Die grossen Pläne des Microlino
Startet der Schweizer Mini-Tesla doch noch durch?

Zuerst machte er mit den Micro-Scootern Ende der 1990er-Jahre Trottinetts cool, jetzt will Unternehmer Wim Ouboter mit seinen Söhnen Oliver und Merlin und dem kleinen Microlino gross rauskommen. Selbst ein Tesla-Gründer glaubt an die ambitionierten Expansions-Pläne.
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In den 1990er-Jahren schuf Wim Ouboter mit dem Micro-Scooter die coole Neuauflage des Trottinetts, die zum globalen Erfolg wurde.
Foto: zVg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Microlino: Schweizer E-Kabinenroller wurde erstmals 2016 in Genf vorgestellt
  • Produktionsprobleme und EU-Regulierungen bremsten den Markterfolg ab
  • In China könnten ab 2030 bis zu 100'000 Microlino pro Jahr hergestellt werden
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Andreas EngelRedaktor Auto & Mobilität

Er kam, sah ... und rollte! Weil ihm der Weg vom Büro zu seiner Lieblingsbratwurstbude am Zürcher Bellevue zu lang war, um zu laufen, doch zu kurz, um Velo oder Auto zu nehmen, bastelte sich Wim Ouboter kurzerhand einen kompakten Tretroller mit Alu vom Schrottplatz zusammen. Aus der «Furzidee», wie es der Zürcher Unternehmer gerne nennt, sollte eine globale Erfolgsgeschichte werden. Im Februar 1999 kam zuerst das dreirädrige Kickboard, drei Monate später der zweirädrige Micro-Scooter auf den Markt – die coole Neuauflage des Trottinetts verkaufte sich allein im ersten Jahr weltweit rund 10 Millionen Mal.

Bis heute erfreuen sich die Gadgets, die ursprünglich für die letzte Meile gedacht waren, bei Jung und Alt grosser Beliebtheit: Trotz riesiger Konkurrenz verkauft die Micro Mobility Systems AG mit Sitz in Küsnacht ZH über 3 Millionen Scooter pro Jahr – vom bunten Kindermodell bis zum trendigen E-Trotti.

Riesen-Interesse am Mini-Auto

Mitte der 2010er-Jahre plant Wim Ouboter eine noch grössere Mobilitätsrevolution – im wahrsten Sinne des Wortes. Zusammen mit seinen Söhnen Oliver und Merlin stellt er 2016 das Projekt Microlino am damals noch pulsierenden Genfer Autosalon vor. Die Idee hinter dem Microlino: Der Kabinenroller bietet Schutz und Komfort für zwei Insassen samt Gepäck, braucht mit seiner Länge von knapp 2,50 Metern längsgeparkt aber nur die Hälfte des Platzes eines Autos – in Zeiten immer grösserer Parkplatznot ein schlagendes Argument.

Und das Interesse am elektrischen Kleinstmobil, dessen Design an BMWs Isetta aus den 1950er-Jahren angelehnt ist, überrascht selbst die Ouboters. Innerhalb weniger Tage gehen Hunderte Vorbestellungen für die Knutschkugel im Retrolook ein – zwischenzeitlich sollen sich bis zu 36'000 Personen auf der Reservationsliste eingetragen haben.

Kurz vor der Katastrophe

Für die Familienunternehmer der Startschuss, den Microlino Realität werden zu lassen. Das Projekt nimmt schnell Fahrt auf: Mit Mini-E-Auto-Hersteller Tazzari finden die Ouboters einen Partner, der sowohl über das nötige Know-how bei der Entwicklung als auch über die nötigen Produktionskapazitäten im Werk in Imola (I) verfügt. Kurz vor dem Serienfertigungsstart im Sommer 2018 dann aber die Hiobsbotschaft: Tazzari hatte die Produktionsrechte ohne das Wissen des Schweizer Partners an den deutschen Sportwagenhersteller Artega verkauft.

Statt wie versprochen ab Anfang 2019 bis zu 8000 Microlino pro Jahr herzustellen, entwickelt die Firma mit Sitz im nordrhein-westfälischen Delbrück parallel den baugleichen E-Kleinstwagen Karo – ein Affront für die Ouboters. Es folgt ein monatelanger Rechtsstreit und eine aussergerichtliche Einigung im November 2019: Artega darf zwar seinen eigenen Kabinenroller bauen, die Rechte für den Microlino bleiben aber in Küsnacht.

Neustart als «Schweizer Tesla»

Die Ouboters entschliessen sich daraufhin, den Ministromer nochmals grundlegend zu überarbeiten, und holen als Berater Teslas ehemaligen Europachef Jochen Rudat an Bord. Beim Neustart ihrer Knutschkugel, die aufgrund von Rudats Engagement jetzt oft als «Schweizer Tesla» bezeichnet wird, wollen die Ouboters nichts anbrennen lassen.

Schnell wird mit Cecomp ein neuer Entwicklungs- und Produktionspartner gefunden, diesmal mit Sitz in Turin, und der Microlino 2.0 im Sommer 2021 in Zürich der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch weil der Start der Serienproduktion immer wieder verschoben werden muss und letztlich erst im Sommer 2022 anläuft – vier Jahre später als geplant –, ist bei vielen Fans die anfängliche Euphorie längst in Enttäuschung umgeschlagen, und der Grossteil der Vorbestellungen wird storniert.

Soeben rollte der 5000. Microlino aus den norditalienischen Werkshallen, wovon rund 1500 in der Schweiz zugelassen sind. Ein Achtungserfolg, definitiv. Aber auch weniger, als die Ouboters ursprünglich geplant hatten. Gründe für das zurückhaltende Interesse gibt es viele: Da wäre die allgemeine Skepsis gegenüber der E-Mobilität, die bei den Kunden langsamer als gedacht Anklang findet. Da wären aber auch die regulatorischen Hürden, die es den Unternehmern laut eigenen Aussagen nicht ermöglichen würden, den als Ersatz zum Zweitwagen gedachten Microlino (hier gehts zum Fahrbericht) zu tieferen Preisen auf den Markt zu bringen. Die auf 45 km/h limitierte Variante «Lite» startet in der Schweiz aktuell bei 15'990 Franken, für die günstigste 90-km/h-Version werden mindestens 17'990 Franken fällig. Die im Rahmen dieser Recherche gefahrene offene Cabrio-Version Spiaggina geht sogar erst bei 24'990 Franken los.

Ärger mit EU und Bundesrat

Aufgrund einer europäischen Regulierung würden seine Fahrzeuge gegenüber deutlich schwereren Autos systematisch benachteiligt, erklärte Wim Ouboter kürzlich im Podcast «Elektrogeflüster». «Der Microlino fällt unter die sogenannte L7e-Kategorie – und damit durch alle Förderraster. Für uns gibt es weder Subventionen noch tiefere Steuern oder CO₂-Gutschriften.» Die 2024 eingeführte Importsteuer für E-Autos müsse man aber trotzdem zahlen, was zu weiteren finanziellen Nachteilen führen würde. «Wenn es um Abgaben geht, ist der Microlino dann plötzlich doch ein Auto.»

Doch vor allem ärgert den Geschäftsmann die fehlende Unterstützung von Bundesrat Albert Rösti (59) und dem ihm unterstellten Bundesamt für Energie (BFE), keine CO₂-Zertifikate handeln zu dürfen. Der Microlino werde so von der Rechts- und Wirtschaftsfreiheit ausgeschlossen, was zu einer massiven Wettbewerbsverzerrung führe. Deshalb habe man jetzt Beschwerde gegen das BFE beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht und sich dabei die bekannte Zürcher Anwältin Cordelia Bähr zur Seite geholt, die unter anderem die Klage der Klimaseniorinnen gegen die Schweiz am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erfolgreich betreute.

Tesla-Gründer: Das nächste grosse Ding

Die Ouboters glauben trotz aller Hürden weiterhin fest an den Siegeszug des Microlino. Ob die Produktion in Zukunft aber immer noch in Europa stattfindet, hänge auch von der Unterstützung der EU und der Schweiz ab. «Die Zukunft der Autoindustrie liegt aber ohnehin in China», ist sich Wim Ouboter sicher. Der chinesische Staat sei schon proaktiv auf sie zugekommen und habe vorgeschlagen, den Microlino in einer bestehenden Autofabrik zu produzieren und sich sogar finanziell an der Entwicklung eines neuen Modells zu beteiligen.

Im Raum stehe die Idee eines Günstig-Microlino: einer ähnlich dimensionierten, aber deutlich günstigeren Version auf neuer Plattform, von der ab 2030 bis zu 100'000 Stück pro Jahr in China produziert werden könnten – hauptsächlich für Europa und den Wachstumsmarkt USA. «In Turin könnte parallel weiterhin der Microlino vom Band laufen als Topmodell und Liebhaberstück. Quasi unser 911er im Portfolio», erklärt Oliver Ouboter. Die Zahlen seien nicht einfach aus der Luft gegriffen, sondern das Ergebnis gross angelegter Umfragen.

Dass die Ouboters von Küsnacht aus nicht einfach Luftschlösser bauen, zeigt ein weiterer prominenter Zugang im Advisory Board. «Schon bald wird uns Tesla-Gründer Martin Eberhard (66) ebenfalls unterstützen», lässt Wim Ouboter bei «Elektrogeflüster» die Bombe platzen. Für Eberhard seien kleine Fahrzeuge wie der Microlino das nächste grosse Ding in der Mobilität. Gut möglich also, dass der Schweizer Mini-Tesla bald doch noch richtig durchstartet.

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