Ausgerechnet Flamingos, die friedfertigen Federviecher, gaben der albanischen Protestbewegung diesen Sommer ihren Namen. Zehntausende protestierten im Balkan-Land gegen ein neues Luxusresort, das an der von Flamingos bewohnten Narta-Lagune gebaut werden soll – übrigens mit Beteiligung des Trump-Schwiegersohns Jared Kushner (45).
Kushner und Konsorten haben von der albanischen Regierung einen privilegierten Status als «Sonder-Investoren» erhalten. Die Regierung weigert sich bis heute, ihnen die speziellen Vorrechte wieder zu entziehen. Trotzdem hat sich der Zorn der Albaner diese Woche endgültig weg von den Flamingo-Gefährdern hin auf die eigene Regierung verlagert. Auslöser dafür: die alles andere als rosigen Berufsperspektiven im Land. Doch das ist laut Experten nicht der einzige Grund, weshalb Albanien brennt.
Klar ist: Das empfundene Leid der albanischen Jugend ist real. Fast 18 Prozent der Albaner unter 29 haben keinen Job, Tendenz stark steigend.
Das Problem am albanischen System sei, dass man ohne Hochschulabschluss praktisch keine Chance auf dem Arbeitsmarkt habe, sagt Konrad Clewing (59), Historiker und Balkan-Experte am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropa-Forschung in Regensburg (D). «Berufslehren wie bei uns gibt es nicht. Industriejobs sind rar. Entsprechend gross ist der Frust über den schlechten Zustand der Hochschulen, auch wenn es natürlich nicht die Aufgabe der Regierung ist, jedem einen Job zu verschaffen.»
Bürgermeister sitzt in Haft
Albanien investiert im Verhältnis etwa ein Drittel weniger ins Bildungswesen als die Schweiz. Gebäude verlottern, Lehrpläne hinken modernen Ansprüchen hinterher. Bestärkt wird die Misere durch die grassierende Korruption: Zwei stellvertretende Regierungschefs des Landes stehen derzeit wegen Geldwäschereivorwürfen vor Gericht. Der Bürgermeister der Hauptstadt Tirana sitzt wegen Korruptionsvorwürfen in U-Haft. Das ist nicht förderlich für das Vertrauen in die Machtelite des Landes.
Die albanische Opposition versucht naturgemäss, die Massenproteste für ihre eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Sali Berisha (82), Chef der oppositionellen Demokratischen Partei Albaniens, rief zu zivilem Ungehorsam auf. «Seine Partei hat eine lange Tradition gewaltsamer Proteste», sagt Experte Clewing. «Wenn ich mir die Ausschreitungen ansehe, dann waren da nicht nur Studierende, sondern auch gewaltbereite und gewalterfahrene Demonstranten darunter.» Endgültig belegen lasse sich die Unterwanderung der Proteste durch Albaniens Opposition nicht.
Das hindert Regierungschef Edi Rama (62) nicht daran, deutliche Schuldzuweisungen auszusprechen. Am Donnerstagmorgen liess sich der 2,01-Meter-Hüne dabei filmen, wie er sich durch eine kaputte Glastür hindurch ins ausgebrannte Innere des «College of Europe», einer Hochschule in Tiranas Innenstadt, zwängte. Welche Studenten würden denn so etwas tun, fragte Albaniens Langzeit-Ministerpräsident.
Albanien ist nicht der einzige europäische Unruheherd derzeit. Auch in Frankreich bricht der Protest nicht ab. Eine Verbindung zu den Ausschreitungen in Albanien sieht Historiker Konrad Clewing aber nicht. Wohl aber mögliche Vermischungen mit den Problemen im Nachbarland Kosovo.
Dort kommt es aktuell zu Demonstrationen wegen der Verurteilung (zu 25 Jahren Haft) des Ex-UCK-Anführers und früheren Staatspräsidenten Hashim Thaci (58) durch das Kosovarische Sondergericht in Den Haag. Insignien der früheren Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) seien auch bei den Protesten in Tirana zu sehen, bestätigt Clewing. «Die gesamte Region ist in Unruhe. Viele wollen die bestehenden Strukturen radikal erneuern.»
96 Prozent der Albaner wollen in die EU
In Albanien kommt der historisch gewachsene Hass auf öffentliche Einrichtungen dazu. Jahrzehntelang litt das Land unter dem brutalen Regime von Diktator Enver Hoxha (1908–1985). Viele Albaner hätten heute noch eine grosse Distanz zu staatlichen Institutionen. «Wenn sie jetzt Ministerien und Einrichtungen angreifen, ist das in gewisser Weise ein Déjà-vu der 1990er-Jahre, als nach dem Zusammenbruch des Regimes viele ihrer Wut auf alles Staatliche auch gewaltsam Ausdruck gaben», sagt Clewing.
Ende kommenden Jahres will Albanien seine Beitrittsverhandlungen mit der EU abschliessen. Das Land ist auf gutem Kurs. Er könne sich deshalb vorstellen, dass die aktuellen Proteste von Kräften ausserhalb Albaniens unterstützt würden, die das Zusammenwachsen Europas ausbremsen wollten, sagt Clewing. Konkrete Länder will der Experte nicht nennen. Klar ist: Russland versucht seit Jahren auch auf dem Balkan, den europäischen Zusammenhalt zu schwächen.
Gelingen wird ihnen das kaum. So zerrissen das Land punkto Flamingos und flammender Proteste auch sein mag: Bezüglich Albaniens Zukunft herrscht Einigkeit. Die Zustimmungsrate für den EU-Beitritt liegt bei 96 Prozent, so hoch wie in keinem anderen Beitrittskandidatenland.