Darum gehts
- Christa Pike überlebte eine missglückte Hinrichtung, weil im Gefängnis kein Venenzugang gelang
- MPN sind seltene Blutbildungsstörungen, bei denen im Knochenmark zu viele Blutzellen entstehen
- Erhöhte Blutplättchen bedeuten nicht automatisch Krebs, MPN erhöhen Thrombose- und Blutungsrisiken
Christa Pike (50) war bereit zu sterben. Am 30. September 2026 sollte die US-Amerikanerin im Bundesstaat Tennessee mit einer Giftspritze hingerichtet werden. Doch die Exekution scheiterte: Das Gefängnispersonal hatte offenbar Schwierigkeiten, einen funktionierenden Zugang zu ihren Venen zu legen. Pike überlebte zwei Runden der tödlichen Injektionsmedikamente. Anschliessend musste sie zehn Tage im Spital behandelt werden.
Dass die Hinrichtung für Pike besonders gefährlich werden könnte, hatten ihre Anwälte bereits Monate zuvor befürchtet. In einer Beschwerde vom Januar 2026 machten sie geltend, ihre Mandantin leide möglicherweise an einer seltenen Form von Blutkrebs. Ihre Thrombozytenzahl, also die Anzahl der Blutplättchen, sei deutlich erhöht. Dadurch könne unter anderem das Risiko eines lebensgefährlichen Lungenödems steigen. Dabei sammelt sich Flüssigkeit in der Lunge, was zu schwerer Atemnot führen kann.
Was ist das für eine Erkrankung?
Myeloproliferative Neoplasien (MPN) sind seltene Erkrankungen der Blutbildung. «Aufgrund erworbener genetischer Veränderungen in den blutbildenden Stamm- und Vorläuferzellen kommt es zu einer übermässigen Bildung von Blutzellen», erklärt Sara Christina Meyer, Leiterin des Hämatoonkologischen Zentrums des Inselspitals Bern. In manchen Fällen kann sich zudem das Knochenmark fibrotisch verändern – es kommt also zu einer Art Vernarbung.
Je nachdem, welche Blutzellen betroffen sind, unterscheiden sich die Krankheitsbilder. Während bei der Polyzythämia vera primär zu viele rote Blutkörperchen gebildet werden, steigt bei der essenziellen Thrombozythämie die Zahl der Blutplättchen isoliert an. Bei der Myelofibrose steht hingegen die Vernarbung des Knochenmarks im Vordergrund. Auch die chronische myeloische Leukämie (CML) zählt zu dieser Krankheitsgruppe.
Erhöhte Blutplättchen nicht automatisch Krebs
Eine erhöhte Zahl an Blutplättchen bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass jemand an Blutkrebs leidet. Eine sogenannte Thrombozytose kann auch vorübergehend auftreten, etwa als Reaktion auf eine Infektion, eine Entzündung, Eisenmangel oder eine Operation. Erst wenn eine Erkrankung des Knochenmarks dahintersteckt, kann eine myeloproliferative Neoplasie die Ursache sein.
Betroffene können lange ohne Beschwerden leben. Häufig werden die Erkrankungen zufällig bei einer Blutuntersuchung entdeckt. Mögliche Symptome sind Müdigkeit, Fieber und Nachtschweiss. Auch Bauchbeschwerden können auftreten, wenn die Milz vergrössert ist und dort zusätzlich Blut gebildet wird.
Sara Christina Meyer ist Chefärztin Hämatologie am Inselspital Bern. Sie leitet dort das Hämatoonkologische Zentrum und die klinische Studieneinheit Hämatologie (HEM-CTU). Die Fachärztin für Hämatologie ist zudem assoziierte Professorin an der Universität Bern und leitet eine Forschungsgruppe am Department for BioMedical Research. Ihr Schwerpunkt liegt auf Blutkrebserkrankungen, insbesondere myeloproliferativen Neoplasien (MPN). Sie forscht an zielgerichteten Therapien, Therapie-Resistenz und neuen Behandlungsmöglichkeiten.
Sara Christina Meyer ist Chefärztin Hämatologie am Inselspital Bern. Sie leitet dort das Hämatoonkologische Zentrum und die klinische Studieneinheit Hämatologie (HEM-CTU). Die Fachärztin für Hämatologie ist zudem assoziierte Professorin an der Universität Bern und leitet eine Forschungsgruppe am Department for BioMedical Research. Ihr Schwerpunkt liegt auf Blutkrebserkrankungen, insbesondere myeloproliferativen Neoplasien (MPN). Sie forscht an zielgerichteten Therapien, Therapie-Resistenz und neuen Behandlungsmöglichkeiten.
Unterschätzen sollte man die Erkrankungen dennoch nicht. «Myeloproliferative Neoplasien haben ein erhöhtes Risiko für Thrombosen oder auch Blutungen», sagt Meyer. In bestimmten Fällen können sie sich zudem im Verlauf zu einer akuten Leukämie weiterentwickeln. Auch ein Übergang in eine Myelofibrose ist bei einzelnen Krankheitsformen möglich.
Wie häufig ist Blutkrebs in der Schweiz?
MPN gehören zu den seltenen Erkrankungen. Internationale Daten liefern zumindest Anhaltspunkte: Bei der chronischen myeloischen Leukämie werden jährlich etwa 1,2 bis 1,5 Neuerkrankungen pro 100'000 Einwohner registriert. Bei der Myelofibrose liegt die internationale Schätzung bei 0,22 bis 0,99 Neuerkrankungen pro 100'000 Personen und Jahr.
Die Behandlung richtet sich nach der jeweiligen Erkrankungsform, den Beschwerden und dem persönlichen Risiko. Sie reicht von regelmässigen Kontrollen über Medikamente zur Hemmung der Thrombozyten-Funktion und zur Senkung der Blutzellzahl bis hin zu zielgerichteten Therapien. Bei bestimmten Formen kommen sogenannte JAK2-Hemmer zum Einsatz, die in krankhaft veränderte Signalwege eingreifen. Eine hämatopoetische Stammzelltransplantation wird nur bei ausgewählten Betroffenen mit fortgeschrittener Erkrankung erwogen.
Leben mit der Krankheit oft möglich
Die Prognose unterscheidet sich je nach Krankheitsform deutlich. Viele MPN verlaufen über Jahre chronisch. Das bedeutet, dass Betroffene häufig lange mit der Erkrankung leben können. Schwere Komplikationen bleiben aber möglich.
Gleichzeitig gibt es Fortschritte: «Es gibt zurzeit viel Innovation zur weiteren Entwicklung der Therapien, mit laufenden klinischen Studien», sagt Meyer. Die Behandlungsmöglichkeiten werden also weiter erforscht und verbessert.