Darum gehts
- Netflix zeigt derzeit Staffel 4 von «Bridgerton»
- Erfolgsserie mit 307,4 Millionen Abrufen über drei Staffeln weltweit
- Romantik, Diversity und Erotik machen «Bridgerton» unvergleichlich erfolgreich
Als Netflix am Weihnachtstag 2020 die erste Staffel des Historiendramas «Bridgerton» ausstrahlte, bebte innerhalb von wenigen Tagen die Welt des Streamingdiensts: 82 Millionen Abrufe innerhalb der ersten 28 Tage machte «Bridgerton» damals zur erfolgreichsten Netflixserie aller Zeiten. Mittlerweile hat «Squid Game» dem Epos zwar den Rang abgelaufen. Mit insgesamt 307,4 Millionen Abrufen über drei Staffeln gehört «Bridgerton» aber immer noch zu den erfolgreichsten Streamingserien aller Zeiten.
Im Zentrum der Handlung stehen die Liebesleben der acht Geschwister der Familie Bridgerton, die sich in der Londoner High Society im frühen 19. Jahrhundert bewegen. Die Vorlage liefert die Romanreihe von Julia Quinn. Jede Folge beginnt mit den Worten «Meine sehr geehrte Leserschaft …» der Erzählerin Lady Whistledown, die den Klatsch und Tratsch der feinen Gesellschaft verbreitet und in der dritten Staffel entlarvt wird.
In der vierten Staffel, die Netflix in zwei Teilen zeigt – Teil 1 kann bei uns seit Donnerstag gestreamt werden, Teil 2 ab 26. Februar –, stehen die Liebes-Irrungen und -Wirrungen des Schwerenöters Benedict Bridgerton im Vordergrund, der endlich seine grosse Liebe findet. Warum fiebern so viele Menschen – auch Königin Camilla soll ein Fan sein – mit diesen schmalzigen Lovestorys mit? Darum:
Triefende Romantik vs starke Frauen
«Ich liebe dich mit allem, was ich bin, allem, was ich war, und allem, was ich hoffe, zu sein.» Ja, das ist zum Fremdschämen schmalzig. Trotzdem tupft sich die bodenständigste Frau ganz heimlich ein Tränchen aus dem Augenwinkel, als Colin Bridgerton seiner langjährigen besten Freundin Penelope Featherington in Staffel 3 endlich seine Liebe gesteht. Es geht nämlich genau darum: Die Liebesgeschichten in «Bridgerton» sind klassisch romantisch, die Frauen sind es nicht. Zwar ist jede von ihnen gesellschaftlich dazu verdammt, eine möglichst gute Partie zu heiraten. Allerdings verbringt keine ihre Tage damit, auf den Traumprinzen zu warten. Dies ist ganz im Sinn der «Bridgerton»-Macherin: Shonda Rhimes (56) ist eine der erfolgreichsten Produzentinnen der Gegenwart, die mit Formaten wie «Grey’s Anatomy», «Inventing Anna» oder «How to Get Away with Murder» eine Hit-Serie nach der anderen schafft. Die Frau hinter «Bridgerton» ist erfolgreiche Geschäftsfrau, alleinerziehende Mutter von drei Töchtern und das, was man auf ein Englisch ein «tough cookie» nennt.
Schöne, diverse, historisch unkorrekte Welt
«Bridgerton» zeigt uns, wie die Welt sein könnte, wären wir alle farbenblind: «Colorblind Casting» nennt sich die Art von Rollenbesetzung, die nicht auf ethnische Korrektheit achtet. Königinnen, Grafen oder Prinzessinnen sind schwarz, haben indische oder asiatische Wurzeln. In der Londoner High Society des 19. Jahrhunderts absolut undenkbar – in «Bridgerton» ein Fakt, der keiner Erklärung bedarf. Staffel 3 schenkt uns eine Lovestory, die auch heute noch selten vorkommt im Film: Die kurvige weibliche Hauptfigur entspricht körperlich nicht den gängigen Schönheitsidealen unserer Gesellschaft und erobert trotzdem den attraktiven Adligen. Und: Am Ende von Staffel 3 deutet sich gar eine queere Liebesgeschichte an, die in Staffel 4 ihre Fortsetzung findet.
Sex sells
Wer zufällig in die entsprechenden Szenen reinzappt, könnte gut auf die Idee kommen, bei «Bridgerton» handle es sich um einen Erotikstreifen. In Staffel 1 treibens der Graf und seine Zukünftige im strömenden Regen, und Miss Bridgerton besorgts sich zwecks Erkundung der eigenen Sexualität auch mal selbst. Auch in Staffel 2 kommts zu hemmungslosem Outdoor-Sex, während Colin Bridgerton in Staffel 3 bei seiner Penelope während einer Kutschenfahrt unterm bauschigen Rüschenkleid Hand anlegt, bis zum orgastischen Ende – um gleich danach um die ihre anzuhalten. Und auch in Staffel 4 besticht Sophie Beak nicht nur mit atemberaubenden Kostümen, sondern auch mit nackten Tatsachen. Vor allem zeigt «Bridgerton» etwas, was wir immer noch relativ selten zu Gesicht bekommen, auch in Erotikfilmen: weibliche Lust.
«Bridgerton» castet keine Stars – sie werden durch die Serie gemacht. Mit einer Ausnahme
Die Schauspielerinnen und Schauspieler, die für «Bridgerton» gecastet werden, haben zwar alle einiges an Erfahrung, sind aber zum Zeitpunkt, in dem sie sich erstmals in ihre Kostüme stürzen, keine sehr bekannten Gesichter. Danach dafür umso mehr. So hatte Jonathan Bailey (37), der Anthony Bridgerton spielt, vorher ein paar Serien- und Musicalrollen im Lebenslauf. Seit «Bridgerton» erobert er das Kino, zum Beispiel in «Wicked» oder «Jurassic World: Die Wiedergeburt». Ausserdem wurde er vergangenes Jahr vom Magazin «GQ» zum «Sexiest Man Alive» gekürt – als erster offen schwuler Mann. Die Irin Nicola Coughlan (39) war einem britischen Publikum dank der Serie «Derry Girls» nicht ganz unbekannt. Nachdem sie in Staffel 3 von «Bridgerton» im Mittelpunkt stand, nahm ihre Karriere auch international Fahrt auf, zum Beispiel mit Rollen in «Barbie» oder «Doctor Who». Einen einzigen absolut legendären Namen verpflichteten die Macherinnen: Julie Andrews (90), Oscar-, Golden-Globe- und Grammy-Gewinnerin («Mary Poppins»), führt als Stimme von Lady Whistledown durch die Serie. Zu sehen ist sie nie.
Die perfekte PR-Maschinerie
Fans bekamen Schnappatmung bei dem, was sie da auf den roten Teppichen der Promotion-Tour und weltweiten Premieren von Staffel 3 sahen: Da hielten die Hauptfiguren Nicola Coughlan alias Penelope Featherington und Luke Newton (32) alias Colin Bridgerton fleissig Händchen, strahlten einander an und wischten sich zärtlich imaginäre Wimpern von den Wangen. Dem Leinwandpaar wurde der Übername Polin verpasst (eine Kombination aus Penelope und Colin), und die «Bridgerton»-Familie wartete sehnsüchtig auf eine Bestätigung der echten Liebe zwischen Coughlan und Newton – die sich leider als PR-Stunt erwies. Im richtigen Leben entschied sich der schöne Mister Newton dann halt doch nicht für die mit Rundungen gesegnete Miss Coughlan, sondern für eine Tänzerin mit Modelmassen mit dem klingenden Namen Antonia Roumelioti. Zur Entrüstung vieler weiblicher Fans – die allerdings feierten, als Nicola Coughlan nach der Promo-Tour ihren echten Lover präsentierte: Der Gute heisst Jake Dunn, ist Schauspieler, gross, attraktiv und 13 Jahre jünger als sie.
Dabei gibts auch für alle Real-Life-Romantikerinnen gute News: Zwei Paare haben sich tatsächlich hinter den «Bridgerton»-Kulissen gefunden: Bessie Carter (32) alias Prudence Featherington und Sam Phillips (41) alias Lord Debling sind seit Jahren ein glückliches Paar, ebenso Harriet Cains (32) alias Philipa Featherington und Luke Thompson (37), dessen Figur Benedict Bridgerton in Staffel 4 im Mittelpunkt steht. Ende gut, alles gut.