Darum gehts
Tunesiens Strände, Marokkos Städte, Algeriens Wüsten: Aus Touristensicht ist Nordafrika ein Paradies. Für viele Einheimische aber ist der Maghreb die Hölle. Sie wollen nichts wie weg aus der Misere, weg von der Korruption und weg von der Perspektivlosigkeit.
«Eure Gefängnisse sind so luxuriös. Wenn ich da keinen Job kriege, kann man bei euch prima klauen und dealen», erzählte Coiffeurlehrling Wajdi (17) in der tunesischen Hafenstadt Sfax vor einigen Monaten gegenüber Blick. Er ist nicht der Einzige, der so denkt. Lieber ein Schweizer Knast als die Trostlosigkeit der Heimat.
In der spanischen Enklave Ceuta im Norden Marokkos ein ähnliches Bild: Die Ausschaffungshaft in der Schweiz sei für ihn «wie Sommerferien» gewesen, erzählt der Marokkaner Adam (19). Die Chancen für die Maghrebiner, langfristig in der Schweiz bleiben zu können, sind sehr gering. Dennoch reist ihr Strom nicht ab. Das liegt nicht nur an der persönlichen Perspektivlosigkeit. Zu viele profitieren vom Elend der Menschen.
Profiteur #1: kriminelle Schlepperbanden
Neue Erhebungen der Uno schätzen, dass Schlepperbanden aus Nordafrika allein mit den Überfahrten übers Mittelmeer (der sogenannten «harka») jährlich bis zu 370 Millionen Franken verdienen. Verzweifelte Menschen bezahlen rund 2000 Franken für die lebensgefährliche Überfahrt auf den Schrottbooten – ein Mehrfaches des durchschnittlichen Jahressalärs in der Region.
Schlepper Mehdi (37) hatte Blick beim Interview in Sfax vor zwei Jahren seine Buchhaltung offengelegt: Umgerechnet 75'000 Franken verdient er pro Saison (Juni bis August) mit seinen fast ausschliesslich tunesischen Kunden. Mehdi selbst schätzt, dass allein im Grossraum Sfax rund 200 Schlepper wie er Menschen bei der Flucht nach Europa helfen und damit sehr gutes Geld verdienen.
Profiteure #2: die Maghreb-Regierungen
Nur schon die Rücküberweisungen, also das Geld, das die geflüchteten Bürger an ihre Verwandten in der Heimat schicken, sind für die Machthabenden in Rabat, Tunis und Algier ein Segen: Die sogenannten Rimessen machen in Marokko 7,5 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, in Tunesien 6,3 und in Algerien 0,7 Prozent – offiziell.
Hinzu kommen alle möglichen Abkommen, die die Regierungen mit Europa für die Eindämmung der Migration aus ihren Ländern erhalten. Tunesien hat bislang am besten verhandelt: 2023 schloss Tunis einen Milliardendeal mit der EU ab – und ergriff Massnahmen, um die Migrantenströme einzudämmen. Der Erfolg lässt auf sich warten. Die Gelder fliessen trotzdem. Ein gutes Geschäft.
Das sehen auch Algerien und Marokko. Der marokkanische König Mohammed VI (63) steht im Verdacht, die Massenmigrationswelle nach Ceuta Ende Juli auch deshalb goutiert zu haben, weil er Spanien und damit die EU unter Druck setzen will, einen ähnlich goldenen Migrationsdeal zu erhalten.
Profiteure #3: Europas Wirtschaft
Ganze Wirtschaftszweige – etwa das Gastrogewerbe oder die Landwirtschaft in Südeuropa – profitieren von den oft illegalen Migranten, die zu Billigstlöhnen harte Arbeit verrichten. Spaniens Regierung hat erst diesen Sommer 500'000 illegalen Arbeitern im Land Aussicht auf Papiere gegeben (mehr als 1,2 Millionen Flüchtlinge hatten sich auf die Aktion hin bei der Regierung gemeldet).
Und im süditalienischen Kalabrien warf diesen Juni die grausame Ermordung von vier illegalen Erntehelfern, die gegen ihre missliche Lage protestiert hatten, ein Licht auf die Schattenwirtschaft mit den Migranten, von der wir letztlich alle profitieren. Unter welch brutalen Bedingungen die Arbeitsmigranten in Süditalien hausen, zeigt die Reportage von Blick-Reporterin Helena Graf.
Die Leidtragende: die Schweiz
Wo Gewinner sind, da gibt es auch Verlierer. In diesem Fall unter anderen die Schweiz. Nach wie vor landen viele Migranten aus dem Maghreb hier. In den ersten sieben Monaten des Jahres haben 1945 Menschen aus Algerien, Marokko und Tunesien in der Schweiz Asyl beantragt. Die Maghreb-Migranten machen fast ein Fünftel aller Asylbewerber aus – obwohl sie kaum Chancen haben, hier aufgenommen zu werden. Nur 3,3 Prozent der Antragsteller aus Tunesien, 1 Prozent der Marokkaner und gar nur 0,6 Prozent der Algerier haben 2025 Asyl in der Schweiz erhalten.
Die Eidgenossenschaft bemüht sich nach Kräften, die Migration aus Nordafrika einzudämmen. Bern hat mit Algerien (2006) und Tunesien (2012) mehr oder weniger funktionierende Rückübernahmeabkommen für abgewiesene Asylanten unterzeichnet und im April 2025 immerhin schon mal einen «Immigration Liaison Officer» nach Marokko entsandt – also einen Beamten, der sich vor Ort um konkrete Lösungen des Migrationsproblems kümmern soll.
Eines der grossen Probleme: 80,5 Prozent der Maghreb-Asylsuchenden begingen 2024 in der Schweiz mutmasslich Straftaten. Die Schock-Zahlen über kriminelle Maghrebiner in der Schweiz dürften die Debatte erneut anfachen. Claudio Martelli, beim Staatssekretariat für Migration zuständig für den Direktionsbereich Asyl, sagt zu Blick: «Diese jungen Männer wissen, dass sie nicht in der Schweiz bleiben können und haben nichts zu verlieren.» Das fasst das Problem präzise zusammen. Gelöst ist es damit noch nicht.