Es ist neblig. Es regnet. Es ist kühl. Und doch: Bock auf den Shuttle haben wir nicht. Wir nehmen die paar Höhenmeter bis zum Weingut Unterortl unter die Füsse. Die Natur hier im Vinschgau ist atemberaubend. Der kleine Aufstieg wunderschön. Zu Messner geht man doch nicht mit dem Auto…
Okay, der Schlossherr ist ohnehin nicht da. Weder auf seinem Weingut, noch beim Schlosswirt und auch nicht zuhause, in seinem Schloss Castel Juval. Uns interessieren ohnehin weniger Stories über Yetis als solche über in Glas abgefüllte Flüssigkeiten. Und da ist der Chef nicht Messner, sondern Martin Aurich. Der Deutsche führt das Weingut zusammen mit seiner Frau Gisela. In akkurater Handarbeit werden jährlich gut 30'000 Flaschen abgefüllt. Aurich ist es zu verdanken, dass da überhaupt Reben stehen. Dass diese Steillagen, die so sehr jenen im Wallis ähneln, ihrer richtigen Bestimmung zugeführt wurden.
Obst raus, Reben rein!
In den 50er- und 60er-Jahren blüht das Geschäft mit Obst. Von oben nach unten, vom Schloss bis ins Tal rund um das Flüsschen Adige, stehen Apfelplantagen. Golden Delicious bescheren den Bauern Goldene Tage. Der Obstanbau ist lukrativ. Wein ist Billigware im Südtirol. Wir Schweizer kaufen das Zeugs grossmehrheitlich auf. Der Ruf ist miserabel.
Messner kauft das Gut Mitte der 80er-Jahre. Viel ändern will er nicht. Bis er Aurich kennenlernt. Der gebürtige Berliner leitet die Versuchsanstalt Laimburg. Sein Ding sind neue Rebsorten, Klone, Pflanzenschutz, kellertechnische Fragen. Doch Aurich will sein eigener Herr werden, selber Wein machen. Als er die Lagen rund um das Schloss entdeckt, kickt er Messner an. Und die Südtirol-Legende teilt die Begeisterung für die Idee. «1992 haben wir die ersten Reben gepflanzt. Bis 850 Meter hinauf, wo Weissburgunder und Müller-Thurgau wachsen. 1995 konnten wir den ersten Jahrgang keltern», erzählt Aurich.
Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte, die wir mit den Aurichs erkunden. An der Spitze: ein fantastischer Lagen-Riesling. Ebenfalls vom Stuhl gehauen hat uns der gereifte Weissburgunder 2008. Diese beiden Weine sind es auch, mit denen Aurich ein Abonnement auf drei Gläser im Vini d’Italia gelöst hat. Applaus, Applaus!
Messner: «Die Luft streicht übers Eis»
Dass derart gute Weine im eher kühleren Apfeltal Vinschgau möglich sind, hat zwei Gründe: Zum einen regnet es hier nur halb so viel wie zum Beispiel im viel wärmeren Bozen. «Zum anderen ist es eine rechte Fönlage. Vergleichbar mit der Bündner Herrschaft bei Euch», sagt Aurich.
In diesem Mikroklima also wächst ein toller Weissburgunder. Die Traube, die sich als Roter Faden durch unsere vier Südtirol-Besuche ziehen wird. Was macht einen guten Weissburgunder aus, Herr Aurich? «Der Wein muss Lagencharakter haben, also einen Wiedererkennungseffekt, der auf die Lage zurückzuführen ist. Bei uns auf Juval ist es der sandige, gesteinsreiche Gletschergeschiebe-Untergrund und die Nachtabkühlung, die den Wein unverkennbar machen.»
Und was ist mit der Lagerfähigkeit? «Er ist schon jung schön. Aber ein guter Weissburgunder ist lagerfähig. Ich trinke ihn am liebsten, wenn er vier, fünf Jahre auf dem Buckel hat. Deshalb ist der Jahrgang 2008 jetzt perfekt!»
Nehmen wir also diese erste Erkenntnis mit auf unseren weiteren Weg: Weissburgunder ist erstaunlich lagerfähig. Das Schlusswort soll aber Messner gehören, der im Vinum beschreibt, was die Eigenheit seiner Weine ausmache: «Wenn ich von unseren Reben bei Juval aus den Gletscher in der Sonne glitzern sehe, stelle ich mir vor, wie die Luft übers Eis streicht und diese Frische in unseren Rebberg trägt.» Schön – nicht?