Deutsche Winzer-Ikone ist tot
Er war der Meister des «kontrollierten Nichtstuns»

Hans-Günter Schwarz starb am 21. November im Alter von 84 Jahren. Seine Philosophie prägte den Deutschen Weinbau und war richtungsweisend für den Qualitätssprung der letzten Dekaden.
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Hans-Günter Schwarz war nicht nur ein begnadeter Winzer, Kellermeister und Betriebsleiter. Während seiner Karriere bildete er über hundert Winzerinnen und Winzer aus, die heute zu den Besten ihres Metiers gehören.
Foto: zVg

Darum gehts

  • Hans-Günter Schwarz war der Taktgeber für Spitzenqualität im deutschen Weinbau
  • Seine Heimat war die Pfalz, das grösste Riesling-Anbaugebiet der Welt
  • Als Lehrmeister unterwies Schwarz über hundert Lernende, die heute zur internationalen Winzer-Elite gehören
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Ursula GeigerRedaktorin Wein

Hans-Günter Schwarz startete seine Karriere im Pfälzer Weingut Müller-Catoir und blieb dem Betrieb über 40 Jahre lang treu. 2001 kelterte er dort seinen letzten Jahrgang.

Zum Wein kam Hans-Günter Schwarz über seinen ältesten Bruder, der auf einem Pfälzer Weingut als Betriebsleiter arbeitete. Die Arbeit in den Reben und im Keller sagten dem Teenager zu. Nach der Lehre in Bad Dürkheim absolvierte er die Techniker-Ausbildung in der Weinbauschule im fränkischen Veitshöchheim.

Schwarz war seiner Zeit voraus

Dort traf er auf Jakob Heinrich Catoir (1940-2023), der dem 19-Jährigen eine Stelle als Betriebsleiter in der Pfalz anbot. Schon zu Beginn seiner Karriere war die Qualitätsphilosophie von Hans-Günter Schwarz schnörkellos: Nur aus reifen, gesunden Trauben kann Spitzenwein entstehen.

Das mag heute wie eine Binsenweisheit klingen. Aber zu jener Zeit standen Technologie und Produktivität im Vordergrund, denn Wirtschaftswunder-Deutschland verlangte nach Wein. Den Fokus auf die Trauben als die wichtigste Basis für guten Wein zu richten, war das einzig Richtige und richtungsweisend für die Entwicklung deutscher Spitzenweine.

Phänomenales Verkostergedächtnis

Das in der Weinbauschule Gelernte war für Hans-Günter Schwarz der Sockel für so vieles: die Erfahrung mit ganz unterschiedlichen Jahrgängen, die Arbeit mit Traubengut aus verschiedenen Lagen, ein phänomenales Verkostergedächtnis und ein fantastisches Gespür edelsüsse Weine.

Schwarz war einer der Ersten weltweit, die das «kontrollierte Nichtstun» im Keller pflegten. Heute heisst das «low intervention wine» und wird als der neueste Trend gehandelt. «Zum richtigen Zeitpunkt das Falsche unterlassen» war Hans-Günter Schwarz' Credo. 

Zeitlebens blieb er dieser Philosophie treu und erlaubte sich auch Kritik, wenn überbordende Eingriffe bei der Weinbereitung wie Holzchips, Mostkonzentration oder Gärung bei extrem niederen Temperaturen drohten, aus Wein ein dem Zeitgeist angepasstes Modeprodukt zu machen.

Meister für Riesling in allen Facetten

Neben Riesling — die Pfalz ist das grösste Anbaugebiet für Riesling weltweit — galt sein Interesse auch jenen Sorten, die Riesling im Stammbau haben. Den Neuzüchtungen Rieslaner (Silvaner x Riesling) sowie der Scheurebe (Riesling x Bukettraube) verhalf er dadurch in den 2000er zu einem kleinen Boom.

Mit Hans-Günter Schwarz zu degustieren, war ein Vergnügen und eine Ehre. Sein Gespür für die noch so feinen aromatischen Nuancen eines Weines beeindruckte. Offenheit und Bescheidenheit waren Teil von ihm und machten ihn zu einem feinen Menschen.

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