Arbeiten in Bella Italia
Schweizer Önologin keltert Spitzenweine in der Toskana

Barbara Widmer (53) leitet seit 1998 die Brancaia-Weingüter in der Toskana und pendelt darum zwischen den Hügeln des Chianti Classico und der Maremma. Dort gedeihen Bordeaux-Sorten besser als Sangiovese. Auf einer Stippvisite in ihrer alten Heimat erklärt sie weshalb.
Publiziert: 08.07.2024 um 14:22 Uhr
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Seit 1998 leitet Önologin Barbara Widmer die Weingüter der Familie in der Toskana.
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Ursula GeigerRedaktorin Wein

Barbara Widmer ist eine waschechte Zürcherin. Ihr Vater, Bruno Widmer, leitete eine bekannte Werbeagentur in der Stadt und bis 2007 hatte die Önologin immer noch eine Wohnung in Zürich. Wahrscheinlich wäre ihr Leben ganz anders verlaufen, wenn da nicht dieser Hügel namens «Brancaia» in Castellina im Chianti Classico Gebiet gewesen wäre, an den die Familie Widmer ihr Herz verlor.

In den 1980ern zog es viele Zürcher in die Toskana. Die Hügellandschaft mit den Zypressen-Alleen, die zu den Landgütern führten, bezauberte ebenso, wie das Leben auf dem Land. Der Chianti aus der typischen, mit Stroh umflochtenen Flasche (Fiasco) sowie die toskanische Weinwirtschaft brauchten dringend eine Renaissance.

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Das Abenteuer Toskana begann 1981

Barbaras Eltern Bruno und Brigitte kauften 1981 Hügel samt Gebäude sowie vier Hektar Reben von einem Engländer, der keine Lust mehr hatte, alles in Schuss zu halten. Damals war Barbara zehn Jahre alt. Die Toskana wurde Feriendestination Nummer eins. 1983 wurde aus dem Feriendomizil ein Weingut. Die Widmers hauchten den Rebflächen neues Leben ein und begannen biologisch zu wirtschaften.

Die Kellerinfrastruktur stellte ein benachbartes Weingut zur Verfügung. 1989 konnte die Familie in Radda weiteres Rebland kaufen und weil auf dem Gelände ein alter Geräteschuppen als Zeuge für einstige landwirtschaftliche Tätigkeit stand, wurde die Baubewilligung für eine neue Kellerei erteilt.

Ein Herbst und seine Folgen

«Im Herbst 1993 half ich bei der Lese und im Keller mit. Die Arbeit hat mich so begeistert, dass ich nach zwei Jahren Architektur-Studium an der ETH Zürich ein Önologie-Studium in Wädenswil ZH anhängte. Dazwischen lebte ich ein Jahr in Genf und absolvierte ein Praktikum auf einem Bio-Weingut», erzählt Widmer. 1998 managte sie als frisch gebackene Önologin den ersten Herbst im Chianti Classico.

Die Produzenten in der Toskana trennten sich von alten Zöpfen. Sie entdeckten internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot oder Chardonnay. Die Vini da Tavola oder Super-Toskaner boomten und stellten die regelkonformen Klassiker in den Schatten. Man war bereit für den nächsten Schritt.

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Ab in den Westen

In der Maremma, dem Küstengebiet der Toskana, ist das Klima milder, der Boden anders. Viele Produzenten, darunter der Piemonteser Angela Gaja, zog es an die Küste. In Grosseto, zehn Kilometer vom Meer entfernt, kauften auch die Widmers 82 Hektar Land. Davon wurde die Hälfte bis 2004 mit Reben bestockt. 2002 kelterte Barbara den ersten «Ilatraia», eine Cuvée aus 60 Prozent Cabernet Sauvignon, 30 Prozent Sangiovese und 10 Prozent Petit Verdot.

Bordeauxsorten in der Maremma

Seit 2009 verzichtet sie auf Sangiovese in der Cuvée. «Zu Beginn setzten wir in der Maremma auf eine bessere Reife des Sangiovese. Diese Bedingungen haben wir nicht gefunden», begründet Widmer den Wechsel. In den Brancaia-Rebflächen in den Hügeln von Grosseto braucht Sangiovese extra Wasser. Denn hier ist es – im Gegensatz zu anderen Regionen in der Maremma – extrem trocken. Die Feuchtigkeit vom Meer fehlt und mit 600 mm Niederschlag pro Jahr regnet es ein Drittel weniger als im Chianti Classico. Für Widmer ist das ein limitierender Faktor für Sangiovese: «Die Bewässerung forciert die Reife. Wir müssen früher ernten. Und auch wenn es nur zwei, drei Tage sind: Diese Zeit fehlt für die perfekte Ausbildung der Aromen in den Beeren. Und damit geht mir der Terroir-Fokus verloren.»

Terroir für Spitzenwein

Das Terroir, diese Dreifaltigkeit aus Mikroklima, Boden und Ausrichtung der Parzellen, ist für die Önologin die wichtigste Basis für ihre Weine. In der Maremma treibt sie diese Arbeit akribisch auf die Spitze. Petit Verdot, ihre Lieblingssorte, wächst in 15 verschiedenen Parzellen, Cabernet Franc in drei und Cabernet Sauvignon in elf. Alle drei Sorten gedeihen in Grosseto ohne Bewässerung.

Langlebige Frische

Zur Verkostung brachte Barbara Widmer zehn Jahrgänge «Ilatraia» zwischen 2002 und 2021 mit nach Zürich. Durch alle Reifeklassen zog sich Eleganz, Frische und ein feinkörniges, perfekt eingebundenes Tannin. Der Wechsel in der Zusammensetzung der Cuvée im Jahr 2009 zeigt sich in der reifen, dunklen Frucht, der diskreten Würze und der schönen Balance von Säure und Gerbstoff.

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Einen Teil des Jahrgangs 2015 füllte Widmer sortenrein ab, um zeigen, wie wichtig das Sorten-Trio für den Charakter des «Ilatraia» sind. Ein Vergnügen, das Trio nach einigen Jahren Flaschenreife zu verkosten. Cabernet Sauvignon brilliert mit dunkler, reifer Frucht und perfekter Säure, Cabernet Franc bringt ätherische Frische und Petit Verdot trumpft mit Kraft, Extraktsüsse und würzigen Noten. Der «Ilatraia» ist eine Erfolgsgeschichte und man darf auf die nächsten Jahrgänge von Widmer gespannt sein.


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