Es stinkt in der Stadt!
Hitze, Wildpinkler und die Street Parade

Schon Wochen vor der Street Parade liegt an Hotspots wie dem Seebecken oder beim Stadelhofen in Zürich ein stechender Uringeruch in der Luft. Warum die Hitze das Problem verschärft, wo es besonders schlimm ist – und weshalb Pipi zum wertvollen Rohstoff werden könnte.
Kommentieren
1/10
Wildpinkler sorgen für unangenehme Gerüche in Städten.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Heisse Junitage brachten intensiven Uringeruch in Zürichs Strassen und Plätze
  • Wo die grössten Wildpinkler-Hotspots liegen und wie die Stadt dagegen vorgeht
  • Weshalb Forschende ausgerechnet im Urin einen wertvollen Rohstoff sehen – und daraus Dünger gewinnen
RMS_Portrait_AUTOR_265.JPG
Katja RichardRedaktorin Gesellschaft

Der Geruch steigt stechend in die Nase. Den beissenden Gestank kennt man normalerweise von der Street Parade. Es ist der Urin von Tausenden Wildpinklern, der sich nach der grossen Party noch wochenlang im Beton festzusaugen scheint. Dieses Jahr beginnt die Geruchssaison ungewöhnlich früh. Schon an den heissen Junitagen, als das Thermometer über 30 Grad steigt, verschlägt es einem auf dem Platz beim Bahnhof Stadelhofen in Zürich den Atem.

Denn die hohen Temperaturen locken schon vor der grossen Technoparade die Menschenmassen ans Seebecken. Es wird grilliert, getrunken – und gepinkelt. Bleibt der Regen aus, trocknet der Urin auf Asphalt, Beton und Hauswänden ein. Dort zersetzen Bakterien den Harnstoff, wobei unter anderem Ammoniak entsteht. Je heisser es wird, desto schneller verdunstet die Flüssigkeit, und desto intensiver werden die stechenden Geruchsstoffe an die Luft abgegeben.

«Wildpinkeln ist ein No-Go!»

Uringestank ist oft ein Problem für die Anwohner. Grün Stadt Zürich und das Kantonale Labor Zürich beantworten die wichtigsten Fragen dazu.

Wo riecht es in Zürich besonders stark nach Urin?
Vor allem dort, wo Wildpinkler etwas Privatsphäre finden – etwa in Unterführungen, bei Hecken oder entlang von Mauern.

Was unternimmt die Stadt gegen den Gestank?
Zürich betreibt ein Netz mit über 100 öffentlichen Toiletten und ergänzt dieses dort, wo Bedarf besteht, mit saisonalen Kompotois. Deren Standorte werden jedes Jahr neu festgelegt – auch aufgrund von Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Während der Street Parade bleiben die Züri-WC-Anlagen beim Hauptbahnhof bis 3 Uhr nachts geöffnet. Für die WC-Infrastruktur ist der Veranstalter zuständig. Betroffene Flächen werden gereinigt und bei Bedarf mit einem Mittel auf Zitronenbasis behandelt, das die Gerüche überdeckt.

Wie lange bleibt der Uringeruch?
Das hängt stark von der Witterung ab. Ein kräftiger Regenguss spült viele Rückstände weg. Bleibt es hingegen warm und trocken, können Asphalt, Mauern oder andere Oberflächen den Geruch noch längere Zeit abgeben.

Gibt es Orte, an denen sich der Geruch besonders hartnäckig hält?
Ja. Vor allem in Rabatten bleibt Uringeruch oft länger bestehen. Dort darf die Stadtreinigung nicht mit Wasser reinigen, um das Pflanzensubstrat nicht auszuwaschen und die Wurzeln der Pflanzen nicht zu schädigen.

Ist Urin im öffentlichen Raum nur ein Geruchsproblem oder auch ein Gesundheitsrisiko?
Vor allem ein Geruchsproblem. Menschen reagieren sehr sensibel auf Uringeruch. Hygienisch ist das Risiko hingegen gering: Urin ist in der Regel nahezu keimfrei und stellt im öffentlichen Raum normalerweise keine Gefahr für die Gesundheit dar.

Kann man nach der Street Parade noch bedenkenlos in der Limmat baden?
Ja. Laut dem Zürcher Kantonschemiker ist Urin in der Regel nahezu keimfrei und stellt kaum ein Gesundheitsrisiko dar. Selbst wenn alle Besucherinnen und Besucher ihren Urin in die Limmat abgeben würden, wäre dieser im Flusswasser rund 1:3500 verdünnt. Das Problem ist deshalb in erster Linie der Geruch – nicht die Wasserqualität.

Ist öffentliches Urinieren erlaubt?
Wildpinkeln – ein No-Go! In der Stadt Zürich wird mit einer Busse geahndet. Es handelt sich hierbei um den Tatbestand «Beeinträchtigung von öffentlichem und privatem Eigentum».

Uringestank ist oft ein Problem für die Anwohner. Grün Stadt Zürich und das Kantonale Labor Zürich beantworten die wichtigsten Fragen dazu.

Wo riecht es in Zürich besonders stark nach Urin?
Vor allem dort, wo Wildpinkler etwas Privatsphäre finden – etwa in Unterführungen, bei Hecken oder entlang von Mauern.

Was unternimmt die Stadt gegen den Gestank?
Zürich betreibt ein Netz mit über 100 öffentlichen Toiletten und ergänzt dieses dort, wo Bedarf besteht, mit saisonalen Kompotois. Deren Standorte werden jedes Jahr neu festgelegt – auch aufgrund von Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Während der Street Parade bleiben die Züri-WC-Anlagen beim Hauptbahnhof bis 3 Uhr nachts geöffnet. Für die WC-Infrastruktur ist der Veranstalter zuständig. Betroffene Flächen werden gereinigt und bei Bedarf mit einem Mittel auf Zitronenbasis behandelt, das die Gerüche überdeckt.

Wie lange bleibt der Uringeruch?
Das hängt stark von der Witterung ab. Ein kräftiger Regenguss spült viele Rückstände weg. Bleibt es hingegen warm und trocken, können Asphalt, Mauern oder andere Oberflächen den Geruch noch längere Zeit abgeben.

Gibt es Orte, an denen sich der Geruch besonders hartnäckig hält?
Ja. Vor allem in Rabatten bleibt Uringeruch oft länger bestehen. Dort darf die Stadtreinigung nicht mit Wasser reinigen, um das Pflanzensubstrat nicht auszuwaschen und die Wurzeln der Pflanzen nicht zu schädigen.

Ist Urin im öffentlichen Raum nur ein Geruchsproblem oder auch ein Gesundheitsrisiko?
Vor allem ein Geruchsproblem. Menschen reagieren sehr sensibel auf Uringeruch. Hygienisch ist das Risiko hingegen gering: Urin ist in der Regel nahezu keimfrei und stellt im öffentlichen Raum normalerweise keine Gefahr für die Gesundheit dar.

Kann man nach der Street Parade noch bedenkenlos in der Limmat baden?
Ja. Laut dem Zürcher Kantonschemiker ist Urin in der Regel nahezu keimfrei und stellt kaum ein Gesundheitsrisiko dar. Selbst wenn alle Besucherinnen und Besucher ihren Urin in die Limmat abgeben würden, wäre dieser im Flusswasser rund 1:3500 verdünnt. Das Problem ist deshalb in erster Linie der Geruch – nicht die Wasserqualität.

Ist öffentliches Urinieren erlaubt?
Wildpinkeln – ein No-Go! In der Stadt Zürich wird mit einer Busse geahndet. Es handelt sich hierbei um den Tatbestand «Beeinträchtigung von öffentlichem und privatem Eigentum».

Rohstoffe gehen die Toilette runter

«Ein typisches Problem in Städten, man kennt das auch aus Basel», sagt Kai Udert (55), Spezialist für Abwassertrennung an der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs. Dabei steckt in unserem Urin weit mehr als nur schlechter Geruch. «Wir spülen jeden Tag wertvolle Rohstoffe die Toilette hinunter», sagt der Umweltingenieur. Urin besteht zwar zu rund 98 Prozent aus Wasser, enthält aber auch Stickstoff, Phosphor, Kalium und Schwefel – Nährstoffe, die wir mit der Nahrung aufnehmen und wieder ausscheiden. «Diese Stoffe lassen sich zurückgewinnen und als Dünger für die Landwirtschaft nutzen – sie müssen heute grösstenteils importiert werden.»

Dass wir unsere Exkremente überhaupt mit Trinkwasser wegspülen, ist historisch gesehen eine junge Entwicklung. Mit der Kanalisation im 19. Jahrhundert standen Komfort und Hygiene im Vordergrund – der Nährstoffkreislauf geriet in Vergessenheit. «Früher war es selbstverständlich, menschliche und tierische Exkremente als Dünger zu nutzen», sagt Udert. «Heute mischen wir sie mit dem übrigen Abwasser. Dadurch gelangen auch Schadstoffe in den Kreislauf, was die Rückgewinnung deutlich schwieriger macht.» Zuvor war Urin ein begehrter Rohstoff: Er wurde zum Gerben von Leder, zum Bleichen von Textilien und sogar zur Gewinnung von Salpeter genutzt – einem wichtigen Bestandteil von Schiesspulver. Laut Udert wurden bis ins 20. Jahrhundert sogar Hormone für Medikamente aus menschlichem Urin gewonnen.

So wertvoll ist unser Bisi

Heute wird unser Bisi als Rohstoff wiederentdeckt – allerdings mit Hightech statt Nachttopf. An der Eawag arbeiten Forschende zusammen mit ihren Spin-offs Ogmo und Vunanexus daran, die Nährstoffe im Urin zurückzugewinnen, statt sie mit dem übrigen Abwasser in die Kläranlage zu spülen. «Der Schlüssel ist, den Urin gar nicht erst mit dem Abwasser zu vermischen», sagt Udert. «Dann können wir die Nährstoffe einfach zurückgewinnen, als Dünger nutzen und den Kreislauf wieder schliessen.»

Das Zürcher Spin-off Ogmo setzt bereits bei wasserlosen Urinalen an. Der frische Urin wird unmittelbar nach dem Wasserlassen stabilisiert. Dadurch können die Bakterien den Harnstoff nicht mehr abbauen – der stechende Ammoniakgeruch entsteht gar nicht erst. Anschliessend wird das Wasser weitgehend entfernt, sodass nur ein kleines Nährstoffkonzentrat übrig bleibt. Gemeinsam mit Zürich-WC testet Ogmo die Technologie bereits an öffentlichen Toiletten der Stadt. Vunanexus setzt bei direkt gesammeltem Urin an. Dabei werden unter anderem Medikamentenrückstände und Krankheitserreger entfernt. Daraus entsteht Aurin, der weltweit erste vollständig zugelassene Dünger aus menschlichem Urin. Er bringt Stickstoff, Phosphor und Kalium wieder zurück auf die Felder.

Chance für Grossanlässe

Udert sieht darin auch eine Chance für Grossanlässe wie die Street Parade. Mit genügend öffentlichen Toiletten, die den Urin getrennt sammeln und aufbereiten, liessen sich wertvolle Nährstoffe zurückgewinnen – und gleichzeitig Gestank vermeiden. Dasselbe Prinzip könnte auch dort helfen, wo Wasser besonders knapp ist – etwa in SAC-Hütten ohne Kanalisation. Dort liesse sich Wasser mehrfach nutzen und gleichzeitig Dünger gewinnen. Aus dem, was heute am Zürcher Seebecken vor allem stinkt, könnte also morgen ein wertvoller Rohstoff werden.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen