich Karen. Auch die Teenie-Komödie «Mean Girls» von 2004 trug zur Bekanntheit des Namens als Meme bei. Spätestens während der Corona-Pandemie wurde Karen weltweit zum Synonym für eine selbstgerechte, privilegierte Frau, die sich über Regeln hinwegsetzt.
Auch Becky und Chad haben ein Imageproblem
Karen ist längst nicht allein. Auch Becky hat im englischsprachigen Raum eine eigene Bedeutung bekommen. Der Name steht oft für eine eher oberflächliche, stereotype junge weisse Frau. Beyoncé verhalf dem Klischee 2016 mit ihrem Song «Sorry» und der Zeile über «Becky with the good hair» zu zusätzlicher Bekanntheit.
Bei den Männern ist Chad das Gegenstück. In der Internetkultur steht er für einen muskulösen, selbstbewussten Typen, der bei Frauen besonders gut ankommt. Mal ist das bewundernd gemeint, mal eine ironische Spitze gegen den vermeintlichen Supermacho. Und dann wäre da noch Kyle: In Memes ist er der impulsive junge Mann, der Energy-Drinks literweise trinkt und aus Frust schon mal ein Loch in die Wand schlägt.
Manchmal reicht aber auch ein einziger Filmsatz, um einem Namen ein neues Leben zu verpassen. «Bye, Felicia» stammt aus der Komödie «Friday» von 1995. Der trockene Abschied von einer lästigen Bekannten wurde zum geflügelten Ausdruck. Wer heute «Bye, Felicia» sagt, meint ungefähr: Mach's gut, auf dich können wir verzichten.
Kevin und Chantal: Auch die Schweiz kennt das Vorurteil
Und wie sieht es bei uns aus? Auch in der Deutschschweiz können Vornamen eine ziemlich unerwartete Karriere machen. Kevin etwa war Anfang der 1990er-Jahre ausgesprochen beliebt. 1990 wurde in der Schweiz jeder 57. neugeborene Bub so genannt. Der Erfolg dürfte nicht zuletzt mit dem Film «Kevin – Allein zu Haus» zusammenhängen.
Einige Jahre später bekam der Name im deutschsprachigen Raum allerdings einen zweifelhaften Ruf. Unter dem Begriff «Kevinismus» wurde Kevin zum Sinnbild für einen angeblich frechen, bildungsfernen Jungen. Das weibliche Gegenstück dazu: Chantalismus. Chantal galt in Deutschland plötzlich als typischer Name für Mädchen aus sozial schwächeren Familien.
Das blieb nicht ohne Folgen. Untersuchungen zeigten, dass Lehrpersonen Kinder mit bestimmten Vornamen teilweise als weniger intelligent oder verhaltensauffälliger einschätzten. Dabei gibt es keinen Beleg dafür, dass Kevins oder Chantals tatsächlich weniger intelligent wären. Die Namensforscherin Damaris Nübling kritisierte die entsprechende Medienberichterstattung sogar als «Hetzkampagne».
In der Deutschschweiz ist das Vorurteil weniger stark ausgeprägt. Chantal ist hier als französischer Vorname schon länger etabliert, und auch Kevin hat nicht ganz denselben schlechten Ruf wie in Deutschland.
Joggel, Chaschper und der Schweizer Bünzli
Dass Vornamen zu Spott- und Schimpfwörtern werden, ist übrigens keine Erfindung von TikTok. Die Schweizer Mundart kennt solche Beispiele schon seit Jahrhunderten. Joggel, abgeleitet von Jakob, bezeichnet einen einfältigen oder unbeholfenen Menschen. Auch Chaschper, abgeleitet von Kaspar, kann als Bezeichnung für einen tölpelhaften oder lächerlichen Kauz dienen. Dazu kommen ältere Ausdrücke wie Baabe und Triine, die ebenfalls auf Vornamen zurückgehen und dann abwertend verwendet wurden.
Und dann wäre da noch der Bünzli. Zwar handelt es sich dabei um einen Familiennamen, doch die Bezeichnung ist längst Teil des Schweizer Wortschatzes. Der typische Bünzli ist ordentlich, kleinkariert und nimmt Regeln gerne ein bisschen zu ernst. Einer, der am Sonntag den Rasenmäher des Nachbarn am liebsten persönlich konfiszieren würde.
Ein Name ist eben nur ein Name
Ob Karen, Kevin oder Joggel: Hinter jedem dieser Namen stehen Menschen, die sich ihren Vornamen nicht selbst ausgesucht haben. Was als Witz beginnt, kann für die Betroffenen ganz schön unangenehm werden. Schliesslich möchte nicht jede Karen erklären müssen, dass sie durchaus freundlich ist. Und ein Kevin kann hochintelligent sein, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Für seinen Namen kann man schlussendlich einfach rein gar nichts.
Das Internet macht aus Namen in Windeseile Klischees. Die Sprache tut das schon viel länger. Manchmal reicht ein Film, ein Witz oder ein besonders auffälliges Verhalten, und schon wird aus einem Vornamen eine ganze Persönlichkeit. Nur: Ob jemand ein Bünzli, ein Karen oder ein Kevin ist, entscheidet zum Glück immer noch der Mensch und nicht sein Namensschild.