Das sind die grossen Pläne mit Avec
Der Kiosk-König Michael Mueller tritt nach 12 Jahren ab

Michael Mueller machte aus einem Sorgenkind einen Convenience-Konzern. Mit seinem Abgang geht eine Ära zu Ende. Doch die Expansion ins Ausland bleibt weiterhin im Fokus.
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Nach über zwölf Jahren gibt Michael Mueller den Chefposten bei Valora ab. Der 54-Jährige will etwas Neues anpacken und sich nicht auf Verwaltungsratsmandate beschränken.
Foto: Vera Hartmann für BILANZ

Darum gehts

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Erich Bürgler
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Bloss keinen Personenkult. Das hatte für Valora-CEO Michael Mueller immer hohe Priorität. Spätestens seit der Detailhändler mit seinen K-Kiosks und Avec-Läden zum mexikanischen Konzern Femsa gehört. Bei einem Fotoshooting mit «Bilanz» versteckte er sein Gesicht halb hinter einem Kaffeebecher. Porträtbilder sind ihm unangenehm. Denn die Besitzerfamilie des Mutterkonzerns mag es unauffällig, und einen diskreten Auftritt erwartet sie auch von ihren Managern. Schliesslich erwischt die Fotografin ihn doch noch in voller Ansicht. Interviews von Mueller, der in den vergangenen Jahren oft nach Mexiko pendelte, hatten Seltenheitswert. Nun tritt er nach zwölf Jahren an der Spitze ab.

Artikel aus der «Bilanz»

Dieser Artikel wurde im dem Magazin «Bilanz» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.bilanz.ch

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RMS

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Dies weniger als ein Jahr nach dem Wechsel auf dem Chefposten von Femsa. Der 44-jährige Jose Antonio Fernández übernahm im November die operative Führung von seinem Vater mit gleichem Namen. Der Senior bleibt Präsident. Sein Rufname «El Diablo» ist positiv gemeint: Teufelskerl. Die Messlatte für den neuen Chef liegt damit hoch. Eines macht Michael Mueller klar: «Mein Entscheid hat nichts mit dem Führungswechsel bei Femsa zu tun – im Gegenteil. Jose und ich stehen in engem Kontakt und arbeiten sehr gut zusammen.» Mueller und Fernández kennen sich schon länger, denn der Junior hat zuvor die Retailsparte von Femsa geleitet. Muellers Nachfolger, der 48-jährige Roger Vogt, ist in Mexiko ebenfalls gut bekannt und seit fast neun Jahren im Topmanagement von Valora. Allerdings hat er von Femsa vorerst nur den Titel des Interims-CEO erhalten.

Der riskante Umbau

Am Valora-Hauptsitz in Muttenz ist derweil klar, dass Vogt der richtige Mann für den Job ist. «Ich bin 100-prozentig überzeugt, dass Roger Vogt die richtigen Voraussetzungen mitbringt», sagt Michael Mueller. Er hat Valora in einer Dekade vom wenig rentablen Konglomerat zum grössten Schweizer Betreiber von Convenience-Stores umgebaut. Valora Trade, die unter anderem im Vertrieb von Kosmetikprodukten tätig war, und den Pressegrosshandel stiess das Unternehmen ab.

Der 48-jährige Valora-Mann Roger Vogt folgt auf Michael Mueller. Vorerst als Interims-CEO.
Foto: Noemi Braem

Stattdessen setzte Mueller voll auf die Verpflegung für unterwegs. Dies zu einer Zeit, als man Convenience Food mit in Plastik-Dreiecke verpackte Weissbrotsandwiches gleichsetzte. Der Portfolio-Umbau war nicht ohne Risiko, denn die vielen K-Kiosk-Läden waren seinerzeit wenig rentabel. Nicht umsonst bekam Mueller seinerzeit aus seinem Businessumfeld mehr oder weniger direkt die Frage gestellt, ob er denn kein besseres Jobangebot als bei Valora erhalten habe. Der Verkauf von Zeitschriften, Tabak und Kaugummis an teuren Kioskstandorten war unter Druck. «Wir verkauften mit Valora Trade einen Bereich, der den Aktionären als Wachstumstreiber präsentiert worden war. Stattdessen setzten wir auf das damals noch wenig rentable Retailgeschäft», sagt Mueller.

Er entwickelte das Avec-Format zum Anbieter von viel frisch zubereiteten Lebensmitteln. Statt von Convenience spricht Mueller jeweils von Foodvenience. Was das bedeutet, zeigt er in einem Tankstellenshop von Avec in Horgen oberhalb des Zürichsees. Die Zeiten, in denen sich das Angebot solcher Shops auf Produkte wie Energy Drinks, Schokoladenriegel und Lotterielose beschränkte, sind definitiv vorbei. Stattdessen präsentiert sich der Standort als Hybrid zwischen Einkaufsladen, Bäckerei und Gastrobetrieb. Das Personal bereitet Sandwiches vor Ort frisch zu, backt Brot auf und bereitet mittags warme Menüs zu: an diesem Tag Rindssteak mit Potato Wedges für um die 16 Franken. Daneben stehen weitere warme Mahlzeiten wie Focaccia, Pizza und Dürüm Chicken zur Auswahl.

Das Personal in den Avec-Läden bereitet Sandwiches vor Ort frisch zu, backt Brot auf und bereitet mittags warme Menüs zu: Etwa Rindssteak mit Potato Wedges für um die 16 Franken.
Foto: PR

Bei der Kundschaft kommt das gut an: In Horgen sitzen einige Bauarbeiter in oranger Warnkleidung draussen in der Mittagspause. Das Bedürfnis nach frischer Verpflegung unterwegs hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Deshalb gelang es Valora, nicht nur mit neuen Läden zu wachsen, sondern auch auf den bestehenden Flächen mehr Umsatz zu erzielen. Beim ehemaligen Sorgenkind K-Kiosk setzte Valora auf den Ausbau des Sortiments an Getränken. Von Softdrinks über Vitaminwasser bis Kaffees. Die Standorte nutzt Valora zudem gezielt, um Produkte wie Zigaretten-Alternativen prominent zu platzieren und Impulskäufe zu fördern. Die Hersteller zahlen viel Geld dafür, ihre Produkte an diesen stark frequentierten Standorten prominent ins Blickfeld der Kundschaft zu rücken.

Mueller forcierte zudem das Auslandsgeschäft. Was beim Konkurrenten Migros im Debakel endete, brachte der 54-Jährige zum Fliegen. Mittlerweile erzielt Valora rund 50 Prozent des Umsatzes von 2,9 Milliarden Franken ausserhalb der Schweiz. Zum Portefeuille gehören Cigo-Kioske, Bäckereien von Backwerk und zahlreiche Standorte der Gastrokette Frittenwerk. Deutschland ist nach der Schweiz der wichtigste Markt. Bereits 2012 übernahm Valora den Laugengebäck-Spezialisten Ditsch/Brezelkönig, der auch in der Schweiz sehr erfolgreich ist.

In den USA hat das Unternehmen ebenfalls ein wichtiges Standbein aufgebaut. Mueller kaufte den US-Laugenbackwarenhersteller Pretzel Baron, integrierte ihn in Ditsch, womit Valora zu den grössten Herstellern von Laugengebäck in den USA aufstieg. Abnehmer sind Supermärkte und Grosshändler.

Bis zu 1000 neue Läden

In der Schweiz will Valora weiter expandieren. Dies nicht nur durch Neueröffnungen, sondern auch in bestehenden Läden. Etwa mit in Avec-Stores integrierten Brezelkönig-Ständen. Bezüglich Wachstum spielt die Musik aber noch stärker im Ausland. Während sich Convenience-Stores in der Schweiz längst etabliert haben und weitverbreitet sind, sieht Michael Mueller in anderen europäischen Märkten noch erhebliches Potenzial – vor allem in einem: «Wir glauben, dass wir in Deutschland mittelfristig 500 bis 1000 Standorte eröffnen können.» Das Format Avec rollt der Retailer im Nachbarland in einer Partnerschaft mit der Deutschen Bahn bereits an 80 Standorten aus. In Österreich kam ein Deal für über 100 Filialen in BP-Tankstellen zustande. Auch dort dürften die Shops künftig den pinken Avec-Schriftzug tragen. In beiden Fällen setzt der Retailer auf Partnerschaften. «In Zukunft wird Valora deutlich mehr als 50 Prozent des Umsatzes im Ausland erzielen», sagt Mueller.

Was seit der Übernahme von Valora durch Femsa im Jahr 2022 allerdings nicht zustande kam: eine grosse Akquisition seitens der Schweizer Tochter. Dabei hätte Valora mit Femsa, die zuletzt rund 47 Milliarden Dollar Jahresumsatz erzielte, eine finanzielle Schlagkraft, die ganz andere Grössenordnungen bei der Expansion ermöglichen würde – wenigstens theoretisch.

Milliardendeals ohne Valora

Zuletzt gingen mehrere Milliardendeals ohne Valora über die Bühne. Der kanadische Handelskonzern Alimentation Couche-Tard schlug in Europa gleich zweimal zu. Zuletzt in Polen, wobei es dort auch einen Schweizer Bezug gibt. Couche-Tard übernimmt die 13'000 Convenience-Stores der polnischen Zabka für rund 8,6 Milliarden Dollar. Auf der Verkäuferseite als Zabka-Grossaktionär steht unter anderem die Schweizer Partners Group, wie Ende Juli bekannt wurde.

Zuvor hatten die Kanadier bereits in Deutschland eine Übernahme abgeschlossen, die Valora-CEO Mueller besonders schmerzte. Die Schweizer eröffneten einen Convenience-Store in Berlin nahe dem Alexanderplatz in einer Total-Tankstelle mit der Absicht, die Zusammenarbeit stark zu erweitern. Kurz danach schnappte sich Couche-Tard das Filialnetz von Total mit über 2000 Standorten in Deutschland und anderen Ländern für 3,4 Milliarden Euro.

Femsa setzt in Lateinamerika auf organisches Wachstum, und dies in einem schwindelerregenden Tempo. Jährlich eröffnet das Unternehmen über 1000 Filialen von Oxxo, ein Format, das auf kleinere Quartierläden an zentraler Lage setzt. Allein in Mexiko gibt es über 24'000 Oxxos.

Jährlich eröffnet Femsa über 1000 neue Filialen von Oxxo, ein Format, das auf kleinere Quartierläden an zentraler Lage setzt. Allein in Mexiko gibt es über 24’000 Oxxos.
Foto: Universal Images Group Editorial

Doch wäre Femsa überhaupt zu einer Milliardenakquisition in Europa bereit? Man prüfe kontinuierlich Möglichkeiten bezüglich Übernahmen in den Kerngeschäften, einschliesslich Valora, heisst es aus der Femsa-Zentrale in der mexikanischen Stadt Monterrey. «Unser Hauptfokus liegt jedoch weiterhin auf organischem Wachstum.»

Mit dem Europa-Geschäft zeigte sich der junge Konzern-CEO Fernández bei einem Besuch in Muttenz sehr zufrieden. Er sprach zur gesamten Belegschaft, kurz nachdem der Führungswechsel bei Valora bekannt geworden war. 2025 erreichte das Unternehmen ein Rekordergebnis von 105,5 Millionen Franken. Als Michael Mueller den Chefposten 2014 übernahm, lag dieser Wert bei rund 30 Millionen.

Femsa lernt von Valora

Öffentliche Auftritte seines Chefs Jose Antonio Fernández sind bisher rar. Selbst in Mexiko gab er keine Interviews. Zum Business äusserte er sich lediglich im Rahmen von Analysten-Calls. So räumte Fernández ein, dass das Geschäftsjahr 2025 enttäuschend verlief. Insbesondere die Kundenfrequenz in den bestehenden mexikanischen Oxxo-Filialen schwächelte. Im laufenden Jahr hat sich diese Kennzahl allerdings wieder erholt.

In Mexiko ist der Konzern, der an der Börse kotiert ist, aber mehrheitlich von der Familie kontrolliert wird, eine Institution: Es ist der grösste private Arbeitgeber des Landes und beschäftigt selbst in den Führungsetagen zahlreiche langjährige Mitarbeitende. Laut einer mit Valora vertrauten Person bringt das auch sehr hierarchische und teilweise verkrustete Strukturen mit sich. «Wer dort welche Entscheide fällt, ist nicht immer klar. Vieles geschieht hinter verschlossenen Türen», sagt der Valora-Kenner. Das Europa-Geschäft sei ein Exot bei Femsa, deren Aktivitäten sich ansonsten auf Lateinamerika und die USA beschränken. «Valora ist Teil eines Konzerns, der über zahlreiche weitere Investitionsmöglichkeiten verfügt.»

Konzernchef Fernández kündete kurz nach seiner Ernennung eine neue, stärker auf Effizienz ausgerichtete Organisationsstruktur in der Firmenzentrale an. Damit verbunden ist auch ein Stellenabbau. Zudem will er Veränderungen im Sortiment des Heimmarktes vorantreiben. Dabei kann Europa als Vorbild dienen. Statt eines Frischeangebots dominieren in den Oxxo-Läden Softdrinks sowie süsse und salzige Snacks. Femsa-Chef Fernández macht an einem Investoren-Call deutlich, dass sich das Unternehmen im Bereich Premiumfood verbessern muss. Er will vor allem das Kaffee- und Frühstücksangebot bei Oxxo deutlich erweitern.

Konzernchef Fernández kündete kurz nach seiner Ernennung eine neue, stärker auf Effizienz ausgerichtete Organisationsstruktur in der Firmenzentrale von Femsa an. Zudem will er Veränderungen im Sortiment des Heimmarktes vorantreiben.
Foto: PR

Europa-Chef Mueller hat dabei einige Tipps parat. Denn mit dem Ausbau des Kaffee- und Backwarensortiments schaffte Valora vor Jahren die Wende bei ihren K-Kiosks. Mueller sitzt im Leadership-Team von Femsa, wo es um strategische Fragen geht. Auf diesen Posten wird Roger Vogt nach dem Abgang von Mueller Anfang November nachrücken.

Michael Mueller hat seinen Entscheid für das Ende seiner Valora-Ära sorgfältig geplant. «Der Zeitpunkt für einen Wechsel an der Spitze ist für Valora genau richtig», sagt er. Anfang Juni führte er die beiden B2C-Sparten Retail und Foodservice zusammen. «Dank der neuen Struktur ist das Unternehmen gut aufgestellt, um seine Marktposition im Bereich Foodvenience weiter auszubauen», so Mueller.

Wohin es den Retailmanager als Nächstes zieht, ist noch nicht ganz spruchreif. Er werde sich bestimmt nicht auf Verwaltungsmandate beschränken, sagt er: «Ich habe Lust und die Energie, etwas Neues anzupacken.»

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