Leser berichten aus Pflegealltag
«Die Patienten werden früher aus dem Spital entlassen»

Pflegekräfte in Spitälern, Heimen und der Spitex sind überlastet. Auch Fachpersonal aus unserer Leserschaft berichtet von ihrem harten Alltag. Ohne Verbesserungen verlassen Pflegekräfte den Beruf – mit spürbaren Folgen für Patientinnen und Patienten.
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2021 nahmen die Schweizerinnen und Schweizer die Pflege-Initiative mit über 60 Prozent Ja-Stimmen an.
Foto: imago/Westend61

Darum gehts

  • Pflege-Initiative von 2021 enttäuscht Pflegeverbände wegen geplanter Umsetzung im Parlament
  • Arbeitszeiten von 50 Stunden und fehlende Verbesserungen verstärken Personalmangel
  • Pflegefachpersonen berichten von Überlastung und verkürzten Einsätzen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sarah RiberzaniRedaktorin Community

Ende 2021 weckte die Annahme der Pflege-Initiative grosse Hoffnungen auf bessere Arbeitsbedingungen. Davon ist heute wenig übrig. Die Pflegeverbände zeigen sich enttäuscht über die geplante Umsetzung im Parlament. «Wir sind schockiert, wie mit dem Volkswillen umgegangen wird», sagt Yvonne Ribi (49), Geschäftsführerin des Berufsverbands der Pflegefachleute.

Im Mittelpunkt der Debatte stehen unter anderem die Arbeitszeiten. Der Bundesrat wollte eine gesetzliche Höchstarbeitszeit von 45 Stunden festlegen, die Kommission schlägt nun 50 Stunden vor. Auch soll die Normarbeitszeit nicht von 42 auf 40 Stunden gesenkt werden dürfen. Zudem stehen Regeln zu Sonntagsentschädigungen, Personalrotation und Einspringprämien zur Diskussion. Aus Sicht der Pflegeverbände werden damit wesentliche Teile der Volksinitiative stark abgeschwächt. 

Erfahrungen aus dem Pflegealltag

Der Unmut über die Situation zeigt sich auch in unserer Kommentarspalte. Leserin Karin Merz beschreibt die Lage aus persönlicher Sicht: «Wir erleben diese Zustände leider seit zwei Jahren am eigenen Leib.» Ihre Mutter lebt auf einer Demenzstation im Altersheim. «Es fehlt an so ziemlich allem. Angefangen bei viel zu wenig Personal: Ich könnte hier ein Buch schreiben, was dieser Punkt alles mit sich hinterherzieht und auslöst. Unzumutbar, für Patienten und Angestellte!»

Auch Fachpersonen selbst berichten von den Problemen im Alltag. Brigitte Rüegg, Pflegefachfrau mit 30 Jahren Berufserfahrung, erklärt, dass Teilzeitarbeit von den Personalverantwortlichen zwar akzeptiert werde, Mitbestimmung bei Schicht- und Wochentagzuteilung aber nicht. Gerade für viele Frauen sei dies entscheidend, um Kinder- und Grosskinderbetreuung zu organisieren. «Kita-Tage können nicht ständig verändert werden. Einige bevorzugen mehr Spät-, andere Früh- und wieder andere mehr Sonntagsdienste – nicht aus Lust und Spass, sondern aus familiären Notwendigkeiten!» Sie warnt: Solange hier stur gehandelt werde, bleibe der Personalmangel bestehen.

«Wir leisten nur verkürzte Einsätze»

Sandra Leu, selbst Pflegefachfrau HF, sieht die Lage ähnlich kritisch. «Es schlafen alle! Ich gehe Ende Mai nach über 45 Jahren Pflege in vorzeitige Rente. Ich werde jetzt vom Arbeitgeber gebeten, die Kündigung wegen der prekären Situation im Betrieb zurückzuziehen.» Dies werde sie allerdings nicht tun. «Die personelle Situation im Betrieb ist nicht in meiner Verantwortung. Aber genau darauf wird immer spekuliert. Die Pflegenden denken immer: Das kann ich doch den Patienten oder dem Team nicht antun – und haben ein schlechtes Gewissen.» 

Eine anonyme Fachperson aus der Spitex ergänzt: «Wir spüren den Personalmangel extrem, da die Patienten früher aus dem Spital entlassen werden.» Sie berichtet, dass ihr Arbeitgeber zwar gut auf die Mitarbeitenden achte und es aktive gesundheitsfördernde Unterstützung gebe, dies bei Personalmangel aber nicht helfe. «Aktuell ist die Situation so schlimm, dass wir nur verkürzte Einsätze leisten und absagen müssen, was nicht dringend notwendig ist. Stellen können nicht besetzt werden, weil es nicht genügend Personal gibt.» 

Appell an die Politik

Leserin Anita Meier betont, dass es längst «5 nach 12» sei: Die Patienten in der Pflege werden immer komplexer, und das Personal sei am Limit. «Oft ist man im Spital in der Nacht alleine mit 20 Patienten, nicht selten mit mehreren Frischoperierten und Isolationen, die nun mal mehr Betreuungsbedarf haben. Patienten und Angehörige fordern immer mehr und merken nicht, dass die Pflege ihre Grenze erreicht hat!» Um den Mangel zu kompensieren, würden Arbeitskräfte aus dem Ausland geholt, die lange eingearbeitet werden müssten und häufig über unzureichende Sprachkenntnisse verfügten. Sie warnt: «Die Umsetzung der Pflegeinitiative muss forciert werden. Ansonsten können wir auf ausländische Systeme umsteigen!» 

Auch Herbert Röösli appelliert: «Wer ernsthaft über 50 statt 45 Stunden debattiert, hat den Alltag in Heimen und Spitälern nicht verstanden. Vielleicht sollten Entscheidungsträger im Bund nicht nur Akten lesen, sondern eine Schicht im Heim miterleben – dann wäre sofort klar, was dringend ist: Entlastung, Planbarkeit, Anerkennung und faire Entschädigung. Weniger Taktieren, mehr Umsetzung – sonst verlieren wir weiter Pflegekräfte, und am Ende zahlen wir alle den Preis.» 

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