Für Sie degustiert: Was trinkt M’am Obama?
Der Lieblingswein der First Lady

Michele Satta ist Pionier und Querdenker im italienischen Wein-Eldorado Bolgheri. Einer seiner Weissweine ist der Lieblingstropfen von First Lady Michelle Obama.
Kommentieren
1/18
Foto: zVg
Von Alain Kunz

Die Story ereignet sich 2013, an Michelles Geburtstag. Barack, Fan italienischer Küche und Keller, bucht einen Tisch im Café Milano in Washington. Inkognito. Erst fünf Minuten, bevor der Präsident das Lokal betritt, wird dem Chef gesagt, wer da antanzt.

Was die Obamas zum Secondo trinken, ist nicht überliefert. Aber sehr wohl, was es zuvor gibt: den Costa di Giulia von Michele Satta. Warum speziell Michelle der Wein aus Vermentino und Sauvignon Blanc so gut gefällt, weiss man auch nicht. Aber die Wahl zeugt von gutem Geschmack, fraglos. Michelle trinkt Michele.

Vom Ferientechniker zum Pionier

Grund genug, Satta in seiner Cantina gleich ausserhalb von Donoratico zu besuchen. Es erwartet uns ein Tausendsassa, der fast aus der Schweiz stammt, weil er aus Varese kommt, ein paar wenige Kilometer von Chiasso weg. Und Satta nimmt kein Blatt vor den Mund.

Der ganz grosse Pionier in Bolgheri ist zwar Marchese Mario Inciso della Rochetta, der Sassicaia gründete. Doch Satta hat auch einen grossen Verdienst, dass die Region in der nördlichen Maremma heute verheissenes Weinland ist. Michele erzählt: «Ich habe in Mailand ein Agrar-Studium gemacht und in Pisa gearbeitet. 1976 liess ich mich dann in Castagneto Carducci nieder. Warum? Weil wir hier immer in den Ferien waren…»

So also beginnt die erstaunliche Story des Michele Satta, die in einem schicken Italiener in Washington endet.

Aber lassen wir Satta weitererzählen – es wird spannend: «Zuerst habe ich Früchte angebaut, kam also auf Umwegen zum Wein. 1983 konnte ich meinen ersten Wein unter eigener Etikette herausbringen, den Diambra. Gekeltert wurde er aus Sangiovese und weiteren lokalen Trauben. Also noch nichts mit Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah und Co.»

«Bürokraten-Trottel!»

Damit gehörte Satta zu den allerersten Weinmachern der Neuzeit in Bolgheri neben Grattamacco, Le Machiole und den beiden Antinoris: Piero, der seine Weine in Santa Cristina in Florenz machte, und Lodovico mit dem Ornellaia. «1984 erhielten wir hier die erste DOC. Für Weisse und Rosato. Stellen Sie sich das vor! Die DOC für Weisse und Rosé. Hier in Bolgheri, in einer klassischen Rotwein-Region!», ereifert sich Satta. «Sassicaia hatte sich schon etabliert. Und dann gaben diese Bürokraten-Trottel eine DOC für Weisse und Rosé!» Erst zehn Jahre später gabs die «richtige» DOC für die Region Bolgheri.

Heute ist Bolgheri vor allem für seine Bordeaux-Assemblagen bekannt, obwohl die Toskana klassisches Sangiovese-Gebiet ist. Auch Satta pflanzt Merlot und Co. an. Aber nicht nur. Sangiovese hat nach wie vor einen festen Platz bei ihm. «Es ist doch völliger Blödsinn, wenn einige heute behaupten, Sangiovese komme nicht gut in unserer Region. Wie können die das wissen? Die weigern sich doch, ihn anzupflanzen. Klar ist die Traube kompliziert. Sie hat wenig Farbe, sie ist flüssig, hat wenig Textur. Aber ich sage Ihnen etwas: Ich hatte vor ein paar Wochen Russen da, die nie nicht viel von Wein verstanden. Die hatten am meisten Freude am Sangiovese!» Wahrscheinlich am Cavaliere, dessen Jahrgang 2006 wir zuletzt getastet haben. Das Resultat ist umwerfend!

Aston Martin, Casino Monte Carlo, First Lady

Bolgheri müsse wiedererkennbar sein, heisse es, so Satta. Der Wein als Model-Typ gewissermassen. «Ich sagte denen: ‹Welches Modell? Was ist Bolgheri?›» Eine konkrete Antwort sei nicht gekommen. «Das ist doch, wie wenn man einem einzigen Frauenbild nachhängt. Zum Beispiel dem Modell Angelina Jolie. Es gibt aber Tausende andere hübsche Frauen.»

Die Weine von Satta sind nicht stromlinienförmig und widerspiegeln den kritischen Geist dahinter. Einer, der selbst die eigene Region hinterfragt. Weiteres Beispiel gefällig? «Der Wein soll doch von einem Weinmacher gemacht werden. Nicht von Business-Leuten, mit denen man nicht in die Reben gehen kann. Selbst Angelo Gaja, den ich sehr bewundere, ist heute mehr Geschäftsmann als Vignaiolo. Und die Weine, die er hier macht?» Es ist kein Kompliment, das Satta platziert. Weshalb es des Schreibers Höflichkeit gebietet, es nicht eins zu eins zu protokollieren.

Satta mag wohl ein kritischer Geist und Querdenker sein - ein Verächter der schönen Dinge der Welt ist er nicht. So ist er Partner von Aston Martin, und seine Weine werden auch mal im Casino von Monte Carlo kredenzt. Oder eben am Geburtstag der First Lady. Cheers!

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen