Es sind Bilder und Bücher, die mir als Erstes in den Sinn kommen, wenn ich an Ellen Ringier denke.
Die Bilder hängen an der Wand in Celerina, wo wir mit ihr und ihrem Mann Michael schöne Stunden verbringen durften. Ellen zeigte uns jedes Werk, erzählte davon, und man merkte ganz rasch, dass sie die Bilder nicht als teuren Besitz betrachtete, sondern als wertvolle Erweiterung und Schärfung der Wahrnehmung.
Das Gleiche galt den vielen Büchern, die sie besass. Auch diese waren nicht einfach Statussymbol, sondern Teil der Entdeckungs- und Bildungsreise, auf der sich Ellen zeitlebens befand.
Woher ihre genuine Neugier kam? Sie hatte sicherlich auch mit ihrem Elternhaus zu tun, wo sich die christliche und die jüdische Kultur zu etwas Neuem verbanden und die Identität von Ellen formte. Ellen Ringier wurde so eine eigenständige und eigenwillige Frau, die sich nicht von aussen definieren liess. In gleicher Weise begegnete sie den Menschen, die sie nie in stereotype Schubladen steckte, sondern in ihrer ganzen Fülle zu erfassen versuchte.
Ihre tiefe Menschlichkeit führte dazu, dass sich Ellen schon sehr früh, mit grossem Engagement und ebenso grossem Mut, gegen die Intoleranten stellte und dabei die Initiative «Rock gegen Hass» mitgründete. Wer in den 90er-Jahren an einem dieser Festivals dabei war, hatte diesen Woodstock-Moment. Dieses Gefühl, Teil einer toleranten Gemeinschaft zu sein. Teil einer Gesellschaft, in der der Respekt vor dem anderen und das Interesse an der anderen Person immer im Zentrum stehen. Ellen Ringier hat damit, bewusst oder unbewusst, ganz viele von uns geprägt.
Den Namen der Familie Ringier, den sie mit Stolz trug, erachtete sie als Privileg, das mit einer grossen Verantwortung einhergeht. So wollte sie die Welt ein klein bisschen besser machen. Ihre Ausbildung als Juristin stellte sie nicht zur Schau, sondern in den Dienst der Schwächeren. In gleicher Weise trug sie ihr Mäzenatentum nicht nach aussen, um die Menschen zu beeindrucken. Ebenso besuchte sie Galas nicht, um abgelichtet zu werden, sondern weil sie einem guten Zweck dienten. Jene, die sich in ihrem Licht sonnen wollten, interessierten Ellen nicht. Sie hat stets ihre intellektuellen und finanziellen Ressourcen für diejenigen Menschen eingesetzt, die eben nicht auf der Sonnenseite leben.
Ihr grosses Engagement für Kinder und Jugendliche, gerade auch für benachteiligte, steht sinnbildlich für ihre Überzeugung, dass jeder Mensch Grosses bewerkstelligen kann, wenn er nur die Chance dazu bekommt.
Sei es ihr Engagement für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft oder ihr Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus – die Wege, so steil und steinig sie auch waren, hat Ellen nie gescheut, sondern immer beschritten. In einer der letzten Whatsapp-Nachrichten an uns schrieb Ellen Ringier, dass ein jeder Mensch, der berührt worden ist, wohl nicht die ganze Welt, «aber vielleicht einen einzigen anderen Menschen rettet. Darum gilt: weitermachen! Herzlich, Ellen».
Diese innere Haltung von Ellen, die mit einer Standhaftigkeit einherging, berührt mich auch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe. Und ich merke, wie sehr uns die aussergewöhnliche Frau mit ihrer Herzenswärme und dem Lachen auf dem Gesicht fehlt. Mit ihrer liebenswürdigen und herzlichen Art hat sie Herzen und Seelen zutiefst berührt.
Ich habe nicht nur eine geschätzte Freundin verloren, sondern auch ein grosses Vorbild, dem wir alle – ein klein bisschen wenigstens – nacheifern sollten, ganz im Sinne von Ellen, um die Welt zu einer besseren zu machen.
Herbert Winter ist Anwalt in Zürich und war von 2008 bis 2020 Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.