Zusammenwohnen trotz Trennung? Nur so funktioniert es
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Paartherapeutin erklärt:Zusammenwohnen trotz Trennung? Nur so funktioniert es

«Trenn dich doch einfach!»
Warum sind wir lieber unglücklich als allein?

Trennungen sind nie einfach. Emotionscoachin Carlotta Welding erklärt, wie man mit der «5 zu 1 Quote» merkt, ob die Beziehung noch intakt ist, was uns trotz fehlender Zufriedenheit am Gehen hindert und warum friedlich einvernehmliche Trennungen selten funktionieren.
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Dass viele Paare zusammenbleiben, obwohl sie nicht glücklich sind, liegt daran, dass bei einer möglichen Trennung nicht nur die Zufriedenheit eine Rolle spielt.
Foto: Getty Images

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Sandra CasaliniRedaktorin

Wir kennen ihn alle, diesen Spruch, und haben ihn vielleicht auch schon mal zu jemandem gesagt: «Trenn dich doch einfach!» Dabei wissen wir selbst, dass an einer Trennung nichts einfach ist. Laut Studien dauert es vom ersten Trennungsgedanken bis zur eigentlichen Trennung im Durchschnitt zwei Jahre. 

In ihrem neuen Buch «Wenn es besser ist zu gehen» beschäftigt sich die deutsche Emotionscoachin und Paartherapeutin Carlotta Welding mit der Psychologie der Trennung. Im Gespräch mit Blick erörtert sie vier Kernfragen. 

Fachfrau für Gefühle

Carlotta Welding, geboren 1984, studierte Linguistik in Bonn und in Berlin, forschte zum Thema Emotionen und promovierte über Alexithymie – sogenannte Gefühlsblindheit – an der Freien Universität Berlin. Als Emotionscoachin ist sie Expertin für verdrängte, vergessene, übersprungene oder nicht gelebte Gefühle.

«Wenn es Zeit ist zu gehen» ist Weldings zweites Fachbuch. Bereits 2021 erschien «Fühlen lernen».

Carlotta Welding, geboren 1984, studierte Linguistik in Bonn und in Berlin, forschte zum Thema Emotionen und promovierte über Alexithymie – sogenannte Gefühlsblindheit – an der Freien Universität Berlin. Als Emotionscoachin ist sie Expertin für verdrängte, vergessene, übersprungene oder nicht gelebte Gefühle.

«Wenn es Zeit ist zu gehen» ist Weldings zweites Fachbuch. Bereits 2021 erschien «Fühlen lernen».

Warum bleiben wir so lange in einer unglücklichen Beziehung?

Eines vorneweg: «Die Tatsache, dass Menschen in unglücklichen und lieblosen Beziehungen bleiben oder von Anfang an in solche starten, ist das Normalste der Welt», sagt Carlotta Welding.

«Menschen heiraten ständig aus finanziellen, religiösen oder gesellschaftlichen Gründen, die nichts mit Liebe zu tun haben.» Dass sie, selbst wenn anfangs Liebe im Spiel war, aus solchen Gründen in einer Beziehung bleiben, sei absolut legitim. «Dass jemand zum Beispiel das Leben in finanzieller Sicherheit über seine Emotionen stellt, ist nachvollziehbar.» Auch hierzulande können sich viele Menschen eine Trennung schlicht und einfach nicht leisten. «Es gibt aber eben auch sehr viele, die es aus einem emotionalen Aspekt nicht schaffen», so Welding.

Die Zufriedenheit mit der eigenen Beziehung ist nämlich nur ein Faktor, der bei Trennungsgedanken eine Rolle spielt. Ein weiterer ist die sogenannte Versunkene-Kosten-Falle. Der Begriff aus der Wirtschaftswissenschaft bezeichnet die Mühe, ein Projekt zu beenden, für das man bereits viel Zeit und Kraft aufgewendet und Geld ausgegeben hat. «Auf eine Beziehung umgemünzt bedeutet das, dass wir etwas, in das wir so viele Träume, Erwartungen, Hoffnungen, Zeit und Energie gesteckt haben, nicht aufgeben wollen. Auch wenn wir eigentlich wissen, dass es nicht mehr funktioniert», erklärt die Expertin. Ein bisschen wie beim Glücksspiel: Man hofft immer wieder, dass bei der nächsten Investition etwas zurückkommt, auch wenn man schon fast pleite ist. 

Vordergründig ein sehr häufiger Grund, sich nicht zu trennen, sind gemeinsame Kinder. Hier stecke häufig weniger das Kindeswohl an und für sich dahinter, sondern die meist unbewusste Sorge um sich selbst, so Carlotta Welding. «Eltern haben Angst, die Liebe ihres Kindes zu verlieren, wenn sie die heile Familie zerstören.» Eine Sorge, die meist unbegründet sei, schliesslich wisse man heutzutage zur Genüge, dass Patchworkfamilien wunderbar funktionieren können. Aber Verlustängste seien sehr häufig. Und haben «mit der Angst zu empfinden» zu tun, wie die Emotionscoachin sagt: «Wir haben ganz grosse Scheu vor negativen Gefühlen und nehmen uns selbst als wahnsinnig labil wahr. Ich glaube, dass die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen im emotionalen Lernen vernachlässigt wurden, dafür kennen wir das Ausblenden von Gefühlen. Wir haben Defizite im emotionalen Lernen erlebt und sind deshalb oft nicht fähig, negative Gefühle zu regulieren, also gehen wir ihnen lieber aus dem Weg.» Eine grosse Rolle spielt auch der Selbstwert: «Wer sein eigenes Glück als nicht so wichtig wahrnimmt, neigt eher dazu, in einer unglücklichen Beziehung zu verharren.»

«Wenn es besser ist zu gehen. Die Psychologie der Trennung» von Carlotta Welding ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.

Warum haben wir so grosse Angst davor, allein zu sein?

Nebst Finanzen, Zufriedenheit, Investitionen und Selbstwert spielt noch ein Faktor eine Rolle, der uns in suboptimalen Partnerschaften hält: die Alternativen. Dabei scheint unsere Furcht vor dem Alleinsein so gross, dass viele die unglückliche Beziehung erst dann verlassen, wenn eine neue Partnerschaft in Aussicht ist. 

«Dass wir uns verbunden, akzeptiert und geliebt fühlen wollen, sind Urbedürfnisse der Menschen», so Carlotta Welding. Dazu kommen gesellschaftliche Idealbilder von der heilen Familie. Und: «Im Alleinsein liegt die Gefahr, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen müssen. So auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, ist etwas, das für ganz viele Menschen unangenehm ist.» Womit wir wieder beim Selbstwert sind: Wer sich selbst wichtig ist, hat auch nicht so ein Problem damit, zumindest eine Zeit lang mit sich selbst klarzukommen. 

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Wann ist es Zeit zu gehen?

Physische oder psychische Gewalt sind natürlich ein eindeutiges Kriterium – wobei auch das nicht so einfach ist, wie es scheint. Ist ein Schubs körperliche Gewalt? Eine Beleidigung nur ein verbaler Ausrutscher? Carlotta Welding setzt auf die «5 zu 1 Quote» des Psychologen John Gottman: Von fünf Tagen darf man in der Beziehung einen als negativ werten, die restlichen sollten positiv erlebt werden. «Das Gute muss eindeutig überwiegen und nicht nur hin und wieder vorkommen.» Ist das nicht der Fall, sollte man das Problem angehen, und, falls dies nicht glückt, irgendwann eine Trennung in Betracht ziehen.

Aber wie merkt man, ob die überwiegende Negativität wirklich der Anfang vom Ende und nicht nur eine Krise ist? «Bei einer Krise wollen beide Partnerinnen oder Partner, dass sie aufhört, und sind auch bereit, an der Beziehung und an sich selbst zu arbeiten», so die Paartherapeutin. Geht es aufs Ende zu, machen sich sogenannte «apokalyptische Reiter» bemerkbar, anfangs oft in Mikroexpressionen wie Augenrollen oder Gefühlen von Verachtung. Dies steigert sich bis zum «Point of no Return», dem Punkt, an dem einer oder eine nicht mehr an der Lösung von Konflikten interessiert ist, keine Lust mehr hat, nachzudenken, Verständnis zu zeigen, auf den anderen oder die andere zuzugehen. Dieser Punkt kommt laut Forschung ungefähr ein Jahr vor der Trennung. «Wenn er überschritten ist, nützt auch eine Paartherapie nichts mehr», so Welding. 

Aber wie kann man denn nicht merken, dass eine Person, die man so gut kennt, keinen Bock mehr auf Konfliktlösung hat? «Allermeistens will man das nicht», so die Expertin. «Man redet sich lieber ein, der Partner habe halt gerade Stress im Job oder die Partnerin sei dauernd übermüdet, weil sie schlecht schläft. So lange, bis es zu spät ist.» 

Warum können sich die wenigsten von uns friedlich trennen?

Prominente wie Schauspielerin Gwyneth Paltrow und Musiker Chris Martin haben in den letzten Jahren den Begriff «Conscious Uncoupling» geprägt, zu Deutsch in etwa «bewusstes Ent-Paaren». In Statements lassen sie verlauten, man habe gemeinsam entschieden, separate Wege zu gehen, bleibe sich aber in Liebe und Respekt verbunden und sei selbstverständlich weiterhin gemeinsam für die Kinder da. 

Das kann natürlich vorkommen, die Regel ist es aber nicht – wohl auch nicht bei Prominenten. Der Grund: In einem Trennungsprozess sind die Partnerinnen oder Partner selten emotional am gleichen Ort. «Die eine ist in ihrem Distanzierungsprozess weiter vorangeschritten als der andere. Da die erste Person die zweite selten an diesem Prozess teilhaben lässt, ist für Letztere oft eigentlich noch alles in Ordnung, wenn sich die andere mehr oder weniger aus heiterem Himmel trennen will.»

Hollywoodstar Gwyneth Paltrow und Musiker Chris Martin prägten bei ihrer Trennung den Term «Conscious Uncoupling», also «bewusstes Ent-Paaren».
Foto: Kevin Mazur

Es sei wichtig, als Person, die die Trennung initiiert, der anderen Person Raum zu geben, sich ebenfalls zu distanzieren. «Ich kann von meinem Partner nicht verlangen, diesen Prozess in einem irrsinnigen Tempo zu durchlaufen, um am gleichen Punkt anzukommen wie ich. Natürlich ist er verletzt, wütend und erschüttert. Das ist vollkommen in Ordnung und lässt sich nicht vermeiden.» Das müssen beide Partnerinnen und Partner aushalten können. Auch, damit man nach einiger Zeit tatsächlich zu einem respektvollen Miteinander als ehemaliges Paar finden kann, gerade wenn man gemeinsame Kinder hat.

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