Grauen an der Front: Bosnier fällt auf russische Versprechen herein
«Ihr seid keine Soldaten, ihr tötet andere für Geld»

Ein bosnischer Staatsbürger ist nach eigenen Angaben auf russische Propaganda hereingefallen und zog freiwillig an die Front. Was als enttäuschende Hoffnung begann, endete auf dem Kriegsgebiet, wo er nun um sein Leben kämpft und die bittere Realität erlebt hat.
Kommentieren
1/4
Ein Bosnier fiel nach eigenen Angaben auf russische Propaganda herein und zog für Russland an die Front in der Ostukraine. (Russischer Soldat im Bild)
Foto: IMAGO/SNA

Darum gehts

  • Bosnier Selver H. geriet durch russische Propaganda an die Ukraine-Front
  • 80 Prozent seiner Einheit sollen bei Kämpfen in Petropawlowka gestorben sein
  • 2026 von ukrainischen Soldaten gefangen genommen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Blick_APP_DE_WeissRot_XXXHDPI-1024x1024_RGB.png
Blick Newsdesk

Er wollte seine Rechtsprobleme lösen und einen Neuanfang wagen. Doch stattdessen landete er an der Front in der Ostukraine. Nach eigener Aussage fiel der bosnische Staatsbürger Selver H.* (35) auf russische Propaganda herein und zog in den Krieg. 

Selver H. stammt aus der Stadt Zenica in Bosnien und Herzegowina. 2019 ging er zum Arbeiten nach Deutschland. Dort, so behauptet er, geriet er in Konflikt mit den Behörden und Geheimdiensten. Er soll wegen Verbrechen angeklagt worden sein, die er nicht begangen habe, meint er. Deutschland habe ihn deshalb nach Bosnien und Herzegowina abgeschoben.

Er hoffte auf einen Anwalt für seine Rechtsprobleme

In seiner Heimat arbeitete er zusammen mit seinem Vater im Baugewerbe. Doch die rechtlichen Probleme verschwanden nicht. H. begann, nach einem Ausweg zu suchen, einem Neuanfang. Über einen Bekannten bekam er ein Angebot aus Russland vermittelt. Die russische Seite habe behauptet, von den Ermittlungen gegen H. zu wissen. Der Deal: Sechs Monate für Russland dienen und danach einen Anwalt gestellt bekommen.

H. entschied sich, das Angebot anzunehmen und der russischen Armee beizutreten. Ein serbischer Söldner erklärte ihm vor seiner Reise nach Russland die Grundlagen. Nach Angaben des Portals United24Media kam H. im September 2025 in Moskau an und unterzeichnete dort seinen Vertrag. Nach einer zweiwöchigen Grundausbildung wurde er in die Region Luhansk versetzt. 

Das Grauen an der Front

Bald spürte er die extremen Bedingungen und enormen Verluste, die der Kampf für Russland mit sich brachte. Im Dezember wurde seine Einheit zum Vorstoss durch ukrainische Dörfer geschickt. Tagelang mussten sich die Soldaten in Kellern verstecken. «Sie schickten uns einen halben Liter Wasser und ein oder zwei kleine Dosen Fleisch. Zwei Personen mussten sich alles teilen», berichtet er.

Einige Soldaten versuchten, zusätzliche Vorräte zu beschaffen, doch laut H. kamen sie oft bei Drohnenangriffen ums Leben. Ein Grossteil seiner Einheit sei laut H. in der Gegend von Petropawliwka getötet worden. «80 Prozent der Männer sind nicht zurückgekommen. Sie liegen auf den Feldern», sagt er. 

Ein Gespräch mit einem russischen Offizier habe ihm die Augen geöffnet. «Er sagte: ‹Ihr seid keine Soldaten. Ihr seid Menschen, die Verträge unterschrieben haben, um andere für Geld zu töten›», erzählt der Bosnier.

Eine Gefangennahme rettete ihn

2026 wurde H. von ukrainischen Einheiten an der Front in Charkiw gefangen genommen. Laut ihm überlebte er nur dank seiner Gefangennahme. Mittlerweile würde er die Zeit zurückdrehen wollen: «Ich würde in Bosnien bleiben. Ich wäre niemals zur Armee gegangen. Es war eine sehr schlechte Erfahrung», sagt der 35-Jährige.

Ende 2024 warnte das Verteidigungsministerium von Bosnien und Herzegowina, dass das Gesetz des Landes Bürgern – einschliesslich denen mit doppelter Staatsbürgerschaft – verbietet, in ausländischen Streitkräften zu dienen oder eine Ausbildung zu absolvieren.

* Name bekannt

Dieser Artikel ist zuerst auf Blic.rs erschienen.  

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen