Am Sonntag stand Ricki Wüst (†35) aus Steg VS am Felsen namens High Nose auf der Mürrenfluh. Für die Basejumping-Anfängerin war es einer der ersten Sprünge. Und er ging schief. Ihr Mann, nur Minuten zuvor gesprungen, musste es mitansehen. «Fliegen war Rickis Leben. Ich bin tieftraurig», sagt er. «Fly free, my little girl», sagt die Todesanzeige.
Ein Fehler, und man ist tot
Angelo Declerck (22) und Gino Verschueren (45) sind Belgier. Sie stehen an der «Via Ferrata», ihrem Absprungpunkt oberhalb von Lauterbrunnen BE. Zuvor sind sie mit der Schilthornbahn auf den Mürren gefahren, eine halbe Stunde geklettert, durch den Schnee gestapft. Kurz vor dem Absprung gibt es ein paar Dörrfrüchte als Stärkung. «Ich bin schon leicht nervös. Aber das ist gut, wenn man Respekt hat», sagt Verschueren. Er springt seit 18 Jahren. Declerck klopft ihm Gras vom Rücken. Beide kontrollieren ihre Ausrüstung.
Verschueren stellt sich an die Rampe und simuliert die Flugbewegung und das Ziehen des Fallschirms. Dann gibt er mir drei Küsschen auf die Wange. Und springt mehrere Hundert Meter in die Tiefe. Nach ein paar Sekunden – eine gefühlte Ewigkeit – zieht er am Schirm, der sich öffnet. Der Wingsuit, ein Ganzkörperanzug, gibt ihm Auftrieb. Verschueren gleitet über den Fluss ins Tal. Es ist sein vierter Sprung an diesem Tag. Lauterbrunnen gilt als «Basejumping-Disneyland», weil man hier mit Bahnen so gut zu den Exit Points gelangt.
Wann zieht man den Fallschirm? «Ich weiss es intuitiv», sagt Basejumper Fabien Clerc (40). «Am Anfang zählst du noch die Sekunden, zählst aber viel zu schnell und ziehst zu früh.» Clerc sitzt im Lauterbrunner Horner Pub beim Bier. Hier treffen sich die Jumper zum Plaudern oder Feiern. Clerc lebt seit fünf Jahren im Dorf. Im September stürzte er 700 Meter tief. Sein Schirm hatte sich nicht geöffnet. «Ich wollte das Öffnen hinauszögern, irgendwann war es zu spät, wegen einer Stromleitung. Nach dem Aufprall fühlte ich die Beine nicht mehr», erzählt er. In seinem Rücken stecken jetzt Schrauben und Platten. Clerc hatte Glück. Bald wird er wieder vom Berg springen.
Ricki Wüst hatte Pech. Geriet bei ihrem Sprung in Schieflage, krachte mit geöffnetem Schirm gegen die Felswand. Ein Freund sagt: «Dabei legte Ricki solchen Wert auf Sicherheit, hatte über 4500 Tandem- und Fallschirmsprünge absolviert, bevor sie sich ans Basejumping wagte.»
Profi-Jumper Dan Vicary (†33) stürzte am Samstag im Wingsuit in den Tod. «Ich winkte ihm noch, als er mit dem Heli abhob. Hätte ich ihn doch umarmt», sagt Sky-Diving-Instruktorin Irene Ulrich (34) aus Interlaken BE. «Ich wartete mit einer Gruppe an der Basis in Interlaken auf seine Rückmeldung.» Doch Dan rief nicht mehr an.
Auch Kajala Rami (39) lebt im Dorf. War, wie die meisten hier, mit den Opfern befreundet. Ramis Jumper-Leben: 2200 Sprünge. «Viele meiner Freunde sind tot.» Und doch: «Hätte ich Familie, würde ich aufhören.»
Bauer Adolf von Allmen (62) hat den Hof gleich unter der Absprungschanze High Nose. Er sah, wie Wüst in den Tod stürzte. Er sah schon viele sterben. Einmal hing einer an seinem Silo. Dieser Basejumper überlebte und lud den Bauern später zu einem Whisky ein. Von Allmen steht da, in Arbeitsanzug und Melchstiefeln, und sagt: «Ich habe mit den Jumpern hier schon viel erlebt. Einige sind meine Freunde. Sie wohnen in billigen Absteigen. Sie leben für den Sport. Und sie sterben dafür.»