Darum gehts
- Lidl führt KI-Waagen nun breit in Schweizer Filialen ein
- Die Waagen erkennen Früchte, haben jedoch Mühe mit speziellen Verpackungen
- Pro Woche kommen schweizweit 10 weitere Filialen mit KI-Waagen hinzu
Eine Waage, die nicht nur wiegt, sondern auch weiss, was darauf liegt? Klingt wie Science-Fiction, ist aber bei Lidl seit neustem Wirklichkeit. Der Discounter lancierte Mitte April die Superwaagen, als erster und bis heute einziger Lebensmittel-Detailhändler in der Schweiz. Im Gespräch mit Blick kündigt das Unternehmen an, nun alle seine 200 Filialen mit den neuen KI-gestützten Waagen des US-Konzerns Mettler Toledo auszurüsten.
Schon an 30 Standorten sind sie im Einsatz. Im Wochentakt kommen schweizweit zehn Filialen hinzu, so Lidl. Als Nächstes an der Reihe sind Wädenswil ZH und Visp VS. Der Clou der Superwaage: Sie erkennt alle unverpackten Früchte und Gemüse, die nicht nach Stückzahlen abgerechnet werden. Niemand muss sich am Gestell mehr eine Nummer für die Waage merken.
Wie gut die Superwaage funktioniert
Blick hat die KI-Waage in der Lidl-Filiale in Bremgarten AG getestet. Die Bedienung ist kinderleicht:
- Das Gemüse oder die Frucht auf die Waage legen.
- Die Kamera scannt die Ware und macht einen oder mehrere Vorschläge.
- Richtigen Vorschlag anklicken.
- Verpackungsvariante auswählen.
- Etikett aufkleben.
Die Versuche von Blick zeigen: Die Kamera an der Waage erkennt zuverlässig, was auf der Waagschale liegt – egal, ob Fenchel, Rüebli, Bananen, Aprikosen, Gurken oder Zucchetti. Dabei kommt es vor, dass die KI mehrere Vorschläge macht, um welches Produkt es sich handelt. Der wahrscheinlichste Vorschlag erscheint dann ganz links. Die Waage lernt ständig dazu, was Kundinnen und Kunden anklicken. Und verbessert so die Trefferquote. Die Produkte können unverpackt, im Plastiksack oder im Lidl-Mehrwegbeutel auf die Waage gelegt werden.
Womit das Gerät dagegen Mühe hat, sind andere Verpackungen. Eine Kundin versucht es mit einem mitgebrachten Stoffnetz, doch das verunmöglicht die Erkennung. Die KI schlägt nur falsche Produkte vor. In einem solchen Fall kann man auch wie gewohnt das Produkt manuell aus einer Liste auswählen.
Bei den Aprikosen schlägt die Waage zusätzlich Pfirsiche und Orangen vor. «Weil die Orangen zurzeit eher klein sind», erklärt ein Angestellter. Liegen zwei Produkte auf der Waage – etwa Gurken und Zucchetti – erkennt die Waage beides. Eine Warnung, dass zwei verschiedene Produkte darauf liegen, gibt es nicht. Schummeln ist also nach wie vor möglich – auch ohne Nümmerli-Eingabe.
Was die Waage nicht kann: Bio- und Fairtrade-Produkte unterscheiden. Da braucht es dann die manuelle Auswahl. Beim Kauf von Bananen erkennt die Waage die Frucht. Klickt man auf das Bananen-Symbol, kommt man zum Sortiment. Der Kunde muss dann selbst angeben, ob er sich für Bio entschieden hat oder nicht.
Wer das Angebot nutzt
Was beim Besuch von Blick in der Lidl-Filiale auffällt: Bislang nutzen nur wenige Kunden die neue Waage in der Abteilung. Denn die Mitarbeitenden an der Kasse wägen die Früchte und Gemüse nach wie vor für die Kundschaft. Das ist bei Lidl üblich. Ein eingefleischter Kunde dürfte der Waage also keine Beachtung schenken.
Die neuen KI-Waagen wurden speziell für Scan&Go-Kunden eingeführt, die ihre Einkäufe per App auf dem Handy scannen und bezahlen können, begründet der Discounter. Aber auch wer an der Kasse bezahlt, kann die Waage nutzen: Das spart den Angestellten etwas Zeit beim Scannen.
Kundin Alessia M.* (34) ist zum zweiten Mal mit Scan&Go unterwegs – und nutzt deshalb auch die Superwaage. «Beim ersten Mal hat es nicht geklappt, aber dann habe ich es mir von einer Mitarbeiterin erklären lassen», so M. zu Blick. Bei ihrem zweiten Besuch funktionierts. «Es ist sehr einfach, und ich werde es jetzt sicher regelmässig nutzen», so die Kundin aus Rottenschwil AG.
Bald auch am Self-Check-out
Ab Herbst kommt die Technologie von Mettler Toledo auch bei den Self-Check-out-Kassen zum Einsatz. Aktuell muss die Kundschaft die Produkte noch manuell aus der Liste auswählen. Beim Self-Check-out wird die KI-Erkennung dann auch für Produkte wie Zitronen, die in Stückzahl abgerechnet werden, funktionieren.
An der Self-Check-out-Kasse filmt die Kamera nicht nur Waagschale und Produkte, sondern auch die Kundin. In Zukunft soll die Kamera auch bei der Alterserkennung beim Alkoholverkauf helfen. Datenschutztechnisch werden die Aufnahmen am Kassenbereich gleich gehandhabt, wie die übrige Videoüberwachung in den Filialen, teilt Lidl mit. Die Aufnahmen werden alle 24 bis 72 Stunden gelöscht.
Im Ausland kommen solche Waagen mit KI-Erkennung bereits häufig zum Einsatz. Nicht so in der Schweiz.
Bei Migros und Coop ist eine Einführung derzeit kein Thema, heisst es auf Anfrage. Bei den Discountern Aldi und Denner übernimmt wie bei Lidl das Personal an der Kasse das Wägen. Im Self-Check-out von Aldi müssen die Kunden die Produkte zudem selbst anwählen. Eine Sprecherin: «Die technologische Entwicklung der KI-Waagen beobachten wir mit grossem Interesse.»
* Name geändert