Debatte um Temu und Co
«Soll ich das Dreifache im Dorflädeli zahlen?!»

Dorfläden verschwinden, während Schweizerinnen und Schweizer bei Temu und Co. bestellen. Ist der lokale Handel zu teuer – oder sparen wir uns die kleinen Geschäfte kaputt? Die Schliessung der Pauli Papeterie in Niederlenz AG nach 22 Jahren heizt die Debatte in der Community an.
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Nach 22 Jahren schliesst die Pauli Papeterie und Spielwaren in Niederlenz.
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Sarah RiberzaniRedaktorin Community

Kleine Läden verschwinden zunehmend aus Schweizer Dörfern und Städten. Der Konkurrenzdruck durch grosse Ketten, günstige Onlineplattformen und veränderte Einkaufsgewohnheiten macht es vielen Geschäften schwer, sich zu behaupten. Nun trifft es die Pauli Papeterie und Spielwaren in Niederlenz AG: Nach 22 Jahren schliesst das Familiengeschäft am 24. Oktober endgültig seine Türen.

Konkret nannte die Mitinhaberin Christine Leibundgut-Pauli Billigplattformen wie Temu als Grund für den zunehmenden Druck. Seit Corona hätten sich die Einkaufsgewohnheiten verändert: Weniger Kundinnen und Kunden kämen in den Laden, dafür werde mehr im Internet bestellt. Sie appelliert deshalb an die Bevölkerung, bewusst bei lokalen Geschäften einzukaufen.

Guter Wille trifft auf Preisdruck

Doch wie ernst nehmen es die Konsumenten selbst mit der Unterstützung kleiner Läden?Unsere Leserumfrage zeichnet zunächst ein positives Bild: 62 Prozent der Teilnehmenden geben an, bewusst oder möglichst oft in lokalen und regionalen Geschäften einzukaufen. In der Kommentarspalte zeigt sich allerdings, wie schwierig es ist, diesen Anspruch im Alltag umzusetzen. Mehrere Leser stellen klar, dass für sie angesichts steigender Kosten vor allem der Preis zählt. Andere kritisieren, dass Schweizer Geschäfte online zu wenig präsent seien.

Für Leser Hans Künzle ist klar, weshalb viele Konsumenten vermehrt online einkaufen. «Lebenshaltungskosten steigen jedes Jahr, Löhne und Gehälter stagnieren – auch ich merke es seit meiner Pensionierung stärker als gedacht», schreibt er. Zwar seien Temu und ähnliche Plattformen für viel Ramsch bekannt, doch wer genauer hinschaue, finde durchaus gute Qualität. Für die gleichen Artikel zahle man im Schweizer Fachhandel teilweise ein Vielfaches. Sein Fazit fällt deutlich aus: «Bei allem Patriotismus und Verständnis für die Händler: Schlussendlich ist jedem sein eigenes Portemonnaie und Auskommen bis Ende Monat wichtiger.»

Auch Martin Lüscher meint: «Bei aller Liebe zu den kleinen Läden – eine Lohnerhöhung gibt es kaum, die Krankenkassen steigen jedes Jahr, alles wird teurer. Keine Ferien, sparen kann ich auch vergessen. Und dann soll ich das Dreifache zahlen im Dorflädeli?! Sorry, Leute, irgendwo muss auch ich schauen, dass ich über die Runden komme!»

Onlinehandel punktet mit Komfort

Nicht nur der Preis spricht für den Onlinehandel. Dieter Baumann bestellt zunehmend im Internet, obwohl er selbst aus dem Detailhandel kommt. «Online finde ich genau das, was ich suche, und es wird nach Hause geliefert.» Im stationären Handel sehe es anders aus: «Da gehe ich in zahlreiche Geschäfte und finde das Gesuchte trotzdem nicht.»

Leser Marlow Bohner sieht die kleinen Unternehmen deshalb in der Pflicht. «Die Schweizer Unternehmen sollten halt online listen, was sie verkaufen und zu welchen Preisen.» Wer im Internet nicht auffindbar sei, riskiere, zu verschwinden. Gerade bei Schweizer KMU sei es oft schwierig, Produkte, Verfügbarkeit und Preise online zu finden. «So läuft es heute halt», hält er fest.

Billig einkaufen mit langfristigen Folgen

Doch nicht alle sehen die Verantwortung bei den Händlern. Stefan Fankhauser unterstützt den Appell der Geschäftsführung und kritisiert das Einkaufsverhalten der Konsumenten. «Die Papeterie schliesst nicht primär wegen Temu und Action, sondern aufgrund unseres eigenen Konsumverhaltens.» Er warnt vor langfristigen Folgen für die Schweizer Wirtschaft: «Wer heute billig im Ausland bestellt, gefährdet unter Umständen morgen den eigenen Arbeitsplatz.» Es sei höchste Zeit, sich der Konsequenzen bewusst zu werden und die heimische Wirtschaft gezielt zu unterstützen.

Leser Christoph Gass stört sich am Widerspruch zwischen Anspruch und Verhalten: «Wir schrauben unsere moralischen Ansprüche an die Firmen immer mehr hoch, kaufen am Schluss aber trotzdem in Asien, weil es billig ist – obschon wir wissen, dass dort nach anderen Standards produziert wird.»

Michael Ronner sieht auch die Politik in der Verantwortung. «Schweizer Händler tragen Kosten für Produktsicherheit, Haftung und Recycling, während Plattformen wie Temu bei bestimmten Pflichten nicht gleich belastet werden», schreibt er. Zudem sei es bei Direktkäufen über ausländische Plattformen oft schwieriger, Ansprüche durchzusetzen, wenn der Anbieter im Ausland sitze. Ronner fordert deshalb wirksamen Konsumentenschutz und faire Wettbewerbsbedingungen: «Gleiche Regeln müssen für alle gelten – und auch gegenüber ausländischen Plattformen konsequent durchgesetzt werden.»

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