Europas Eis schmilzt weg – Glaziologe Leo Hösli ordnet ein
Diese Länder könnten ihre Gletscher bald ganz verlieren

Steigende Temperaturen und wenig Schnee beeinflussen die Gletscherschmelze. Blick hat mit dem Glaziologen Leo Hösli darüber gesprochen, welche Gletscher gefährdet sind und wie es im europäischen Vergleich um die Schweizer Gletscher steht.
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Tiefgelegene Gletscher wie der Pizolgletscher sind von der Gletscherschmelze besonders betroffen.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Schweizer Gletscher haben 2026 über fünf Prozent des Eisvolumens verloren, in den letzten fünf Jahren insgesamt fast 20 Prozent an Volumen verloren
  • Slowenien, Deutschland und Spanien stehen kurz davor, ihre letzten Gletscher ganz zu verlieren
  • Kleine, tiefliegende Gletscher mit wenig Winterschnee und hohen Sommertemperaturen sind besonders gefährdet
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Sandra MarschnerRedaktorin News-Desk

Anfang Oktober offenbarten neue Messdaten ein alarmierendes Bild. Über fünf Prozent des Eisvolumens der Schweizer Gletscher sind in diesem Jahr verschwunden. Allein in den letzten fünf Jahren hat das Eisvolumen in der Schweiz um fast 20 Prozent abgenommen.

Doch wie steht es insgesamt um die Gletscher in Europa? Und welche Regionen sind besonders gefährdet? Blick hat mit Leo Hösli gesprochen, einem Doktoranden in der Forschungsgruppe für Glaziologie an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Blick: In welchen europäischen Ländern gibt es Gletscher? Und gibt es Länder, die ihre letzten Gletscher zu verlieren drohen?

Leo Hösli: Gletscher gibt es in den Alpenländern Schweiz, Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland und Slowenien. Ausserdem gibt es auch kleine Gletscher in Spanien, in den Pyrenäen. Weiter gibt es in Norwegen, Schweden und Island viele weitere Gletscher, einige auch deutlich grösser als die Gletscher in den Alpen. Von den genannten Ländern sind besonders Slowenien, Deutschland und Spanien kurz davor, ihre letzten Gletscher zu verlieren. In Slowenien etwa sind in den letzten Tagen Bilder von den letzten Resten des Triglav-Gletschers kursiert.

Welche der Gletscher sind besonders gefährdet?

Kleine, tiefgelegene Gletscher, die im Winter wenig Schnee erhalten und im Sommer aufgrund ihrer tiefen Lage besonders hohen Temperaturen ausgesetzt sind, sind besonders gefährdet. Ein Beispiel dafür in der Schweiz wäre der Pizolgletscher auf nur 2700 Metern über Meer. Dieser ist in den letzten Jahren mehr oder weniger vollständig verschwunden. Grössere Gletscher mit einem Nährgebiet auf über 3500, zum Teil auch 4000 Meter über Meer, sind besser aufgestellt. In den meisten vergangenen Jahren konnte dort noch zumindest etwas neues Eis entstehen, wodurch die Schmelze zum Teil kompensiert wurde. Aber auch diese Gletscher ziehen sich zurück – besonders nach einem Sommer wie diesem, wo kaum noch Winterschnee auf den Gletschern übrigblieb, um neues Eis zu bilden.

Welche sind die hauptsächlichen Faktoren, die sich auf die europäischen Gletscher auswirken?

Ausschlaggebend für Gletscher in den Alpen sind die Sommertemperatur und der Winterniederschlag. Fällt in einer Region deutlich mehr Schnee im Winter, erlaubt das den Gletschern, in tiefergelegenen Gebieten zu entstehen, da die erhöhte Schmelze im Sommer durch die zusätzliche Schneeakkumulation kompensiert wird. Das ist auch der Grund, weshalb wir in Europa Gletscher auf ganz unterschiedlichen Höhen finden. Die Gletscher in Norwegen und Island sind deshalb auch so viel tiefer anzufinden. Aufgrund ihrer nördlichen Lage ist die Sonneneinstrahlung deutlich geringer und damit sind die Sommertemperaturen tiefer.

Im Alpenraum schmilzt durch die hohen Sommertemperaturen als Konsequenz des Klimawandels im Sommer deutlich mehr Eis als früher. Das Eis, das noch neu entsteht, reicht nicht aus, um die Verluste zu kompensieren. Auch die geringen Schneemengen haben in den letzten Jahren zusätzlich zur Gletscherschmelze beigetragen. Fällt auf den Gletschern weniger Schnee, werden sie früher im Sommer schneefrei und das Eis beginnt somit früher zu schmelzen. Gleichzeitig entsteht auch weniger neues Eis. Hinzu kommt auch die Abnahme der Aerosolkonzentration in der Atmosphäre seit den 1980er-Jahren. Dadurch wird weniger Sonnenlicht reflektiert – die Erdoberfläche erwärmt sich stärker. Dieser Effekt ist auch eine Konsequenz des Klimawandels. Nur wurde die eigentliche Erwärmung über Jahrzehnte durch die hohe Luftverschmutzung abgeschwächt.

Wie stehen die Schweizer Gletscher im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern da?

Ich würde nicht sagen, dass die Lage in der Schweiz deutlich schlechter ist als in anderen Alpenländern. Denn es gibt schon innerhalb der Schweiz sehr grosse Unterschiede, und diese sieht man auch über den gesamten Alpenraum. Tiefliegende Gletscher, gerade in trockeneren Gebieten wie zum Beispiel im Engadin, haben sehr hohe Schmelzraten. So auch die nahegelegenen österreichischen und italienischen Gletscher.

In den Walliser Alpen (südliches Wallis und angrenzende italienische und französische Alpen) ist die Schmelzrate etwas kleiner, da die meist sehr grossen Gletscher in dieser Region noch bedeutende Nährgebiete oberhalb von 3500 Meter Höhe haben. Dort entsteht zumindest noch etwas neues Eis. Zumindest im Alpenraum beherbergt die Schweiz einige der grössten Gletscher und hat dementsprechend auch mehr Eisreserven. Im Vergleich zu den kleineren Gletschern in Österreich zum Beispiel verschwinden diese grossen Schweizer Gletscher nicht ganz so schnell.

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