Interview mit dem Swiss-CEO
Geht Ihnen der Sprit aus, Herr Fehlinger?

Ein Gespräch mit dem Swiss-Chef über steigende Ticket-Preise, Ärger mit Piloten – und Probleme in Deutschland.
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Jens Fehlinger ist CEO der Fluggesellschaft Swiss.
Foto: Daniel Winkler / 13 Photo
Raphael Rauch, Ringier
Raphael RauchBundeshausredaktor

Auf dem ersten Swiss-Flug in die indische Metropole Bengaluru gibt Swiss-CEO Jens Fehlinger (45) Blick ein Interview. Das frühere Bangalore ist das Tech-Zentrum des Subkontinents: Hier werden iPhones produziert, die dann mit Swiss-Maschinen in die Schweiz kommen. Der Hinflug ist fast ausgebucht, die meisten Passagiere fliegen von Toronto (Kanada) über Zürich nach Indien. Das riesige Land freut sich auf den wichtigsten hinduistischen Feiertag: Bald beginnt das Lichterfest Diwali. Entsprechend leer ist der Rückflug: First und Business sind voll, in der Holzklasse ist nur jeder fünfte Platz belegt.

Herr Fehlinger, sogar in Indien ist «Heidi» bekannt und beliebt. In Johanna Spyris Roman wird die Schweiz verklärt – Frankfurt hingegen kommt schlecht weg.

Jens Fehlinger: Und?

Die Swiss gehört der Lufthansa-Gruppe, die Konzernzentrale ist in Frankfurt. Weniger Vorgaben von dort – und die Swiss könnte sich freier entwickeln.

Ich würde die Airline-Industrie nicht mit Heidi erklären, ich würde auch die Banken nicht mit Wilhelm Tell erklären. Wir können gerne über Frankfurter Würstchen und Zürcher Geschnetzeltes diskutieren, aber über eine Airline sagt Spyris Roman nun wirklich nicht viel aus.

Dann erklären Sie mir bitte, weshalb die Swiss sparen muss, obwohl Zürich profitabel ist und Frankfurt seine Hausaufgaben nicht macht.

Das stimmt so nicht, alle Airlines der Lufthansa-Gruppe machen ihre Hausaufgaben, aber die sind nicht von heute auf morgen gelöst. Auch die Swiss muss wieder profitabler werden. Schon vor dem Krieg im Nahen Osten haben wir ein Sparziel von 10 Prozent eingeleitet, weil unsere Kosten kontinuierlich gestiegen sind. Die Erlöse stagnierten – und meine Verantwortung als CEO ist es, das Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Persönlich: Jens Fehlinger (45) stammt aus der Nähe von Frankfurt (D) und ist seit zwei Jahren CEO der Swiss. Seine Karriere im Lufthansa-Konzern begann er als Pilot, wechselte später ins Management und leitete während der Corona-Pandemie den Krisenstab der Lufthansa. Fehlinger ist verheiratet und hat neunjährige Zwillingstöchter.

Für Swiss-Passagiere ist das unbefriedigend: Die Swiss zahlt Frankfurt Entwicklungshilfe, hinkt aber bei der Kabinenausstattung oder beim Internet an Bord hinterher.

Diese Sicht greift zu kurz. Sie unterstellt, dass die Lufthansa-Gruppe auf Kosten von Swiss in andere Airlines investiert. Das ist nicht der Fall. Auch die Swiss profitiert von Investitionen, etwa in neue Flugzeuge, ein neues Kabinenprodukt und moderne Technologien.

Die kommen aber später als bei der Lufthansa!

Innerhalb der Gruppe geht es nicht darum, welche Airline zuerst zum Zug kommt. Wir stimmen Investitionen so aufeinander ab, dass sie für die gesamte Gruppe und die einzelnen Airlines den grössten Nutzen bringen.

Trumps Krieg gegen den Iran hat das Jahr 2026 durcheinandergewirbelt. Kürzlich musste die Schweiz sogar das Pflichtlager für Kerosin anzapfen. Geht Ihnen der Sprit aus?

Nein, wir hatten und haben kein Versorgungsproblem. Die Herkunft des Öls ist breit diversifiziert – es kommt zum Teil aus Norwegen, Nigeria und den USA. Stand heute haben wir Planungssicherheit bis ins nächste Jahr hinein.

Wird das Fliegen wegen des Ölpreises teurer?

Sagen wir es so: Fliegen wird dadurch nicht günstiger. Die Ticketpreise hängen allerdings viel stärker von Angebot und Nachfrage ab als vom Ölpreis. Wo viele Menschen hinfliegen möchten und die verfügbaren Plätze knapp sind, steigen die Preise. Der hohe Ölpreis belastet aber unsere Bilanz seit Ausbruch des Konflikts erheblich. Wir sichern uns deshalb rund ein Jahr im Voraus gegen steigende Treibstoffpreise ab. Zugleich tun wir alles, um effizienter zu werden und die höheren Treibstoffkosten abzufedern.

Planen Sie Entlassungen?

Wir hatten in den vergangenen Jahren in der Administration zusätzliche Stellen geschaffen. Angesichts der steigenden Kosten und eines zunehmend volatilen Umfelds müssen wir das nun etwas bremsen und unsere Strukturen effizienter aufstellen. Unser Ziel ist es, die Zahl der administrativen Stellen um rund zehn Prozent zu reduzieren. Entlassungen planen wir nicht. Es gilt weiterhin ein Einstellungsstopp, mit Ausnahmen für Piloten und Flight Attendants. Ich bin zuversichtlich, dass wir unser Ziel mit freiwilligen Massnahmen und natürlicher Fluktuation erreichen können.

Sie haben im Frühling Flugbegleiter ermutigt, zu kündigen – und dafür 15’000 Franken Prämie pro Kopf bezahlt. Nun müssen Sie wieder neue Flugbegleiter einstellen. So eine Personalplanung ist doch nicht nachhaltig!

Wir hatten zeitweise mehr Flight Attendants, als wir aufgrund der angespannten Pilotensituation tatsächlich einsetzen konnten. Es wäre weder wirtschaftlich sinnvoll noch im Interesse unserer Mitarbeitenden gewesen, diese Situation über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Deshalb haben wir die Zahl der Stellen über die freiwilligen Abgänge reduziert. Gleichzeitig wussten wir immer, dass wir wieder mehr fliegen und dafür auch mehr Kolleginnen und Kollegen in der Kabine brauchen werden. Deshalb bilden wir erneut aus und werden im kommenden Jahr auch wieder verstärkt einstellen. Ob jede Massnahme hundertprozentig sinnvoll war, darüber können wir uns in einem Jahr unterhalten.

Die Lufthansa-Gruppe hat gerade erst die italienische ITA gekauft, nun kommt für 1,2 Milliarden Euro die portugiesische TAP dazu. Die Schweiz hat mit der «Hunter»-Strategie der Swissair katastrophale Erfahrungen gemacht.

Wir haben heute eine völlig andere Ausgangslage als damals bei der Swissair. Die weltweite Konsolidierung bei den Airlines schreitet voran. Es gibt kaum eine mittlere Airline, die es schafft, ohne Gruppenverbund zu überleben. Die TAP passt zu uns. Sie erschliesst Verkehrsströme Richtung Südatlantik und Brasilien, wo wir bislang schwach sind. Das bringt uns völlig neue Anbindungen. Lissabon ergänzt unsere mitteleuropäischen Drehkreuze ideal.

Flüge nach Portugal mit der TAP sind bislang günstiger als Swiss-Tickets. Weniger Konkurrenz bedeutet höhere Preise …

Wir setzen Ticketpreise nicht willkürlich fest. Es ist ein Zusammenspiel aus Angebot und Nachfrage. Fakt ist: Fliegen ist spürbar teurer geworden, weil alle Kosten steigen – vom Kerosin bis zum Personal.

Aktuell bereiten Ihnen die Piloten Kopfzerbrechen. Der GAV läuft Ende Jahr aus, es gibt keine Einigung. Wie geht es weiter?

Es liegt in der Natur intensiver Verhandlungen, dass sie auch mal länger dauern. Unsere Piloten fordern bessere Planbarkeit ihrer Freizeit. Das verstehe ich gut. Wir haben der Gewerkschaft ein Angebot unterbreitet, das konkrete Verbesserungen vorsieht. Gleichzeitig brauchen wir als Airline mehr Flexibilität, um in einem zunehmend volatilen Umfeld bestehen zu können. Da brauchen wir einen Kompromiss. Heute beschäftigen wir etwa gleich viele Piloten wie vor Corona, sie fliegen aber weniger. Das müssen wir ändern.

Bevor Sie zur Swiss kamen, bauten Sie die Lufthansa City Airlines auf. Sie haben den Ruf eines Managers, der die Arbeitsbedingungen drückt.

Wir haben die City Airlines gegründet, um Verbindungen und Arbeitsplätze zu sichern – sie wären sonst an billigere Konkurrenten verloren gegangen. Deutschland ist ein warnendes Beispiel dafür, was geschieht, wenn Veränderungen blockiert werden. Bestimmte Regionen in Deutschland sind nicht mehr ans weltweite Netz der Lufthansa-Gruppe angebunden, weil alles zu teuer wurde. Bei der Swiss ist die Ausgangslage anders – trotzdem müssen wir uns alle bewegen.

Was tun Sie, wenn Ihre Piloten mit Streik drohen?

Ein Streik wäre für niemanden gut. Nicht für unsere Gäste, nicht für unsere Pilotinnen und Piloten und auch nicht für die vielen anderen Mitarbeitenden. Deshalb wollen wir eine Lösung am Verhandlungstisch finden. Wir tragen aber auch die Verantwortung dafür, dass Swiss wirtschaftlich zukunftsfähig bleibt und unser Flugbetrieb möglichst zuverlässig weiterläuft. Wir sind offen für eine externe Moderation oder Mediation, wenn uns das einer gemeinsamen Lösung näherbringt.

In Frankfurt sind die Fronten zwischen Management und Gewerkschaften verhärtet, da ist auch mal von «Krieg» die Rede. Wie erleben Sie die Stimmung in Zürich?

Definitiv nicht als Krieg. Ich nehme den klaren Willen wahr, tragfähige Lösungen zu finden. Wir verhandeln professionell und in der Sache hart, aber im Ton respektvoll und fair.

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