Darum gehts
In zahlreichen europäischen Ferienregionen wüten diesen Sommer Waldbrände. Besonders schwer betroffen sind Frankreich, Spanien und Portugal. Aber auch in Griechenland und den Niederlanden mussten zuletzt Feuer bekämpft werden. Tausende Hektaren Land sind bereits verbrannt, Menschen mussten ihre Häuser verlassen, vielerorts wurden auch Touristinnen und Touristen evakuiert.
Mitten in der Hauptreisezeit sorgen die Bilder für Verunsicherung. Viele Feriengäste fragen sich: Ist meine Destination betroffen? Und: Kann ich die Reise kostenlos stornieren oder umbuchen?
Waldbrände, Hitzewellen, Wasserknappheit
Schweizer Reiseveranstalter und Reiseversicherer berichten gegenüber SonntagsBlick übereinstimmend von einem deutlich höheren Informationsbedarf. Reisende möchten wissen, ob ihre Ferien wie geplant stattfinden können, welche Einschränkungen vor Ort gelten und welche Leistungen ihre Reiseversicherung übernimmt. Eine Stornierungswelle bleibt bislang jedoch aus.
«Naturereignisse wie Waldbrände, Hitzewellen oder Wasserknappheit beschäftigen Reisende zunehmend», so Janine Zimmerli, Mediensprecherin von Dertour. Besonders gefragt seien Auskünfte über die aktuelle Situation vor Ort. Auch Tui beobachtet, dass sich Kundinnen und Kunden intensiver informieren, sich von den Schlagzeilen aber nur selten von einer Buchung abhalten lassen. Die Nachfrage nach klassischen Badeferien bleibe hoch.
Mehr Anfragen
Auch die Reiseversicherer spüren die Folgen der Wetterextreme. Allerdings zeigt sich ein differenziertes Bild.
Die Axa verzeichnet aufgrund der Waldbrände einige wenige Schadenfälle. Betroffen waren vor allem Reisende, die ihre Ferien vor der Abreise annullieren mussten, weil ihre Destination von Waldbränden betroffen war. Nur vereinzelt mussten Kundinnen und Kunden bereits angetretene Reisen abbrechen. Bei der Mobiliar sind in den vergangenen Wochen vermehrt Anfragen eingegangen. Insbesondere Annullationen von Reisen innerhalb Europas im Zusammenhang mit Waldbränden hätten zugenommen. Reiseabbrüche blieben hingegen selten. Dagegen registriert die CSS derzeit keine spürbare Zunahme von Schadenmeldungen, sondern hauptsächlich Fragen zum Versicherungsschutz.
Der TCS ordnet die Entwicklung ein: Naturkatastrophen wie Brände oder Überschwemmungen nähmen zwar zu und führten in Spitzenzeiten zu zusätzlichem Aufwand. Über das gesamte Jahr betrachtet seien medizinische Notfälle jedoch weiterhin der häufigste Grund für Reiseabbrüche oder -verschiebungen.
Nicht jede Hitzewelle oder jeder Waldbrand berechtigt automatisch zu einer kostenlosen Annullation. Die Versicherungen leisten grundsätzlich dann, wenn eine konkrete Gefährdung besteht – etwa bei Evakuierungen, unbewohnbaren Unterkünften, geschlossenen Flughäfen oder wenn Behörden offiziell von Reisen abraten. Wer seine Ferien lediglich aus Sorge vor hohen Temperaturen oder möglichen Waldbränden absagt, erhält in der Regel keine Entschädigung.
Mittelmeer bleibt beliebt
Trotz extremer Temperaturen und Waldbrände bleiben die klassischen Ferienregionen am Mittelmeer bei Schweizerinnen und Schweizern die beliebtesten Reiseziele. Bei Dertour sind Spanien, Italien, Portugal und Griechenland besonders gefragt. Gleichzeitig gewinnen Länder wie Albanien, Montenegro oder Bulgarien an Beliebtheit.
Auch Tui meldet unverändert hohe Buchungszahlen für Spanien, die Türkei, Ägypten und Griechenland. Letzteres sei trotz der Berichterstattung über Waldbrände bei Schweizer Touristen besonders hoch im Kurs und dürfte die Ergebnisse des Vorjahrs übertreffen. «Der Wunsch nach Ferien in sonnigen Destinationen ist ungebrochen», schreibt der Reiseveranstalter.
Kühlere Reiseziele holen auf
Parallel dazu gewinnt ein anderer Trend an Bedeutung: sogenannte «Coolcations», also Ferien in Regionen mit gemässigteren Temperaturen. Globetrotter beobachtet diesen Sommer eine nochmals gestiegene Nachfrage nach Skandinavien. Gleichzeitig entscheiden sich manche Reisende derzeit eher für den Norden als für die USA.
Dertour bestätigt die Entwicklung. Rund 14 Prozent aller Sommerbuchungen entfallen inzwischen auf kühlere Destinationen wie Norwegen, Schweden, Island, Schottland oder Kanada. Über die vergangenen fünf Jahre sei die Nachfrage nach diesen Destinationen um rund 21 Prozent gestiegen. Dennoch verdrängten diese Reiseziele die klassischen Badeferien am Mittelmeer nicht. Tui spricht nicht von einem Trend. Laut dem Reiseanbieter werden aber Kreuzfahrten in der Nord- und Ostsee immer beliebter.
Berge statt Städte
Von den hohen Temperaturen profitiert teilweise auch die Schweiz. Aus einer Umfrage von Schweiz Tourismus bei Feriendestinationen geht hervor, dass insbesondere Schweizer sowie Gäste aus Europa Abkühlung in den Bergen oder an Gewässern suchen.
Anders sieht es in Städten und im Flachland aus: Aufgrund der hohen Temperaturen sind etwa kulturelle Sehenswürdigkeiten zurzeit weniger beliebt.
Ferien werden flexibler
Für die Branche ist klar, dass Hitzewellen und andere Klimaextreme den Tourismus langfristig verändern werden. Reiseveranstalter erwarten eine stärkere Verlagerung in die Vor- und Nachsaison, mehr Nachfrage nach flexiblen Umbuchungsmöglichkeiten und einen wachsenden Beratungsbedarf. Auch die Versicherer rechnen damit, dass Extremwetter künftig häufiger zu Schadenfällen und Kundenanfragen führen wird.
An der Reiselust selbst zweifelt jedoch kaum jemand. Statt ganz auf Ferien zu verzichten, passen Reisende ihre Pläne zunehmend den klimatischen Bedingungen an – sei es mit einer flexibleren Buchung, einer Reise ausserhalb der Hochsaison oder einem etwas kühleren Ferienziel.