Das Hotel Vigilius hoch über Lana bei Bozen. Hier, auf 1500 Metern über Meer, küren 13 Jurymitglieder aus dem deutschsprachigen Raum aus 45 Finalisten den besten Vernatsch des Jahres. In diesem Zirkel von vinophilen Nasen mit dabei: SonntagsBlick. Und als Rookie Axel Heinz, Direktor von Ornellaia. Wie bitte? Ornellaia?
Ja. Das Bolgheri-Weingut mit Weltreputation. Wie um Himmelswillen kommt der gute Herr Heinz aufs Vigiljoch? «Ich fand das spannend, mal was ganz anderes zu verkosten», sagt der Deutsche, der sich seine Sporen in Bordeaux abverdient hat. «Es ist Wein. Es ist italienischer Wein. Es ist immer sinnvoll, sich umzugucken, was die Kollegen so machen», erläutert der Weinmacher. Heinz' Präsenz – ein Ritterschlag für eine Rebsorte, deren Ruf einst total am Boden war. Speziell bei uns.
Rückblende. 1925 bringt der Grossvater von Hannes Pfeifer, einem Spitzenwinzer aus St. Magdalena, den ersten Offenwein in die Schweiz. Doch die richtige Welle schwappt erst in den 70er-Jahren über unser Land. Tanklastwagen um Tanklastwagen rollt in Müstair über die Grenze. Ladung: St. Magdalener und Kalterersee. «Alles, alles ging in die Schweiz», erinnert sich Pfeifer. «Im Dezember kamen die Weinhändler in die Betriebe, degustierten – kauften den gesamten Vernatsch-Bestand – und zahlten gleich cash», sagt Florian Gojer. Der junge Mann, der auf dem Glögglhof in die Fusstapfen seines Vaters Franz getreten ist, hat diese Zeit nicht selber erlebt. Aber die Erzählungen sind eindrücklich. «Auch mein Grossvater verkaufte noch alles fassweise in die Schweiz. Die Qualität spielte damals keine grosse Rolle. Die Vernatsch-Traube kann sehr viel Ertrag erbringen, wenn man sie dazu bringt. Und das wurde ausgereizt, weil man Geld verdienen musste.» Klar hätten seine Vorfahren auch gewusst, dass man mit weniger Ertrag bessere Weine machen könne. «Doch das interessierte kaum.»
Die Provokation im Fünfsterne-Hotel
Und so war der Ruf in der Schweiz dahin. St. Magdalener und Kalterersee, wie ihn unsere Grossväter tranken, standen für Pfützen-Wein. Für nichtssagende und hellrote armselige Tröpfchen. Bis die Schweizer die Nase voll hatten. Und kaum mehr Tanklaster mehr rollten.
Gezwungenermassen dachte man im Südtirol um. Viele Erzeuger begannen ungeeignete Lagen zu roden und selber abzufüllen, so auch die Gojers. Die Qualität stieg und stieg. Bis sie 2011 neue Höhen erklomm, als mit dem St. Magdalener Classico des Pfannenstielhofs erstmals ein Vernatsch die Höchstauszeichnung von drei Gläsern des Führers «Vini d’Italia» von Gambero Rosso erhielt. Ein paar Jahre zuvor riefen Journalist Othmar Kiem, der Meraner Weinhändler Günther Hölzl und Ulrich Ladurner, Besitzer des Hotels Vigilius Mountain Resort, den Vernatsch-Cup ins Leben, um der Traube den ihr gebührenden Platz zu verschaffen. «Das war doch damals ein als minderwertig angeschauter Wein», erinnert sich Hoteldirektor Ladurner. «Deshalb war es eine kleine Provokation, diesen Cup ausgerechnet in einem Fünfsterne-Haus zu veranstalten.» Mittlerweile bringen gar Rai und ORF Beiträge über den Anlass. Ladurner: «Wir müssen dem Vernatsch auch nach 17 Austragungen noch Leben einflössen.» Denn das Südtirol werde im Ausland vornehmlich als Weisswein-Region wahrgenommen, ergänzt Co-Initiant Kiem. «Das macht die Rolle des Vernatsch nicht unbedingt einfacher.»
Mit der Qualitätsoffensive schwand auch die Anbaufläche im Südtirol: von über 60 Prozent in den 70er-Jahren auf zwölf Prozent, womit Vernatsch aber immer noch die meistangebaute Rebsorte ist, knapp vor Pinot Grigio. Auch in der grossen Kellerei Kaltern wurde die Rebfläche massiv reduziert. «Nur schon seit ich hier bin, also seit sechs Jahren, ist die Fläche von 190 auf 90 Hektaren zurückgegangen», erklärt Kellermeister Andrea Moser. Warum? «Weil die ‹unwürdigen› Rebparzellen ausgerissen wurden. Aber ich sehe das positiv, denn so haben wir nur die Topparzellen behalten, die Qualität steigt weiter.»
Vernatsch, in Baden-Württemberg als Trollinger bekannt, trifft den Zeitgeist. Wer die Nase voll hat von marmeladigen Holzbrocken, die in flüssiger Form daherkommen, der findet in der Rebsorte, die auf Italienisch Schiava heisst, fantastische Alternativen zu Pinot Noir, Gamay, Dolcetto und Konsorten. Der Wein ist meistens zart, ja feingliedrig, floral, rotbeerig, unkompliziert, aber nicht banal, trinkig – und er ist ein absolutes Universalgenie, das überall eingesetzt werden kann. «Man kann Vernatsch im Sommer problemlos leicht gekühlt trinken, aber er geht auch wunderbar zu deftigeren Gerichten», sagt Pfeifer.
Vernatsch ist eine Zicke
Was man kaum vermuten würde: Die Rebsorte ist ziemlich kapriziös! «Es ist schwierig, einen guten Vernatsch zu machen», weiss Pfeifer. «Man muss bei der Arbeit sehr fleissig sein und präzis arbeiten, damit man die Frucht in die Flasche bringen kann. Bei der Gärung ist Feinmotorik gefragt, denn die Temperatur muss immer stimmen.» Gojer ergänzt: «Schon bei der Landarbeit muss man sehr gut arbeiten, denn Vernatsch ist anfällig auf Krankheiten. Deshalb muss man die Trauben früh freilegen. Im Keller hat er die Tendenz sich zu verschliessen, also in Reduktion zu gehen. Man muss ihn deshalb regelmässig abziehen, also gewissermassen durchlüften. Aber auch wieder nicht zu viel, sonst verliert er wegen der entstehenden Oxidation an Frucht. Sie merken es: Einen guten Vernatsch zu keltern ist ein Knochenjob!»
Nie zum Einsatz kommen bei der Reifung kleine französische Barriques von 225 Litern. Entweder grosse Holzfässer von 10 bis 25 Hektoliter oder grösser, oder Stahltanks.
«Viele stehen nicht zum Vernatsch»
Trotz aller Bekenntnisse zum Vernatsch – bedingungslos ist die Liebe vielen Orten nicht. Ihn zu verkaufen ist ebenso sehr ein Knochenjob wie ihn zu keltern. Ein Schweizer Importeur einer grossen Genossenschaftskellerei sagt: «Den St. Magdalener bringt man in der Schweiz fast nicht unter die Leute.» Auch Kiem weiss das: «Vernatsch wird primär als St. Magdalener oder Kalterersee wahrgenommen. Namen, die immer noch negativ konnotiert sind.» Zu Unrecht, natürlich, fügt er hinzu. Und ein Südtiroler Topwinzer ergänzt: «Auch wenn Vernatsch nach wie vor die meistangebaute Rebsorte bei uns ist: Viele Kellermeister stehen nicht zu ihr. Weshalb sie als Volkswein nicht taugt.»
Mittlerweile stimmt die Qualität. Wer weiss – vielleicht werden italienische Weinexperten aus den 30er-Jahren doch noch recht erhalten, als sie eine abenteuerliche Klassifizierung der italienischen Weine vornahmen und in der obersten von vier Kategorien nur drei Weine Aufnahme fanden: Barolo, Barbaresco … und Vernatsch.
- Gschleier Alte Reben Vernatsch Cantina Girlan 2018: Würze, Frucht zwischen rot und schwarz, dunkel, leichtes Parfüm, Power, dennoch hoch elegant, Bittermandeln, langes Finale. Score: 17,25/20 (24 Franken für Jahrgang 2017. www.felsenkeller-sh.ch)
- St. Magdalener Vigna Rondell Franz Gojer 2018: Rechtes Parfüm, samten, etwas Schwefel, fleischig, druckvoll, üppig und dennoch feingliedrig, Lebkuchen, Anis, ätherisch, wunderbare Trinkfluss und Länge. Score: 17,5/20 (23 Franken. www.algrappolo.ch)
- St. Magdalener Classico Pfannenstielhof 2019: Komplex, Power, stützendes Säure-Rückgrat, Druck, Tiefe, enorm trinkig, fast etwas wuchtig, langes Finish. Score: 17/20 (19.80 Franken. www.weinvogel.ch)
- Kalterersee Classico Superiore Quintessenz Kellerei Kaltern 2018 (Foto): Rauchig, viel Himbeerfrucht, Würze, trinkig, schlank, dennoch Opulenz vermittelnd, langer Abgang. Score: 17,5/20 (17.80 Franken. www.weinvogel.ch)
- St. Magdalener Classico Vigna Premstallerhof 2019: Wild-animalische Nase, leicht reduktiv, Kirschen, Rauch, insgesamt verhalten, rechte Säure, schlank-knackig, blumig, ätherisch-frisch, zältliger, überraschend langer Abgang. Score: 17/20 (15.80 Franken. www.weinvogel.ch)
- Kalterersee Classico Superiore Weingut Prälatenhof 2019: Viel Weihrauch, mineralisch, rotbeerig, rund, Schmelz, tolles Finish - eine Entdeckung! Score: 17,25/20 (in der Schweiz nicht erhältlich) - Meine grosse Entdeckung am Vernatsch-Cup 2020
- Vernatsch Alte Reben Sonntaler Kellerei Kurtatsch 2019: Rauchig, Power, Schmelz, Kräuter, speckig, dunkle Frucht, Frische, sortentypisch, jugendlich, trinkig, mittleres Finish. Score: 17/20 (17.80 Franken. www.weinvogel.ch)
- Kalterersee Classico Superiore Der Keil Manincor 2019: Mineralisch-erdig, Fülle, sehr typisch, aber auch sehr kräftig, nussig, recht lang. Score: 17/20 (22 Franken. www.hoferwineandspirits.ch)
- St. Magdalener Classico Antheos Ansitz Waldgries 2018: Kräuter, kirschig, Schmelz, Power, frisch, nicht ultratypisch, aber sensationell! Score: 17,5/20 (26 Franken. www.secli-weinwelt.ch)
- St. Magdalener Classico Gütesiegel Kellerei Bozen 2018: Floral-rosig, Johannisbeeren, Kräuter, Frische, Eleganz, easy, richtig süffig, schöne Länge. Score: 17,25/20 (15.90 Franken. www.weinvogel.ch)
- St. Magdalener Classico Annver Pfannenstielhof 2017: Floral, Himbeeren, Kräuter, Schmelz, knackig, originär, Druck, enorme Fülle, schöne Länge. Score: 17,25/20 (26.80 Franken, www.weinvogel.ch)
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