Darum gehts
- Katy Perry abonniert Claude und teilt Screenshot mit ihren 85 Millionen Followern
- Anthropic verweigert Pentagon-Militärvertrag, OpenAI akzeptiert und löst Lawine aus
- Boykott-Kampagne gegen ChatGPT erreicht jetzt 2,5 Millionen Teilnehmer weltweit
«Done.» Katy Perry teilte vergangenen Samstag auf X einen Screenshot mit ihren 85 Millionen Followern. Nur ein Bild, das zeigt: Die Popsängerin hat nun ein Abo von Anthropics KI-Chatbot Claude. Ihr Post hat bis jetzt über zwölf Millionen Menschen erreicht.
Perry ist eine von vielen, die in den letzten Tagen gewechselt haben. Claude klettert in den USA auf Platz 1 des Apple App Stores. Hierzulande ist die App aktuell auf Platz 2, direkt hinter der Login-App AGOV, die es in mehreren Kantonen gerade jetzt braucht, um die Steuererklärung auszufüllen. ChatGPT ist abgeschlagen auf Platz 5. Was hat das ausgelöst? Dafür muss man eine Woche zurückdrehen.
KI-Krieg: das Ultimatum
Am 24. Februar stellt US-Verteidigungsminister Pete Hegseth Anthropic ein Ultimatum: Gebt dem Pentagon uneingeschränkten Zugang zu Claude für «alle gesetzlich erlaubten Zwecke» oder verliert den Militärvertrag. Anthropic-CEO Dario Amodei sagt Nein. «Wir können dem nicht guten Gewissens zustimmen», erklärte er. Anthropic will nicht, dass Claude zur Massenüberwachung von US-Bürgerinnen und -Bürgern eingesetzt wird. Und bei autonomen Waffensystemen soll immer ein Mensch die letzte Entscheidung treffen, nicht KI.
Die Frist verstreicht. US-Präsident Donald Trump postet auf seiner Plattform Truth Social, jede US-Bundesbehörde solle «sofort» aufhören, Anthropic-Produkte zu verwenden. Hegseth erklärt Anthropic zur «Supply-Chain-Gefahr für die nationale Sicherheit», eine Bezeichnung, die bisher nur ausländischen Akteuren vorbehalten war.
OpenAIs Blitzdeal
Ins Vakuum springt Sam Altman. Nur wenig später behauptet der OpenAI-Chef: Sein Unternehmen habe einen Deal mit dem Pentagon, mit denselben «roten Linien» wie Anthropic. Keine Massenüberwachung. Kein autonomes Töten ohne Menschenhand. Was Altman nicht erwähnt: Laut «New York Times» hatte er bereits einen Tag nach Anthropics Ultimatum Kontakt zum Pentagon aufgenommen. Innert 24 Stunden stand der Deal.
Die Skepsis ist sofort da. Denn OpenAI akzeptiert jene Formulierung, die Anthropic abgelehnt hatte. Das Problem: Was «gesetzlich erlaubt» bedeutet, definiert die Trump-Regierung selbst. Anthropic-Chef Amodei erklärt es in einem CBS-Interview so: Die Regierung könnte einfach kommerzielle Datensätze kaufen, zum Beispiel Bewegungsprofile, Browserdaten, Finanzinformationen und per KI auswerten. Technisch legal. Faktisch Massenüberwachung. Theverge.com zitiert eine Verhandlungsquelle: Das Pentagon habe keinen Millimeter nachgegeben. OpenAIs ehemaliger Forschungsleiter Miles Brundage bringt es auf den Punkt: OpenAI sei «eingeknickt und habe so getan, als wäre es das nicht». Doch OpenAI widerspricht: Das System dürfe US-Daten «weder gebündelt noch offen noch verallgemeinert» auswerten, erklärt eine Sprecherin.
Der Aufstand der Nutzer
Doch der Gegenwind ist da, auch international. In den App Stores hagelt es Ein-Stern-Bewertungen für ChatGPT. Laut eigenen Angaben haben über 2,5 Millionen Menschen an der Boykott-Kampagne QuitGPT teilgenommen. Vor OpenAIs Büro in San Francisco wird demonstriert. Die Bewegung dahinter entstand bereits Ende Januar, also vor dem Pentagon-Deal. Auslöser war, dass OpenAI-Präsident Greg Brockman und seine Frau Anna zusammen 25 Millionen Dollar an MAGA Inc., den Fonds der Trump-Bewegung, spendeten. CEO Sam Altman selbst überwies eine Million Dollar an Trumps Feier zu seiner Inauguration. Dazu kommen OpenAIs Verträge mit der US-Einwanderungsbehörde ICE, die seit tödlichen Razzien im Januar im Fokus steht. Der Pentagon-Deal war für viele offenbar nur der letzte Tropfen.
Am Montag ruderte Altman zurück: Der Deal habe «opportunistisch und schlampig» gewirkt. Neue Klauseln im Vertrag sollen den indirekten Einsatz kommerzieller Datensätze zur Überwachung ausschliessen. Pentagon-Geheimdienste wie die NSA erhalten zudem keinen Zugang, dafür bräuchte es einen separaten Vertrag, sagt Altman. Anthropic seinerseits hat angekündigt, Hegseths Bezeichnung «Supply-Chain-Gefahr für die nationale Sicherheit» vor Gericht anzufechten.
Alle machen mit
Doch auch Anthropic hat keine blütenweisse Weste. Claude lief via Überwachungsfirma Palantir bereits seit 2024 auf klassifizierten Militärnetzwerken. Anthropic war die erste KI-Firma überhaupt auf solchen Systemen. Bei einer umstrittenen US-Militäroperation im Januar, bei der Venezuelas Präsident Nicolás Maduro verschleppt wurde und Dutzende starben, kam Claudes KI laut Medienberichten zum Einsatz. Elon Musks xAI hat im Februar ebenfalls eine Vereinbarung mit dem Pentagon für geheime Systeme unterzeichnet. Google strich seine internen Verbote für KI-Waffen und -Überwachung im Februar 2025.
Die britische Menschenrechtsorganisation Privacy International schreibt: Die roten Linien der Tech-Konzerne seien einst «nützliche Werkzeuge für Rekrutierung, Investment und Marketing» gewesen heute seien sie unbequem. «Eine ganze Branche hat sich nun auf den Krieg umgestellt.» Wo ein einzelner Akteur noch die Ausnahme sei, brauche es bei einer ganzen Branche Gesetze, nicht nur Firmenversprechen.