Nur Luxusgeschäft läuft noch
Sinkender Absatz, wegfallende Stellen – Schweizer Uhrenindustrie schlägt Alarm

Mehrere Schweizer Uhrenmarken sind in Schwierigkeiten – darunter Zenith, Breitling, Chopard und Montblanc. Kurzarbeit ist angeordnet, Arbeitsplätze in Gefahr. Währenddessen wächst die Nachfrage nach Luxusuhren.
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Luxusuhren für über 3000 Franken verzeichnen ein Wachstum, während sich die Verkäufe billigerer Uhren halbiert haben.
Foto: AFP

Darum gehts

  • Die Schweizer Uhrenexporte steigen 2026 um 2,7 Prozent, doch Zenith, Breitling, Chopard und Montblanc fahren ihre Aktivitäten zurück und bauen teilweise Stellen ab
  • Innerhalb von zehn Jahren sind die Verkäufe von Schweizer Uhren für unter 500 Franken eingebrochen; jene unter 200 Franken gingen von 20 auf 10 Millionen Stück zurück, während das Luxussegment wächst
  • Rolex, 2025 auf einen Umsatz von 11 Milliarden Franken geschätzt, treibt die Branche an, während die chinesische Nachfrage nachlässt und den Zulieferern im Jura die Aufträge fehlen
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Myret Zaki

Auf den ersten Blick entwickeln sich die Schweizer Uhrenexporte in diesem Jahr recht gut. Gerade im Vergleich zu 2025. Zwischen Januar und September 2026 stieg der Umsatz der Branche um 2,7 Prozent, teilt der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie mit. Hinter diesen positiven Zahlen, die von den sehr hochpreisigen Marken getragen werden, verbergen sich jedoch grosse Schwierigkeiten für zahlreiche andere Marken, berichten Branchenprofis.

Die Schweizer Uhrenbranche ist eigentlich sehr verschwiegen. Doch Kenner brechen das Schweigen – und schlagen Alarm. «Während einige weiterhin den Traum einer triumphierenden Schweizer Uhrenindustrie verkaufen, ist die Realität vor Ort deutlich brutaler», schreibt der Walliser Juwelier Patrick Saegesser auf seinem Linkedin-Konto.

Der Luxusunternehmer, der seit mehr als 30 Jahren in der Branche tätig ist, besitzt ein Geschäft in Crans-Montana VS. Auf Anfrage von Blick erwähnt er die 100 gefährdeten Arbeitsplätze bei Zenith, also mehr als die Hälfte der Belegschaft. Aber auch den Personalabbau bei Breitling, Chopard, Montblanc und anderen Uhrenherstellern. Im mittleren Segment können sich nur wenige Marken, etwa Longines, behaupten – mit Preisen zwischen 1500 und 3500 Franken.

Modelle unter 500 Franken haben es schwer

Der klare Trend, der sich in den vergangenen zehn Jahren abzeichnet: Nur die luxuriösesten Uhrenmodelle für mehr als 3000 Franken verkaufen sich gut. Wachstum verzeichnen insbesondere Rolex, Patek Philippe, Audemars Piguet und Richard Mille. Die Absätze von Uhren, die einige hundert Franken kosten, stagnieren seit 2015 oder befinden sich sogar im Rückgang.

«In zehn Jahren sind die Segmente unter 500 Franken eingebrochen, unter dem Einfluss der Konkurrenz durch Smartphones, Smartwatches und weiterhin leistungsfähige japanische Marken wie Casio und Seiko», analysiert Nicolas Rossé, Uhrenberater und ehemaliger Journalist. «Der Verkauf von Uhren unter 200 Franken, ein Segment, in dem sich Swatch befindet, ist innerhalb von zehn Jahren von 20 auf 10 Millionen Stück zurückgegangen. Das ist ein enormer Einbruch. Auch das Segment von 300 bis 500 Franken ist um 50 Prozent gesunken.»

Laut dem Branchenkenner hat sich der Durchschnittspreis einer exportierten Schweizer Uhr in zehn Jahren mehr als verdoppelt – von rund 720 Franken im Jahr 2015 auf aktuell über 1670 Franken. «Ein Trend ohne Zukunft», meint Nicolas Rossé. «Mit einigen Luxusuhren im Millionenwert hält man keine Fabriken am Laufen.»

Juwelier und Händler Patrick Saegesser vertreibt die Marken Raymond Weil, Nivada Grenchen und Cornavin in der ganzen Schweiz. Er berichtet, dass der Multimarken-Händler Kirchhofer in Luzern und Interlaken seit März ebenfalls von Kurzarbeit betroffen sein soll.

Rolex übertrifft die 16 Swatch-Marken

Für Nicolas Rossé ist der Absatzeinbruch bei günstigeren Uhren zu einem grossen Teil auf die Schwäche von Swatch zurückzuführen. Dies bestätigt Oliver R. Müller, Uhrenberater und Leiter von Luxeconsult sowie Mitautor des jährlichen Berichts über die Schweizer Uhrenbranche mit der US-Bank Morgan Stanley.

«Swatch erlebte dank der Zusammenarbeit mit Omega im Jahr 2022 einen spektakulären kommerziellen Aufschwung und versuchte, diesen Erfolg 2026 mit Audemars Piguet zu wiederholen», sagt Müller zu Blick. «Bei den Verkaufszahlen von Swatch-Uhren liegen wir jedoch weit, sehr weit von den Mengen der 1990er-Jahre entfernt. Bei den Stückzahlen sind wir von 15 Millionen vor 20 Jahren auf heute 4 Millionen gesunken.»

Es sind also die teuren Luxus-Zeitmesser, die die Schweizer Uhrenindustrie antreiben. «Ein sehr starker Trend, den wir seit zehn Jahren beobachten», stellt Nicolas Rossé fest. Ein wichtiger Akteur trägt die Branche besonders: Rolex.

Der letztjährige Umsatz von Rolex betrug laut dem jüngsten Bericht von Morgan Stanley Luxeconsult schätzungsweise 11 Milliarden Franken. Damit ist er deutlich höher als die 6,3 Milliarden, die die Swatch-Gruppe mit ihren 16 Uhrenmarken 2025 umgesetzt hat. «Rolex ist das unsinkbare Passagierschiff, das weltweit Zulieferer und zahlreiche Detailhändler am Leben hält», fasst Nicolas Rossé zusammen.

Leere Fabrikparkplätze im Jura

Das macht die Branche anfällig. Laut Patrick Saegesser ist die Situation der Zulieferer, Komponentenhersteller, Fertigungsbetriebe und Lieferanten derzeit alarmierend. «Auftragsbücher leeren sich, Maschinen stehen still, Fabrikparkplätze bei Lieferanten im Jura sind leer», berichtet er.

«Hinter diesen leeren Parkplätzen», fährt der Walliser Juwelier fort, «stehen Arbeitsplätze, Familien, Fachwissen und manchmal ganze Generationen von industriellen Kompetenzen.» Luxus, betont er, beschränke sich nicht auf einige funkelnde Schaufenster an den Einkaufsmeilen in Zürich oder Genf. «Der hiesige Luxusmarkt baut auf Hunderten von KMU, Handwerker, Selbständigen und Tausenden von Mitarbeitenden, die unsere Regionen am Leben halten. Man muss aufhören, die gute Gesundheit einiger Giganten mit jener einer ganzen Industrie zu verwechseln!», sagt Saegesser, der dafür bekannt ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Die Schweizer Uhrenbranche steht tatsächlich im Gegenwind: Geopolitische Einschränkungen für Touristen, eine rückläufige chinesische Nachfrage, hohe Lagerbestände und die Stärke des Frankens führen zu einem Rückgang der Verkäufe. Dadurch nehmen gleichzeitig auch die Bestellungen bei den Zulieferern ab, was diese nun spüren.

Schwache chinesische Nachfrage hat grosse Auswirkungen

Zwischen 2020 und 2022 überholten die USA Hongkong und China und wurden zum wichtigsten Markt für Schweizer Uhren. Der Abstand zwischen den Vereinigten Staaten und diesen beiden wichtigen asiatischen Märkten, die für die Schweiz bis dahin unverzichtbar waren, wächst jedes Jahr. Auf dem Höhepunkt machten Hongkong und China beinahe ein Drittel der gesamten Schweizer Uhrenverkäufe aus.

Exportzahlen für Schweizer Uhren: Links zeigt den Anteils Chinas, rechts den der USA.
Foto: Morgan Stanley

«Die Asiaten kommen nicht mehr zu uns», sagt Patrick Saegesser, «weil sie an den Drehkreuzen im Nahen Osten umsteigen müssen und Angst haben.» Und während Corona seien sie in China eingeschlossen gewesen. «Seither werden Visa nur noch schwer erteilt. Ausserdem unterliegen sie einer Luxusmehrwertsteuer von bis zu 100 Prozent», ergänzt der Juwelier.

Oliver R. Müller stellt seinerseits fest, dass «70 Prozent der Ersparnisse der Chinesen in lokalen Immobilien liegen, die derzeit eine schwierige Phase durchlaufen». Er warnt: «Wir werden die chinesische Nachfrage von vor Covid nie wieder zurückgewinnen.» Zudem würden chinesische Luxusmarken auf den lokalen Markt drängen und damit den hiesigen Marken vermehrt Konkurrenz machen.

Patrick Saegesser fordert die Führungskräfte der Branche, die Dachverbände und die politischen Verantwortlichen auf, «der Realität ins Auge zu sehen und offen über die Schwierigkeiten der Branche zu sprechen, anstatt die Fassade retten zu wollen». Sein Fazit: «Swiss Made verteidigt man nicht mit Worten. Man verteidigt es mit Aufträgen, Investitionen und Arbeitsplätzen in der Schweiz!»

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