Darum gehts
- Heidi Bucher (1926–1993) wurde mit Latexkunst bekannt
- Sie häutete Häuser und brach alte Rollenbilder auf
- Die Post ehrt die zunächst verkannte Künstlerin mit einer Briefmarke
Die eine Heidi kennt jedes Kind. Die andere ist in der internationalen Kunstwelt ein Star – ihre Werke sind vom MoMA in New York bis nach Peking präsent. Doch in der Schweiz blieb der Winterthurer Künstlerin zu Lebzeiten der grosse Ruhm versagt. «Die Briefmarke ist eine wunderbare Geste und ein Sinnbild für die wachsende Anerkennung meiner Mutter», sagt Mayo Bucher (62), Künstler und Mitbetreuer ihres Nachlasses.
Heidi Bucher war alles andere als eine brave Schweizer Hausfrau. Die an der Kunstgewerbeschule Zürich bei Max Bill und Johannes Itten ausgebildete Damenschneiderin und Mutter zweier Söhne zog Anfang der 1970er-Jahre mit ihrer Familie nach Kalifornien. Ihr Mann, der Künstler Carl Bucher (1935–2015), hatte ein Reisestipendium erhalten. Hippies, Flowerpower, sexuelle Revolution und Feminismus: Für die Winterthurerin wurde Kalifornien zur künstlerischen Initialzündung.
Wie Aliens am Strand von Los Angeles
Sie experimentierte mit riesigen, silbrig schimmernden Körperskulpturen aus Schaumstoff. In diesen «Bodyshells» tanzte sie mit ihrem Mann und den Söhnen Mayo und Indigo am Strand von Los Angeles – wie Wesen von einem anderen Planeten. «Ich war sieben und fand das herrlich», erinnert sich Mayo Bucher. «Es hatte etwas unglaublich Spielerisches und Befreiendes.»
Zurück in der Schweiz trennte sich Bucher von ihrem Mann und entwickelte ihre berühmte Technik: Sie überzog Wände und ganze Zimmer mit Latex und Stoffbahnen und riss die getrockneten Schichten wieder ab. Zurück blieben perlmuttartig schimmernde Raumhäute. Besonders symbolträchtig war das «Herrenzimmer» im Elternhaus in Winterthur, wo ihr Vater Jagdtrophäen und Waffen aufbewahrt hatte. Mit der Häutung riss Bucher sinnbildlich alte Machtstrukturen nieder. «Meine Mutter war eine Befreiungskünstlerin», sagt Mayo Bucher. «Es ging ihr nicht nur um die Emanzipation der Frauen, sondern um die Befreiung aller Menschen wie auch des Kunstbegriffs von überholten Konventionen.»
Erst verkannt, dann Millionen wert
Doch die Schweizer Kunstwelt konnte mit der radikalen Künstlerin wenig anfangen. «Heidi gehörte zu einer Generation von Künstlerinnen, die massiv benachteiligt wurden», sagt Mayo Bucher. Erst nach ihrem Tod 1993 begann ihr internationaler Siegeszug. Heute erzielen ihre Werke an Auktionen bis zu 100'000 Franken. Monumentale Museumsarbeiten besitzen sogar einen Wert im Millionenbereich. Die Jubiläumsbriefmarke zeigt den «Fliegenden Hautraum» von 1981, entstanden im Haus ihrer Vorfahren in Winterthur.
Info: Das Kunst Museum Winterthur, das Haus Konstruktiv in Zürich und das Kunstmuseum Basel zeigen aktuell Werke von Heidi Bucher. Auch das Kunsthaus Zürich präsentiert Arbeiten von ihr in «Ikonen – Highlights der Sammlung». Die Briefmarke ist ab 5. November in den Postfilialen erhältlich.