Darum gehts
- 150 Menschen leben in Slum-Tendopoli bei San Ferdinando, Kalabrien
- Migranten verdienen 60 Euro für acht Stunden Feldarbeit
- Politik versprach Schliessung seit 2010, doch Zelte werden weiterhin gebaut
Tendopoli, eine Zeltstadt an der westlichen Stiefelspitze Italiens. Der Slum Europas. Dort, wo Erntehelfer hungern, während sie unser Obst pflücken.
Hier leben nur Männer, Arbeitsmigranten. Die Verhältnisse sind prekär, wie in anderen Elendsquartieren im reichen Westeuropa. Blick-Reporterin Helena Graf hat sich in vier solcher Ghettos umgeschaut. Bei ihrem Aufenthalt in Kalabrien hat sie erfahren, weshalb die Unterbringung von Arbeitern hier für Konflikte sorgt.
Hühner und Zelte aus Plastik
Die Fliegen haben das Abendessen längst entdeckt. Sie krabbeln über die Nudeln, als gehörten sie dazu.
Die beiden Arbeitsmigranten essen trotzdem. Sie wedeln die Insekten beiseite und nehmen den nächsten Bissen. Neben ihnen ein Karton mit Fertiggerichten. Ungeschützt in der kalabrischen Sonne. 30 Grad.
Um sie herum stehen Zelte. Aus Plastik und dreckigem Stoff. Dazwischen Müll, Hühner, abgemagerte Katzen.
Export nach ganz Europa
Momentan leben etwa 150 Menschen hier. Während der Zitrusernte im Winter sind es über 1000. Sie kommen aus Afrika und tragen die Landwirtschaft der ganzen Region. Orangen, Kiwis, Oliven. Die Produkte werden nach ganz Europa exportiert. Auch in die Schweiz.
Wir treffen einen jungen Mann vor seinem Zelt. Er heisst Baba (32), lebt seit mehr als zehn Jahren hier. «Heute gabs keine Arbeit», sagt er und zündet eine Zigarette an. Die Kleider hängen lose an seinem spindeldürren Körper. Er führt uns in sein Zelt.
Kleider liegen auf dem Boden. Daneben Essensreste. Ein kleiner Ventilator kämpft gegen die Hitze. In der Ecke steht ein Kühlschrank. Er funktioniert nicht. Baba deutet auf ein Loch in der Plane. «Wenn es regnet, steht hier alles unter Wasser.»
Wann immer er kann, arbeitet er als Taglöhner auf den Feldern. Acht Stunden für 60 Euro. Genug, um sich im nahen Dorf Lebensmittel und Tabak zu kaufen. Wenn er nichts verdient, hungert er. «Es ist schwierig», murmelt er. «Aber was soll ich tun?»
Tendopoli hätte nie von Dauer sein sollen. Der italienische Staat errichtete das provisorische Lager für Erntehelfer im Jahr 2010. Nach rassistischen Ausschreitungen im benachbarten Rosarno. Doch aus Monaten wurden Jahre. Aus dem Provisorium ein Slum.
Millionen Euro Hilfsgelder
Jedes Jahr verspricht die Politik, das Lager zu schliessen. Doch jedes Jahr werden neue Zelte gebaut.
«Viele Millionen Euro wurden hier ausgegeben», sagt Luca Gaetano (56), Bürgermeister von San Ferdinando. Geld, um Toiletten und neue Zelte zu bauen, um Essenspakete zu verteilen. «So wird der Ausnahmezustand erhalten, ohne dass sich etwas ändert.»
Es sind Quartiere, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie in Europa existieren. Und doch gibt es sie – Orte, an denen Drogen, Gangs und Elend das Sagen haben.
In der grossen Blick-Sommerserie reist unsere Reporterin Helena Graf dorthin, wo andere lieber wegschauen. Wir besuchen das berüchtigte Bahnhofsviertel in Frankfurt, wo Crack und Fentanyl den Alltag bestimmen. Wir tauchen ein in die Slums von San Ferdinando in Kalabrien, wo Tausende Erntehelfer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und die Mafia mitmischt. In den Problemvierteln im Norden von Marseille begleiten wir Ermittler und Anwohner im Kampf gegen Drogenbanden und Gewalt. Und in Sparkhill, einem Stadtteil von Birmingham, gehen wir der Frage nach, wie Armut, Migration und religiöse Parallelgesellschaften ein ganzes Quartier verändern.
Nah dran, ungeschönt und mit exklusiven Einblicken: Im Wochenrhythmus zeigt Blick diesen Sommer die Schattenseiten Europas.
Es sind Quartiere, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie in Europa existieren. Und doch gibt es sie – Orte, an denen Drogen, Gangs und Elend das Sagen haben.
In der grossen Blick-Sommerserie reist unsere Reporterin Helena Graf dorthin, wo andere lieber wegschauen. Wir besuchen das berüchtigte Bahnhofsviertel in Frankfurt, wo Crack und Fentanyl den Alltag bestimmen. Wir tauchen ein in die Slums von San Ferdinando in Kalabrien, wo Tausende Erntehelfer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und die Mafia mitmischt. In den Problemvierteln im Norden von Marseille begleiten wir Ermittler und Anwohner im Kampf gegen Drogenbanden und Gewalt. Und in Sparkhill, einem Stadtteil von Birmingham, gehen wir der Frage nach, wie Armut, Migration und religiöse Parallelgesellschaften ein ganzes Quartier verändern.
Nah dran, ungeschönt und mit exklusiven Einblicken: Im Wochenrhythmus zeigt Blick diesen Sommer die Schattenseiten Europas.
Denn die Arbeitsmigranten sind überlebenswichtig für die Region. «Ohne die ausländischen Kräfte würde die Wirtschaft hier zusammenbrechen», sagt der Bürgermeister.
Ein paar Kilometer weiter stehen moderne Blöcke mit Dutzenden Wohnungen. Gebaut 2015, für die Bewohner von Tendopoli. Doch wegen politischer Streitigkeiten zog bislang niemand ein.
Bürgermeister Luca Gaetano kramt ein Couvert aus dem Schrank in seinem Büro. Darin eine Verfügung: Die Häuser sollen endlich möbliert und bezogen werden. Ende Juni waren die Fenster noch verstaubt, die Wohnungen leer. Doch Gaetano hielt Wort: Ende Juli zogen die ersten Arbeitsmigranten ein.
Plantagen-Betreiber tricksen mit Arbeitsverträgen
Von den Wohnblöcken sind es nur wenige Minuten bis zur Plantage von Nello Navarra. Er sagt: «Ey, Ibra, komm her!» Ein Mann im weissen T-Shirt und mit Baseballkappe läuft herüber. Schweiss tropft von seiner Stirn. Navarra klopft ihm auf die Schulter. «Jedes Mal, wenn er seine Frau in Afrika besucht, bekommt sie noch ein Kind.» Ibrahim grinst.
Seit Jahren arbeitet Ibrahim hier. Mit Vertrag. So wie alle anderen, sagt Navarra. In der Packhalle herrscht Ruhe. Die Ernte ist vorbei. Die Förderbänder stehen still.
Etwa 80 Prozent der Belegschaft kommen aus Ländern südlich der Sahara. «Ohne sie könnten wir zumachen», sagt Navarra.
Sein Vater kam aus Sizilien hierher, ohne Geld. Er baute den Betrieb auf. «Wir konnten studieren. Mussten nicht mehr aufs Feld», sagt Navarra. «Wenn auch die Migranten bessere Jobs finden würden, hätten wir keine Arbeiter mehr.»
Navarras Farm gilt als Ausnahme in der Region. Alle Arbeiter haben einen Vertrag. Alle Arbeitstage werden abgerechnet.
Vielerorts laufe es anders, sagt Navarra. «Die Migranten arbeiten 20 Tage, aber auf ihren Verträgen stehen nur 10. So spart der Betrieb Sozialabgaben.» Je tiefer der Orangenpreis sinke, desto weniger verdienten die Arbeiter. «Es ist eine Kette der Ausbeutung.»
Brände im Zeltlager
Zurück in Tendopoli schiebt ein Mann sein Velo über den Schotter. Er kommt von der Arbeit. Wer warmes Wasser will, muss es auf dem Schwarzmarkt im Camp kaufen. Dort gibt es auch Kleidung. Dosenessen. Drogen.
Im Winter ist es besonders prekär. Dann ist die Zeltstadt überfüllt. Die Bewohner machen Feuer. Immer wieder brennt das Lager.
Bürgermeister Gaetano klickt auf seinem Computer herum. Er öffnet Baupläne für ein neues Projekt. Eingezeichnet sind eine Wiese, Baracken, einzelne Bäume. «Social Farm», nennt sich das Projekt. 4 Millionen Euro kostet es.
Die Zelte sollen verschwinden. Stattdessen sollen die Erntehelfer dort wohnen, arbeiten und einen Beruf lernen. Abseits der Einheimischen.
Denn die Männer müssten sich an Regeln gewöhnen, bevor sie in den Dörfern wohnen könnten. Gaetano öffnet ein weiteres Foto auf seinem Computer. Es zeigt einen Abfallberg vor Tendopoli. «So kann man nicht zusammenleben», sagt er.
Am anderen Ende von San Ferdinando schüttelt Francesco Piobbichi (54) den Kopf: «Das sind rassistische Aussagen!»
Sozialfarm oder neues Ghetto
Piobbichi leitet ein Hostel für Arbeitsmigranten. Knapp 50 Leute wohnen aktuell dort. Er führt uns zu den Müllcontainern neben dem Gebäude. Papier. Glas. Plastik. Bioabfall. Kein Müll daneben.
«Das Problem sind nicht die Menschen», sagt er. «Das Problem ist das Lager.»
Wer monatelang in einem Zelt lebe, ohne Perspektive, wer täglich stundenlang auf den Feldern arbeite und abends erschöpft zurückkomme, verliere irgendwann den Antrieb, meint er. «Wenn du so lebst, wäschst du deine Kleider irgendwann nicht mehr. Du wirfst sie weg.»
Von den Plänen des Bürgermeisters hält er nichts. «Er will ein neues Ghetto bauen», sagt er. Mit Holzhäusern statt Zelten. Die Menschen würden erneut an den Rand der Stadt verbannt – dort, wo sie arbeiten, aber nicht dazugehören.
Sein Modell sieht anders aus. Statt neuer Lager mietet seine Organisation Wohnungen im Dorf. Die Arbeiter wohnen zwischen Einheimischen, nicht hinter Zäunen.
«Integration beginnt nicht im Lager», sagt Piobbichi. «Sie beginnt in der Nachbarschaft.»
Erzfeind Bürgermeister
Das Hostel sei ein gutes Beispiel dafür. Noch nie habe es Probleme mit den Anwohnern ringsum gegeben. Am ehesten noch mit dem Bürgermeister, der gegenüber lebt. «Wir sind Erzfeinde», sagt der Hostel-Leiter und lacht. «Er setzt keinen Fuss hier hinein.»
90 Euro kostet das Zimmer pro Monat. Dafür gibt es ein Bett. Warmes Wasser. Eine Küche. Einen Mietvertrag.
Piobbichi schaut einem Mann hinterher, der frisch einzieht. «Eigentlich», sagt er, «braucht es gar nicht viel.»