Darum gehts
- Forschung priorisiert männliche Gesundheit
- Stammzellen aus Menstruationsblut kann sich in verschiedene Gewebearten verwandeln
- Auch ein vaginaler Orgasmus wird über die Klitoris ausgelöst
Fast zwei Milliarden Menschen weltweit menstruieren. Trotzdem wird zum Beispiel in die Forschung von Erektionsstörungen mehr Geld gesteckt als in weibliche Gesundheit. Ersteres betrifft gut ein Drittel der Männer – Letzteres jede einzelne Frau auf dem Planeten. Der männliche Körper gilt nach wie vor als Prototyp für Forschungen und Tests, was Frauen medizinisch massiv benachteiligt. Ja, Frauengesundheit ist schwieriger zu erforschen als die von Männern, da der weibliche Zyklus um einiges komplizierter ist und sich auf sehr vieles auswirkt. Aber es würde sich lohnen, etwas mehr Zeit und Energie in die Erforschung von Frauenkörpern zu stecken. In ihrem neuen Buch «Die unerforschte Frau» nennt die Medizinerin und Influencerin Sriusdiga Manivannan alias MedSri (insgesamt über 850'000 Follwerinnen und Follower) eine ganze Flut von weitgehend unbekannten Fakten über Frauen.
Hast du zum Beispiel gewusst, dass …
… für Forschung über den Frauenkörper Menstruationsprozesse künstlich erzeugt werden müssen?
Forschung wird nach wie vor oft an Tiermodellen betrieben, zum Beispiel an Mäusen. Und weibliche Mäuse menstruieren nicht. Das ist wohl mit ein Grund, warum so lange davor zurückgeschreckt wurde, Krankheiten wie Endometriose zu untersuchen. Zu kompliziert und betrifft ja nur Frauen. Um den Zyklus zu erforschen, müssen diese Prozesse künstlich erzeugt werden. Ein Aufwand, der sich lohnt, in Anbetracht der Anzahl betroffener Menschen.
… die Periode fast so viel über deine Gesundheit aussagt wie der Puls?
Die meisten Frauen empfinden die Monatsblutung als lästiges Übel. Dabei könnte sie ein Gesundheitsbarometer wie Puls oder Blutdruck sein, die zeigen, ob die körperlichen Funktionen stabil sind. Der Zyklus reagiert nämlich sensibel auf Stress und Erkrankungen. Führende Fachgesellschaften verlangen schon länger, dass bei Check-ups standardmässig auch nach dem Zyklus gefragt wird. Unregelmässige, ausbleibende oder sehr starke Blutungen können frühe Warnsignale für diverse gestörte Körperfunktionen sein, zum Beispiel Insulinresistenz, Stoffwechsel- oder Schilddrüsenprobleme.
… Periodenblut helfen könnte, Krankheiten zu behandeln?
Menstruationsblut ist kein gewöhnliches Blut, sondern besteht aus Blutbestandteilen, Zellen des Endometriums, Sekreten und Enzymen. 2007 isolierten Forschende erstmals Stammzellen aus Periodenblut und stellten fest: Sie gehören zu den sogenannten mesenchymalen Stammzellen. Das heisst, sie besitzen das Potenzial, sich in verschiedenste Gewebearten zu verwandeln, etwa die von Herz, Nervensystem oder Leber. Ausserdem teilen sie sich deutlich schneller als klassische Knochenmarkzellen. Statt aus solchen Spenden könnten Stammzellen ganz einfach aus als «unrein» verschrienem Körpermaterial generiert werden. Ihr Potenzial für die Forschung ist riesig: Wundheilung, Organ-, Nerven- und Muskelreparatur, Alzheimer, Diabetes, ganz zu schweigen von Fruchtbarkeit und gynäkologischen Beeinträchtigungen wie Endometriose. Warum Stammzellengewinnung aus Periodenblut nicht längst Standard ist? Weil das Interesse der männlich geprägten Forschung fehlt. So gab es in den 2010er-Jahren weltweit über 15'000 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Sperma, zu Menstruationsflüssigkeit gerade mal 400. Gerade mal vier Prozent der klinischen Studien haben einen gynäkologischen Schwerpunkt. Dabei könnte mit den Ergebnissen auch Männern geholfen werden.
Unter dem Namen Medsri klärt Sriusdiga Manivannan (38) über 850'000 Followerinnen und Follwer auf Social Media über Gendermedizin auf. Die studierte Medizinerin setzt sich für die Enttabuisierung von Themen wie Menstruation und weibliche Anatomie ein.
In die «Die unerforschte Frau» setzt sie sich mit dem Gender Health Gap auseinander und spricht sich für mehr Forschung und bessere medizinische Versorgung von Frauen aus.
Unter dem Namen Medsri klärt Sriusdiga Manivannan (38) über 850'000 Followerinnen und Follwer auf Social Media über Gendermedizin auf. Die studierte Medizinerin setzt sich für die Enttabuisierung von Themen wie Menstruation und weibliche Anatomie ein.
In die «Die unerforschte Frau» setzt sie sich mit dem Gender Health Gap auseinander und spricht sich für mehr Forschung und bessere medizinische Versorgung von Frauen aus.
… die Saugfähigkeit von Periodenprodukten erst seit 2023 mit echtem Blut getestet wird?
Entwickler von Tampons und Binden prüften ihre Produkte jahrzehntelang mit blauer Flüssigkeit. Die Medizin nutzte jene Laborwerte zur Einschätzung des Blutverlusts, etwa bei Gerinnungsstörungen. Eine Studie von 2023 kam dann – oh Wunder – darauf, dass Blut sich anders verhält als diese Flüssigkeit. Es fliesst langsamer, gerinnt schneller und verteilt sich ungleichmässig. Produkte, die im Labor bislang als «superabsorbierend» galten, stellten sich als Flop heraus.
… bald eine smarte Binde made in Switzerland auf den Markt kommen könnte?
Kurz nach der bahnbrechenden Erkenntnis, man könnte die Saugfähigkeit von Periodenprodukten mit echtem Blut testen, folgte eine Schweizer Idee, die fast so gut ist wie Ricola: «MenstruAI» aus den Laboren der ETH Zürich verwandelt eine gewöhnliche Binde in ein intelligentes Diagnosewerkzeug. Sie enthält winzige Sensoren, die Biomarker im Blut untersuchen und so zum Beispiel Entzündungen oder sogar Tumore wie Eierstockkrebs erkennen können. Das smarte Pad könnte 2028 auf den Markt kommen.
… die Periode auch rückwärtslaufen kann?
Retrograde Menstruation bezeichnet den Rückfluss von Blut und Zellen durch die Eileiter in die Bauchhöhle. In den meisten Fällen ist das vollkommen harmlos. Lange glaubte man, dass ein solcher Rückwärtsfluss die Hauptursache für Endometriose ist, aber das stimmt so nicht. Bei der Krankheit, die etwa zehn Prozent aller Frauen betrifft, wird Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, an falschen Stellen angesiedelt, zum Beispiel an der Blase, am Darm oder den Eileitern. Für diese Entwicklung braucht es viel mehr als zurückfliessendes Menstruationsblut, beispielsweise Störungen im Immunsystem, hormonelle Faktoren oder auch genetische Veranlagung.
… die Gebärmutter in die Vagina fallen kann?
Klingt dramatisch, ist aber gar nicht so selten. Jede zweite Frau erlebt eine leichte Absenkung des Uterus. Rutscht er so weit nach unten, dass er über den Scheideneingang hinausreicht, nennt man dies einen Uterusprolaps. Ausgelöst wird er durch alles, was im Bauchraum Druck erzeugt: Schwangerschaft, Übergewicht, schweres Heben und so weiter. Manche Frauen bemerken die runtergerutschte Gebärmutter gar nicht, andere merken ein Druck- oder Fremdkörpergefühl in der Scheide. Gefährlich ist der Prolaps in der Regel nicht, führt aber oft zu Beschwerden beim Wasserlassen oder Schmerzen beim Sex. Oft hilft schon Beckenbodentraining oder ein spezieller Silikonring. Hin und wieder ist eine Operation erforderlich.
… der G-Punkt eine Art WLAN-Netz ist?
Nicht nur der weibliche Zyklus, auch die weibliche Sexualität ist bei weitem nicht so gut erforscht wie die männliche. So ist der berühmte G-Punkt, den es für Penisbesitzer virtuos zu treffen gilt, kein Mythos – und auch kein Punkt. Was der Gynäkologe Ernst Gräfenberg da 1950 entdeckt hatte, ist der sogenannte Urethro-Klitoris-Komplex, ein Netzwerk aus Klitoris, Harnröhre und Scheidenvorderwand, eine Region, die besonders nervenreich ist. Fun Fact: Auch da wird in erster Linie die Klitoris stimuliert. Der vaginale Orgasmus ist also genauso ein Märchen wie der G-Punkt.
… Analsex Blasenentzündungen auslösen kann?
Hinter einer Blasenentzündung steckt ein Mikrobiom, das in Schieflage geraten ist. Die weibliche Harnröhre ist relativ kurz, weshalb beim Sex leicht Bakterien an Orte gelangen können, an denen sie nichts zu suchen haben. Nicht nur beim vaginalen Sex, sondern auch beim Analsex. Dies, weil auch Darmbakterien leicht den Weg zur Blase finden. Weitere Auslöser: nicht gereinigte Sex Toys, Diaphragmen, eine schwache Immunabwehr, hormonelle Veränderungen – und kalte Füsse. Die Blase mags nämlich warm.
… sexuell übertragbare Krankheiten jahrelang im Körper schlummern können?
Wird eine Frau mit einer STI (Sexually Transmitted Infection) diagnostiziert, zerbricht sie sich den Kopf, wo sie diese eingefangen haben könnte – und landet nicht selten bei der Frage, ob der Partner untreu war. Nicht unbedingt. Denn STIs wie HPV, Herpes oder Chlamydien können monate- oder gar jahrelang ohne Symptome im Körper sein. Nur bei einem treten die Symptome typischerweise sofort auf (aber auch nicht immer): Tripper. Meist heisst eine Geschlechtskrankheit aber lediglich, dass man irgendwann mal Sex mit irgendwem hatte, und ist kein Beziehungsurteil.