Tail of the Dragon in den USA
Blick unterwegs auf einer der gefährlichsten Strassen der Welt

Die Tail of the Dragon ist eine der gefährlichsten Strassen der Welt. 17,7 Kilometer lang, 318 Kurven – jeder Meter eine Herausforderung, die fatal enden kann. Blick besuchte die Pilgerstätte der Selbstüberschätzung.
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Ein Bild wie von einer Postkarte: Die Sonne strahlt vom blauen Himmel, das Herbstlaub schimmert in den freundlichen Tönen Gelb, Rotorange und Grün.
Foto: Bernhard Filser

Darum gehts

  • Tail of the Dragon ist ein legendärer Abschnitt des US-Highway 129
  • 318 Kurven winden sich durch die Gebirgsstrasse in den Appalachen
  • Jedes Jahr verunglücken zahlreiche Auto- und Töfffahrer auf der anspruchsvollen Strecke
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Wolfgang GomollFreier Mitarbeiter Auto & Mobilität

Der Herbst an der Grenze zwischen North Carolina und Tennessee zeigt sich von seiner schönsten Seite. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel, das Herbstlaub schimmert in freundlichen Tönen: Gelb, Rotorange und Grün. Ein Bild wie gemacht für eine Postkarte. Wir haben für diese pittoreske Szenerie keine Augen. Wir tanzen auf dem Schwanz des Drachens. Was wie ein Fantasie-Epos klingt, ist in Realität nicht weniger dramatisch. Die «Tail of the Dragon» – offiziell US 129 – ist ein Mythos aus Asphalt, Angst und Adrenalin.

318 Kurven winden sich auf 17,7 Kilometern. Dazwischen kein Haus, keine Kreuzung, keine Auslaufzonen wie auf einer sterilen Rennstrecke aus der Retorte. Nur Wald, Fels und ein Strassenband, das sich wie ein Drachenschwanz windet. Wer hier unterwegs ist, weiss: Fehler werden nicht verziehen. Die Unfallstatistik spricht eine deutliche Sprache. Im Schnitt kracht es alle vier Tage, und jedes Jahr sterben Menschen, die glaubten, den «Drachen» zähmen zu können. 2021 waren es acht – ein düsterer Rekord. Wie gemacht für einen Hollywood-Blockbuster.

Nicht vorhersehbar und unerbittlich

Wir wagen den gefährlichen Tanz in einem Mini Cooper John Cooper Works. Die Rahmendaten: 231 PS (170 kW), Vorderradantrieb, 1330 Kilogramm Leergewicht, Radstand 2,50 Meter. Ein Auto, das wie gemacht scheint für dieses Links-rechts-Stakkato. Die ersten Kurven: harmlos. Als wenn uns der Drache einlullen will. «Ist doch alles halb so wild.» Der Asphalt ist glatt, die Sportreifen müssen auf Temperatur kommen. Doch schon nach wenigen Minuten wird klar, warum diese Strasse eine Pilgerstätte der Selbstüberschätzung ist.

Die Richtungsänderungen kommen nicht rhythmisch, nicht vorhersehbar. Links, rechts, rechts, 180 Grad, blind, eng, tückisch. Manche Kehren tragen Namen wie «Gravity Cavity» (eine knackige Kompression, gefolgt von einem Anstieg, der «blind» genommen wird) oder «Copperhead Corner» (ein enger Rechtsknick). Andere haben keine Namen – nur Geschichten. Wer es übertreibt, den schüttelt der Drachenschwanz ab. Unerbittlich.

Verbeulte Leitplanken, blinde Kurven

Wir gehen das Abenteuer mit dem nötigen Respekt an. Lieber etwas langsamer, dafür eine saubere Linie. Die Pneus sind warmgefahren, und so kann das dynamische Gesamtkonzept seine Wirkung entfalten. Der Mini lenkt präzise ein, die Bremseingriffe an den Vorderrädern helfen, die Linie zu halten. Wenn man es jedoch übertreibt, schiebt der Wagen über die Vorderachse, als wolle er sagen: «Bis hierhin, Freundchen, und nicht weiter.» Der Drachenschwanz duldet keine Hybris. Zumal die meisten Kurven blind sind. Man sieht nicht, wohin sie führen oder ob in der Mitte der Fahrbahn ein Biker auftaucht. Die Leitplanken sind verbeult wie alte Ritterrüstungen. Manche Abschnitte wirken harmlos – bis man merkt, dass die Strasse plötzlich abfällt oder sich der Radius einer Kehre unvorhersehbar verengt. 

Wir haben uns an die unrhythmischen Kurvenabfolgen gewöhnt, werden etwas mutiger und schalten in den Go-Kart-Modus, merken aber schnell, dass diese Einstellung zu einem unharmonischen Zusammenspiel des Antriebsstrangs mit der Siebenstufen-Automatik führt. Die Gänge werden bisweilen zu lange gehalten und das Getriebe wechselt oft nervös die Fahrstufe. Wenn man es übertreibt, ringen die Pneus quietschend um Traktion. Dann kann auch der Mini seine Frontantriebsnatur nicht kaschieren und schiebt über die Vorderräder in Richtung Fahrbahnrand. Schnell wird uns klar, dass Attacke nicht zielführend ist. Deshalb wechseln wir ins Core-Programm und fahren mit Gefühl statt mit Gewalt. Der Mini dankt es uns. Die Fahrt wird flüssiger, kontrollierter. Doch der Drachenschwanz bleibt gefährlich, zeigt aber seine Schönheit: die Farben des Waldes, das Spiel aus Licht und Schatten, das Gefühl, in einem endlosen Slalom gefangen zu sein.

Baum der Schande als Mahnmal

Was passiert, wenn das Ego grösser ist als das Können oder die Traktion, wird einem am nördlichen Ende der Tail of the Dragon unmissverständlich vor Augen geführt. Auf dem Parkplatz von Deal’s Gap steht der «Tree of Shame» (Baum der Schande). Ein unscheinbarer Laubbaum, der längst zum Mahnmal geworden ist. An seinen Ästen hängen verbogene Felgen, zersplitterte Verkleidungen, Tanks, Helme und Stossfänger. Rund 1000 Fragmente, jedes mit einer Geschichte, manche mit schwarzem Humor, manche mit zittriger Handschrift. «I tried to slay the Dragon: Dragon 1 – Me 0» (Ich habe versucht, den Drachen zu erlegen: Drache 1 – ich 0) hat ein Gescheiterter auf die Cockpitverkleidung seines Motorrads gekritzelt, der seinen Humor offenbar nicht verloren hatte.

Ein paar Schrottteile weiter baumelt ein Auspuff mit dem Warnhinweis eines weiteren Unglücksrabens: «Heute gelernt: Blindkurven lügen nicht.» Der unglückselige Biker hat so was von recht. Wer hier etwas aufhängt, hat Glück gehabt. Er scheint den Tanz mit dem Drachen ohne grössere Blessuren überlebt zu haben.

Eine Strasse, die Respekt verlangt

Trotz oder gerade wegen des Risikos strömen sie herbei: Biker, Sportwagenfahrer, Touristen und Influencer, die ein paar Sekunden Ruhm auf Youtube suchen. An Sommerwochenenden rollen bis zu 1200 Fahrzeuge über die Strecke. Manche gemütlich, manche mit dem Selbstverständnis eines MotoGP-Profis. Heute ist es vergleichsweise ruhig. Ein Konvoi Mazda MX‑5 zischt vorbei, dahinter ein schwerer Ford F‑150 Pick-up, der sich erstaunlich wacker schlägt. Ein Porsche 911 taucht auf und verschwindet schnell wieder – wie ein Raubtier, das durchs Unterholz jagt. Und dann ist da dieser Subaru Impreza, der sich im Auspuff eines Honda Civic festbeisst – jeder Zentimeter ein Machtspiel. Der weisse Heckspoiler würde sich gut am Tree of Shame machen ...

Nach 318 Kurven öffnet sich die Landschaft. Der Chilhowee Lake glitzert in der Sonne, als wollte er sagen: «Du hast es geschafft.» Auf dem Parkplatz stehen James und Conrad, zwei Biker aus Oregon und Ohio, die wir am Morgen getroffen haben. Sie wirken erleichtert. Ihre Maschinen sind unversehrt – und das ist auf dieser Strasse fast schon eine Auszeichnung. Wir wissen jetzt: Die Tail of the Dragon ist kein Ort für Helden. Sie ist ein Prüfstein. Eine Strasse, die Respekt verlangt. Wer ihr diesen entgegenbringt, erlebt eine der intensivsten Fahrten seines Lebens.

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