Darum gehts
- Mike Müller als Lysander in «Ein Sommernachtstraum» in Zürich
- Mit 14 Darstellern und Choreografie meistert Müller die temporeiche Inszenierung
- Vier Liebende über 50 zeigen: Liebe bleibt, auch jenseits jugendlicher Schönheit
Als Mike Müller (62) auf der Bühne im Zürcher Schauspielhaus seinen ersten Auftritt in «Ein Sommernachtstraum» hat, erkennt man ihn sofort – trotz Make-up und voluminösem Kostüm. Als Lysander trägt er eine steife Hose und Jacke aus Filz, dazu eine Art roten Blumenhelm auf dem Kopf. «Wir sehen ein bisschen aus wie popartige Comicfiguren aus dem Märchenland. Dabei bewegen wir uns oft sehr schnell, es ist eine komplexe Choreografie.» Etwa wenn Regisseurin Pınar Karabulut (39) ihre Figuren wie auf einem Plattenspieler in erhöhtem Tempo buchstäblich wie Puppen tanzen und sprechen lässt – um das Spiel dann wieder zur Zeitlupe zu verlangsamen.
Eine Rolle, die Müller ins Schwitzen bringt – er nimmt es mit Humor: «Ich dusche momentan zweimal am Tag – sonst mache ich das nur im Hochsommer.» Der Satiriker ist dank seiner ikonischen Figuren unverwechselbar geworden. Unvergessen bleiben seine Parodien aus neun Jahren mit Viktor Giacobbo (74) im Schweizer Fernsehen. Darauf folgte seine Rolle als Luc Conrad in der erfolgreichen SRF-Serie «Der Bestatter». Heute füllt er mit seiner Präsenz problemlos ganz allein die Manege im National-Circus Knie – nur mit seinem Hund Pesche an der Seite, den er eigens dafür trainiert hat.
Berühmtheit ist Fluch und Segen
Der hohe Wiedererkennungswert ist Segen und Fluch zugleich. Und wie so viele, die es zur Berühmtheit geschafft haben, mag Müller sich nicht auf eine bestimmte Rolle festlegen lassen – die des lustigen Mike mit trockenem Pokerface. Das zeigt sich in seiner Karriere als Autor und Schauspieler immer wieder. Seit dieser Saison gehört er zum Ensemble des Schauspielhauses Zürich. Ein prominenter Name schadet nicht, um ein neues Publikum ins Theater zu locken. Ein Renner ist damit jedoch nicht garantiert: Das Mundartdrama «Blösch» zur Saisoneröffnung wurde früher abgesetzt als vorgesehen.
Darin spielte Müller einen Viehhändler, eine Figur, wie man sie aus der Zirkusmanege und aus seinen Parodien kennt, an seiner Seite wiederum sein Hund Pesche. Im aktuellen Stück hat der einzige Vierbeiner des Schauspielhaus-Ensembles keine Rolle. «Ich will ihn nicht in jedes Stück schleppen. Das wäre ein billiger Gag», sagt Müller.
Eine ungewohnte Rolle
Für «Ein Sommernachtstraum» schlüpft er als Lysander in eine ungewohnte Rolle als einen der vier Liebenden im berühmten Verwirrspiel von William Shakespeare (1564–1616). Lysander liebt Hermia – doch ihr Vater hat sie Demetrius versprochen. Also flieht das Paar, verfolgt von Demetrius, dem wiederum die liebeskranke Helena hinterhereilt. Sie landen im Zauberwald – und damit mitten im heftigen Streit zwischen Feenkönigin Titania und ihrem Gemahl Oberon. Als Waldgeist Puck mit einer Blume einen Liebestrank verstreut, kommt es zum Chaos.
Was für die Beteiligten zum albtraumhaften Spuk wird, ist für das Publikum ein rasantes Vergnügen. Mit nur einem Wimpernschlag verwandelt sich innige Liebe in leidenschaftlichen Hass. Das macht das rund 500 Jahre alte Stück bis heute aktuell: «A Midsummer Night’s Dream» gehört zu den weltweit am häufigsten inszenierten Werken von Shakespeare. Unter der märchenhaften Oberfläche verbirgt sich Zeitloses – etwa die Irrationalität der Liebe. «Der Zaubertrank im Wald macht nur sichtbar, was auch ohne Magie geschieht», sagt Müller.
Alle Facetten der Liebe
Er bezeichnet das Stück auch als eine Art Paartherapie. «Es zeigt alle Facetten der Liebe und auch ihre Unberechenbarkeit», sagt er. «Bedingungslose Zuneigung und rasende Eifersucht. Man entliebt sich, um sich wieder neu zu verlieben – und in unserem Fall geht es auch um reifere Liebe.» Denn die vier Liebenden sind hier alle über fünfzig – eine Altersgruppe, die sonst für diese Rollen kaum besetzt wird. «Liebe gibt es auch noch, wenn man nicht mehr blutjung und schön ist», sagt Müller. «Das macht es interessant – schliesslich sitzen im Publikum auch einige in dieser Altersklasse.»
Der Zauberwald ist bei Shakespeare der Gegenpol zur geordneten Welt der Stadt. In Athen gelten Gesetze und gesellschaftliche Regeln – im Wald lösen sie sich für eine Nacht auf. Gefühle kippen, Hierarchien verschwimmen, Traum und Wirklichkeit geraten durcheinander. Es ist eine Reise ins Unbewusste, bei der ungeahnte Triebe erwachen. Das zeigt sich etwa in der berühmten Szene, in der sich die Feenkönigin Titania in einen Handwerker mit Eselskopf verliebt. Die Welt steht kopf: Adel trifft auf Arbeiter, Schönheit auf Lächerlichkeit.
Mike Müller verschwindet
Spätestens als Regisseurin Karabulut zu den Klängen «Abracadabra» von Lady Gaga (39) das ganze Ensemble in rauschhafte Ekstase tanzen lässt und sich die Feenkönigin einem lustvollen Akt hingibt, ist Mike Müller vergessen. Er verschwindet unter seinem roten Helm als Lysander und wird zum Teil eines grossen Ganzen, in dem alle Akteure präzise zusammenspielen. «Zeitweise sind wir 14 Leute auf der Bühne, mit der Dekoration, und bewegen uns kreuz und quer, das braucht absolute Präzision», sagt Müller.
Dass Choreografie und Tanz eine Herausforderung sind, merkt man ihm bei solchen Szenen an – die Konzentration steht ihm phasenweise ins Gesicht geschrieben. «Ich bin kein grosser Körperschauspieler, aber meine Figuren haben immer eine bestimmte psychische Temperatur. Hier ist alles noch stärker ausgedrückt und übertrieben.» Das Tempo komme ihm aber entgegen. «Ich bin nicht der Typ, der minutenlang stimmungsschwanger in die Ferne blickt – das ist mir zu eitel.» Dennoch gibt es auch sehr stille und langsame Momente im Stück. Mike Müller scheint darin ganz aufzugehen. Wer neue Bretter betritt, geht Risiken ein. Es hat sich gelohnt. Ob es ein Renner wird, bleibt dem Publikum überlassen.
«Ein Sommernachtstraum», von William Shakespeare, Regie Pınar Karabulut, Pfauen, Zürich