Wann geht der Bankenchef?
UBS steckt bei Ermotti-Nachfolge in der Geiselhaft der Politik

Sergio Ermotti soll CEO der UBS bleiben, bis der Streit um das Eigenkapital entschieden ist. Doch das kann sich bis 2028 hinziehen – oder gar noch länger.
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Darum gehts

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Holger Alich
Handelszeitung

Da sassen sie alle einträchtig im Bundeshaus, die Protagonisten im epischen Streit um die Eigenkapitalregeln für die UBS: Bankchef Sergio Ermotti war persönlich angereist, unterstützt vom ehemaligen Vizepräsidenten des Verwaltungsrates, Lukas Gähwiler. Auch Nationalbank-Chef Martin Schlegel und Finma-Chef Stefan Walter waren zugegen, um die Fragen der Ständeräte in der Wirtschaftskommission zu beantworten. Und natürlich Finanzministerin Karin Keller-Sutter, KKS genannt.

Drei Stunden dauerte am Montag die Anhörung in der ständerätlichen Wirtschaftskommission; sie bildete den Auftakt der Parlamentsberatungen zum neuen Bankengesetz. Kernstück ist, dass die UBS künftig ihre Auslandstöchter zu 100 Prozent mit Eigenkapital unterlegen soll, was die Grossbank 20 Milliarden Dollar Zusatzkapital kosten würde.

Harte Bandagen

Seit zwei Jahren schon tobt darum ein Streit, der zuweilen die Züge einer Schlammschlacht annahm. Die UBS bezeichnete die Vorschläge als «extrem» und warf dem Bundesrat bei der Abschätzung der Folgen gar «Irreführung» vor. KKS wiederum warf der UBS vor, Abgeordnete unter Druck zu setzen. Diese würden um die Parteispenden fürchten, sollten sie nicht im Sinne der Bank agieren, sagte sie im «Blick».

Doch als die Holztüren im Beratungszimmer zugingen, herrschte auf einmal ein ganz anderer Ton. Zunächst stellte jede Seite ihre Sicht der Dinge dar, dann folgten Fragen der Ständeräte. Die Anhörung sei sehr konstruktiv verlaufen, heisst es. Die Abgeordneten wollen sich nun etwas Zeit nehmen und «Varianten und Alternativen» zu den Vorschlägen des Bundesrates prüfen. Ein Entscheid soll im August fallen, in den Erstrat kommt das Geschäft damit erst in der Herbstsession. Damit dürfte es aber kaum mehr gelingen, noch in diesem Jahr einen finalen Entscheid herbeizuführen.

Ein neuer Zeitplan für die Nachfolge

Das hat ganz konkrete Folgen für die Bank. Auch für ihren CEO, Sergio Ermotti. Denn der soll so lange bleiben, bis der Kapitalstreit entschieden ist. Das hat Bankpräsident Colm Kelleher den Aktionärinnen und Aktionären an der Generalversammlung erklärt.

Eigentlich hatte bis dahin die Erwartung geherrscht, dass Ermotti nach der geglückten Integration der Credit Suisse abtreten würde. Die letzten Kundendaten der CS Schweiz wurden im Frühjahr pannenfrei auf die Systeme der UBS migriert. Daher gingen Beobachter ursprünglich davon aus, dass Ermotti zur Generalversammlung im April 2027 abtritt, um nach einer angemessenen Abklingphase in den Verwaltungsrat zurückzukehren und später dann Kelleher als UBS-Präsident zu beerben.

Der Zeitplan ist hinfällig. Neben den Zollunsicherheiten, der Unruhe wegen des Kriegs im Iran und der Unsicherheit im Kapitalstreit sei es unverantwortlich, der UBS durch den Wechsel des CEO noch einen weiteren Unsicherheitsfaktor hinzuzufügen, heisst es. Aber nun hängt die Spitzenpersonalie der wichtigsten Bank der Schweiz vom politischen Prozess ab – und der ist unvorhersehbar.

Eigenkapital wird zum Wahlkampfthema

Bei allem Streit um die Details: Einigkeit herrscht darin, dass die UBS möglichst schnell Klarheit bekommen soll, mit welchem Kapitalgerüst sie nun unterwegs zu sein hat. Daher geben Abgeordnete als Ziel an, die Kernpunkte am besten noch in diesem Jahr zu klären. Doch schon der Auftakt des komplexen Geschäfts brachte eine erste Verzögerung.

Damit droht der Eigenkapitalstreit sich weit ins Jahr 2027 hinzuziehen – und dadurch zum Wahlkampfthema zu werden. Schliesslich sind im Herbst nächsten Jahres Nationalratswahlen. Und wie auch immer am Ende ein Kompromiss im Kapitalstreit aussieht: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass gegen das Gesetz noch das Referendum ergriffen wird. Sollte es so weit kommen, könnte die Bank sich erlauben, ausgerechnet dann den CEO zu wechseln?

UBS-Insider sehen das nicht so dramatisch: Kelleher sei es mit seiner Aussage an der Generalversammlung in erster Linie darum gegangen, die Nachfolgedebatte abzuklemmen. «Er wollte Sergio Ermotti den Rücken stärken, damit er nicht als ‹Lame Duck› dasteht», so eine Auskunftsperson. Denn die Nachfolgedebatte schwäche Ermottis Standing gegenüber der Politik.

Noch kein klarer Frontrunner

Hinzu komme, dass sich bisher niemand der internen Kandidaten wirklich als Kandidat für die Chefweihen aufdränge, so der Bank-Insider. Präsident Kelleher hat bei der Suche nach einem CEO ein für Schweizer Verhältnisse ungewöhnliches Verfahren angesetzt, eine Art internes Casting: Er lässt die Aspiranten intern die Jobs wechseln, damit sie sich in verschiedenen Feldern beweisen können.

So wurde Wealth-Management-Co-Chef Iqbal Khan nach Asien versetzt, wo er als Regionenchef auch die Geschicke der dortigen Investmentbank überwacht. Und Beatriz Martin Jimenez, die sich mit der Abwicklung der Investmentbank der CS einen Namen gemacht hat, bekam die Präsidentschaft der Region EMEA.

Zu den weiteren Aspiranten zählt Asset-Management-Chef Aleksandar Ivanovic – der aber keine Erfahrung im Kerngeschäft, dem Wealth-Management, hat – und ebenso US-Chef Rob Karofsky, der früher die Investmentbank führte.

Klar ist: Wer in Ermottis grosse Fussstapfen treten will, der oder die muss mit Erfolg eine eigene Gewinn- und Verlustrechnung verantwortet haben, so Auskunftspersonen. «Und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen», heisst es.

Extrarunde für Ermotti

Kein klarer Frontrunner, grosse politische Unsicherheit – also muss Ermotti, der am 11. Mai seinen 66. Geburtstag feiert, eine Extraschlaufe drehen. «Call of Duty 2», könnte man sagen, nachdem Ermotti seine Rückkehr an die Spitze der UBS nach der CS-Übernahme als «Call of Duty» bezeichnet hatte. «Die Wahrscheinlichkeit ist gestiegen, dass Herr Ermotti mindestens bis zur Generalversammlung im Jahr 2028 bleibt», schreibt der Analyst Stefan Stalmann von Autonomous Research in einem Kommentar.

Die Frage ist nun, wie schnell sich das Parlament auf die Eckpunkte der Reform einigt, mit der auch die UBS leben kann. Noch liegen die Positionen weit auseinander. Klar scheint nur: Weder wird sich Bundesrätin Keller-Sutter mit ihrem Vorschlag durchsetzen, dass die Kapitalunterlegung der Auslandstöchter zu 100 Prozent mit hartem CET1-Kapital zu erfolgen hat, noch die Grossbank, die in diesem Punkt eigentlich überhaupt keinen Änderungsbedarf sieht.

Streit um die Milliardenbeträge

Nachdem bei der Anhörung jede Seite ihre Sicht der Dinge präsentiert hatte, folgte wie erwähnt eine Fragerunde. Verwirrung gibt es allein schon bei den Zahlen. So sprach der Bund davon, dass der UBS effektiv nur 9 statt 20 Milliarden Dollar Kapital fehlten.

Die Erklärung ist einfach: Zwar bräuchte es 20 Milliarden, um die Auslandstöchter zu 100 Prozent mit Eigenkapital zu unterlegen. Doch zusätzlich benötigt würden nur noch 9 Milliarden, sagt der Bund – den Rest habe die UBS bereits. Und beziehe man auch noch die Reserven im Stammhaus der UBS AG mit ein, die für Ausschüttungen gedacht sind, läge die Lücke gar bei null. Ein Argument, das laut Quellen im politischen Bern durchaus Eindruck hinterlassen hat.

Ist also alles gar nicht so schlimm? Bei der UBS sieht man das anders. Ermotti hat schliesslich schon mehrmals öffentlich gesagt, dass das Problem für die UBS nicht sei, Geld für die Kapitalunterlegung aufzutreiben; Analysten rechnen damit, dass die Bank nach der CS-Integration pro Jahr rund 12 Milliarden Dollar und mehr netto verdient.

«Die UBS und der Bund haben eine grundsätzlich unterschiedliche Perspektive», erklärt Andreas Venditti, Bankanalyst bei Vontobel. «Nicht der Aufbau des Kapitals ist das Problem, sondern der Endzustand der Bank mit Kapital, das keine Rendite erwirtschaftet. Das drückt die Bewertung», sagt der Experte.

Renditeziel ist in Gefahr

Denn die Pläne des Bundes gefährden das Ziel der Bank, nach der CS-Integration wieder eine Verzinsung des Eigenkapitals von 17 Prozent zu erzielen – so rentabel war die Bank vor der Mammutübernahme. Ende 2025 hatte die UBS 71 Milliarden CET1-Kernkapital. Würden die Pläne von KKS umgesetzt, stiege der Wert auf rund 90 Milliarden. Dann müsste die Bank 15,5 Milliarden verdienen, um das angestrebte Rentabilitätsziel zu erreichen.

Das Parlament dürfte der UBS entgegenkommen: Auch die Bank hat in einer Vernehmlassungsantwort geschrieben, bei der Kapitalabdeckung könne es nicht nur um die teuerste Kapitalart, CET1, gehen. Dieses klassische Eigenkapital besteht aus einbezahlten Aktien, Reserven und einbehaltenen Gewinnen. Auch die Wandelanleihen AT1 würden laut Bankenregulierung zusätzlich zum Kernkapital zählen, das einer Bank zur Fortführung der Geschäftstätigkeit (Going Concern) zur Verfügung steht.

Nun ist die Frage, wo man hier landet: Bürgerliche Parlamentarier haben vorgeschlagen, dass die UBS die Kapitalunterlegung für die Auslandstöchter je zur Hälfte mit CET1 und zur anderen Hälfte mit AT1-Anleihen leisten soll. Auch die Idee von risikoadjustierten Quoten geistert herum. Sprich: Je riskanter die Geschäfte einer Auslandsbank sind, desto mehr CET1-Kapital müsste die UBS für sie aufbringen.

Bis Klarheit in der Kapitalfrage herrscht, vermeidet es die UBS, Entscheidungen zu treffen, die irreversibel sind, wie etwa sich aus bestimmten Geschäften zurückzuziehen – oder den CEO zu wechseln. Die Warterei mag Aktionäre nerven, doch geht es um die Zukunft der Bank in den kommenden Jahrzehnten. Und um die Zukunft des Schweizer Finanzplatzes. Sicherheit für die Steuerzahler versus Wettbewerbsfähigkeit der UBS. Das ist der Interessenkonflikt, den es zu lösen gilt.

Regionalbanken stützen KKS

Und die Konfliktlinien laufen nicht nur quer durch die Parteien, der Streit um das Eigenkapital der UBS spaltet sogar das Bankenlager. So singt zwar die Schweizerische Bankiervereinigung das Lied der UBS und wettert gegen die Pläne des Bundesrates. Doch von den Regionalbanken sind ganz andere Stimmen zu hören.

Wie jene von André Wegmann, Chef der genossenschaftlichen Bank Avera, nach eigenen Angaben die grösste Regionalbank im Kanton Zürich: «Die UBS kann die zusätzlichen Kapitalanforderungen schultern, ohne dass ihre Wettbewerbsfähigkeit in ihren Grundfesten erschüttert würde», sagt Wegmann und widerspricht damit der Bankiervereinigung. «Wie die Kosten intern kompensiert werden, ist eine unternehmerische Entscheidung.» Man müsse die geforderten 20 Milliarden Dollar Zusatzkapital in Relation setzen zur gesamten Bilanzsumme der UBS von 1600 Milliarden Dollar.

Auch der Avera-Chef betont, dass die Schweiz eine prosperierende UBS brauche. Aber er stärkt dem Bundesrat im Kapitalstreit den Rücken: «Die Steuerzahler mussten in den letzten zwanzig Jahren zweimal Pikett stehen. Es ist daher verständlich, dass die Politik dafür sorgen möchte, dass das Haftungsrisiko ein tragbares Mass erreicht.»

Das Argument, dass die erhöhten Eigenmittelanforderungen die Wettbewerbsfähigkeit schwächen würden, dreht Wegmann um 180 Grad: «Eigenkapital und Solidität stärken die Wettbewerbsfähigkeit einer Bank», sagt der Avera-Chef.

Nun ist der Gesetzgeber am Zug. Am 10. und 11. August will der Ständerat seine Beratungen fortsetzen. Kurz zuvor, am 29. Juli, wird Sergio Ermotti die Zahlen zum zweiten Quartal präsentiert haben. Es ist dann seine insgesamt 51. Quartalspräsentation – und sicher nicht seine letzte.

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