Ressourcen-Imperialismus
Wie gross das Potenzial der Erdölreserven in Venezuela ist

Bei Trumps Anspruch auf das Erdöl von Venezuela dominiert das geopolitische Kalkül die Gewinnchancen.
Kommentieren
US-Aussenminister Marco Rubio spricht an der Pressekonferenz von Donald Trump (2.v.l.), unmittelbar nach der Militäraktion in Venezuela.
Foto: AFP

Darum gehts

Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
markus_diem_meier_4.jpg
Markus Diem Meier
Handelszeitung

Eben noch schien Öl als Energieressource der Vergangenheit anzugehören. Die Zukunft schien nachhaltigen Energieträgern zu gehören, denn das erfordert der Klimawandel. Doch seit dem Vorgehen von Donald Trump in Venezuela haben wir gelernt: Erdöl hat seine strategische Bedeutung nicht im Geringsten eingebüsst. Als US-Truppen den dortigen Diktator Nicolás Maduro entführten, ging es zwar oberflächlich um die Befreiung des Landes von einem Despoten und um dessen Verwicklung ins Drogengeschäft, wofür er in den USA vor Gericht gestellt wurde. Doch unmittelbar nach der Aktion hat Trump deutlich gemacht: Ihm geht es vor allem um die Ölvorräte von Venezuela.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

Von einer Rückkehr zur Demokratie war keine Rede. Im Gegenteil: Über María Corina Machado, die Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin, sagte Trump, ihr fehle der nötige Rückhalt und Respekt in der Bevölkerung. Dabei hat ihre Bewegung 2024 die Wahlen gewonnen, die dann Maduro gestohlen hat. Stattdessen setzt Trump auf Maduros Vizepräsidentin und Ölministerin Delcy Rodríguez und damit weiterhin auf das alte Regime. Die nach der Verhaftung von Maduro zur Präsidentin vereidigte Rodríguez war eine enge Vertraute des Diktators; ihr war auch der für seine Foltermethoden berüchtigte Geheimdienst Sebin unterstellt.

Trump setzt in Venezuela auf Delcy Rodríguez, eine zentrale Figur der Maduro-Junta und neu Präsidentin des Landes.
Foto: Imago

Solange Rodríguez Trumps Wünsche in Sachen Erdöl erfüllt, sind diese Sachverhalte dem US-Präsidenten egal. Er will Venezuela auf unbestimmte Zeit selbst führen, wie er gleich nach dem Angriff seiner Truppen einer verblüfften Journalistenschar erklärte. Faktisch will er das über Druck auf die Regierung Rodríguez tun. Ein Mittel, um die US-Interessen durchzusetzen, ist der vorerst weiterhin anhaltende Boykott von Erdölverkäufen durch Venezuela. Dazu kommt eine viel direktere Drohung: Widersetze sich die Junta seinen Wünschen, werde ihr Schlimmeres widerfahren als Maduro, so Trump wörtlich.

Weiterhin Energieträger Nummer eins

Die Episode führt der Öffentlichkeit eine Realität vor Augen, die an den Märkten nie bestritten war: Erdöl dominiert nach wie vor die weltweite Energieproduktion, sein Anteil liegt bei rund einem Drittel. Im Jahr 1973, während der Ölkrise, hatte dieser Anteil mit 50 Prozent den Höhepunkt erreicht. Der Anteil der erneuerbaren Energien dagegen entspricht mit 14 Prozent nicht einmal der Hälfte des Marktanteils von Erdöl. Das fossile Zeitalter ist noch lange nicht vorbei.

Foto: Handelszeitung

Venezuela hat in diesem Zusammenhang auf den ersten Blick eine enorme Bedeutung. Das Land verfügt gemäss Schätzungen mit rund 300 Milliarden Fass (ein Fass entspricht rund 159 Liter) über die grössten Erdölreserven der Welt. Das zweitplatzierte Saudi-Arabien kommt auf Reserven von 298 Milliarden Fass. Mit der Kontrolle über die gigantischen Erdölreserven von Venezuela würde die Supermacht USA ihre starke Rolle beim Öl massiv weiter ausbauen. Bei der Erdölförderung sind die USA schon jetzt mit rund einem Fünftel der Weltproduktion führend und bei den Reserven an neunter Stelle.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.

Doch die Förderkapazität von Venezuela steht im umgekehrten Verhältnis zu seiner Spitzenposition bei den Reserven: Der Anteil des Landes an der weltweiten Produktion liegt bei weniger als 1 Prozent und damit hinter allen wichtigen Erdölförderern der Welt. Während die USA 20’100 Fass pro Tag fördern, sind es in Venezuela weniger als 1000 Fass pro Tag. Das erklärt auch, weshalb sich die jüngsten Entwicklungen nicht auf den Erdölpreis auswirken.

Foto: Handelszeitung

Zu bedeutungslos, um die Ölpreise zu bewegen

«Der Ausstoss von Venezuela ist schlicht zu bedeutungslos, um den Preis zu bewegen», erklärt Jorge Ruiz del Vizo, Präsident des Genfer Energie-Forums und CEO der Black Tree Energy Group. Der schweizerisch-venezolanische Doppelbürger war einst selbst im dortigen Ölgeschäft tätig. Er gehörte zu jenem Fünftel der gesamten venezolanischen Bevölkerung, das ab Mitte der 2010er-Jahre das Land verlassen hat – darunter viele Expertinnen und Experten aus dem Ölgeschäft.

Dieser Exodus ist mit ein Grund für die geringe Ausbeute der Erdölreserven von Venezuela. Ein zweiter ist die Infrastruktur, die Diktator Maduro verlottern liess. Ein dritter Grund sind die Kosten der Nutzbarmachung des grössten Teils des venezolanischen Erdöls. Das gilt vor allem für das Erdöl aus dem Orinoco-Gebiet. Es auf den Markt zu bringen, kostet rund 80 Dollar pro Fass, was deutlich über dem aktuellen Erdölpreis von rund 60 Dollar pro Fass liegt. Die Kosten ergeben sich laut Ruiz del Vizo vor allem daraus, dass das Orinoco-Öl besonders schwer und zähflüssig ist und nur durch die Vermischung mit anderen Erdölsorten transportiert werden kann.

Die marode Infrastruktur, die fehlenden Experten und die hohen Kosten lassen allein schon daran zweifeln, dass Trump sein Ziel, die venezolanische Erdölförderung zu alter Blüte zurückzuführen, zeitnah erreichen kann. Nach der Entdeckung der Erdölvorkommen in den 1920er-Jahren war Venezuela einst der bedeutendste Ölexporteur der Welt. Noch Ende der 1990er-Jahre hat das Land täglich rund 3500 Fass pro Tag gefördert – ein Vielfaches mehr als heute. Als weiterer Nachteil kommt aktuell das strukturelle Überangebot auf den Ölmärkten hinzu, das seit Anfang 2022 die Weltmarktpreise sinken lässt. Das wird laut Expertinnen und Experten auch in den kommenden Jahren der Fall bleiben. Das hat zum einen damit zu tun, dass das Erdöl langsam, aber stetig durch nachhaltige Energien ersetzt wird, und zum andern damit, dass angesichts effizienterer Technologien für die gleiche Leistung weniger Erdöl gebraucht wird. Ein dritter Grund ist schliesslich, dass sich die erdölreichen Länder gegenseitig durch Mehrproduktion Marktanteile abzujagen versuchen, was die Überproduktion weiter befeuert und wiederum die Preise drückt.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.

Trumps Pläne sehen vor, dass die grossen US-Ölkonzerne in Venezuela investieren und die Infrastruktur modernisieren. Das dann geförderte Öl soll nicht nur die Kosten decken: Die Konzerne, die USA und Venezuela sollen laut Trump deutlich davon profitieren. Schliesslich will Trump mit mehr gefördertem venezolanischem Erdöl die Ölpreise in den USA auf 50 Dollar senken, um dort die Lebenshaltungskosten zu verringern. Dadurch würde die teure Erdölförderung in Venezuela allerdings noch verlustreicher. Aber auch viele Ölförderer in den USA selbst – wichtige Trump-Wählerkreise – könnten ihr Geschäft nicht mehr profitabel betreiben.

Wenig Begeisterung bei den US-Ölgiganten

Die US-Ölkonzerne sind daher angesichts der drohenden Kosten von über 100 Milliarden Dollar und der Entwicklung auf dem Ölmarkt alles andere als begeistert von den Plänen ihres Präsidenten. Sie haben andernorts weit sicherere und profitablere Investitionsmöglichkeiten. Dass in Venezuela weiterhin Maduros Schergen gegen den Willen einer Mehrheit regieren, macht das Land zudem auch politisch instabil und gefährlich. Nicht zuletzt fürchten die Konzerne, dass sie in Zukunft wie schon in der Vergangenheit wieder enteignet werden könnten. Wie auch Experte Ruiz del Vizo deutlich macht, dauert es im besten Fall Jahre, bis Investitionen Früchte tragen, und bis dann kann sich die Weltlage wieder deutlich verändert haben. Und ein anderer Präsident im Weissen Haus regieren.

Als Donald Trump am 9. Januar die Chefs der grössten Erdölfirmen der USA versammelte, um mit ihnen seine Pläne für Venezuela zu besprechen, reagierten diese wenig überraschend mit Zurückhaltung. Aber nur der CEO von Exxon Mobil, Darren Woods, hat ausgesprochen, was viele denken: Venezuela sei ohne staatliche Hilfe «uninvestable», also ungeeignet für Investitionen. Er habe diese Reaktion nicht geschätzt, meint Trump später dazu; er überlege sich, Exxon Mobil aus dem Geschäft mit Venezuela auszuschliessen.

Positiver eingestellt gegenüber Trumps Plänen ist Mike Wirth, Chef des Ölkonzerns Chevron. Das liegt nicht nur an dessen engem Draht zum US-Präsidenten. Chevron ist das einzige US-Erdölunternehmen, das bereits in Venezuela mit einer Lizenz der US-Regierung tätig ist. An den Kapitalmärkten herrscht Skepsis gegenüber den US-Ölfantasien. Immerhin dürften die in der Schweiz tätigen, nicht an der Börse kotierten Rohstoffhändler Trafigura und Vitol profitieren, da sie von der Trump-Regierung eine befristete Sonderlizenz für den Transport von venezolanischen Erdölbeständen im Umfang von 30 bis 50 Millionen Fass Öl in die USA erhalten haben. Zu den Profiteuren dürften ausserdem US-Ölraffinerien gehören, die auf die Verarbeitung des schweren Orinoco-Öls spezialisiert sind.

Maduro wird in Handschellen der Öffentlichkeit vorgezeigt
0:11
Venezuelas Präsident in Haft:Maduro wird in Handschellen der Öffentlichkeit vorgezeigt

Die Donroe-Doktrin und der Ressourcen-Imperialismus

In einem Gastbeitrag im britischen «Economist» hat Ricardo Hausmann, Ökonom an der Eliteuniversität Harvard und einst Planungsminister von Venezuela, geschrieben, Venezuela könne nur mit demokratischen Institutionen wieder zu Reichtum zurückfinden, nicht aber mit Öl. Der Ölreichtum hat dem Land tatsächlich mehr geschadet als genützt. Er hat andere Wirtschaftssektoren verdrängt und die Korruption und Kleptokratie befördert. In der Geschichte des Landes hatten daran auch die US-Ölriesen ihren Anteil.

Einige Expertinnen und Experten vertreten die Ansicht, dass für Trump die grösste Bedeutung von Venezuela gar nicht im von vielen bezweifelten Gewinnpotenzial des Öls liegt, sondern dass vielmehr geopolitische Überlegungen im Vordergrund stehen. Im Zentrum steht die Kontrolle über das Land und seine Rohstoffe. Und das gilt nicht nur für Venezuela: Der US-Präsident hat bereits seinen Anspruch auf die Macht über andere Länder in Lateinamerika bis hin zu Grönland geltend gemacht.

In der neuen Sicherheitsstrategie vom November hat sich die Trump-Regierung explizit auf die kolonialistische Vergangenheit berufen, etwa auf den US-Präsidenten James Monroe, der im Jahr 1823 das Einflussgebiet der USA vor europäischen Ansprüchen schützen wollte. Unter Theodore Roosevelt haben die USA diese Doktrin auf einen generellen Machtanspruch im eigenen Hinterhof ausgeweitet. Donald Trump hat das Erbe aufgenommen und erhebt unter dem Begriff der Donroe-Doktrin ebenfalls Anspruch auf politische und militärische Einmischung bei Ländern, deren Rohstoffreichtum für die USA von Bedeutung sein können.

Noch wichtiger ist aber wie schon in der alten Doktrin, dass konkurrenzierende Mächte – heute sind das Russland und vor allem China – keinen Zugriff auf diese Ressourcen erhalten sollen. China war bisher der mit Abstand wichtigste Kunde Venezuelas – mit einem Anteil von 80 Prozent aller Erdölexporte. Der geopolitische Hintergrund erklärt auch den Anspruch, den Trump auf Grönland erhebt, das zum Nato-Mitglied Dänemark gehört. Hier hat Trump sogar militärische Gewalt nicht ausgeschlossen, um Grönland unter Kontrolle zu bekommen. In all diesen Fällen geht es letztlich nur darum, den direkten Einfluss der USA auszubauen oder zu sichern. Es geht um Geopolitik. Das erklärt das US-Vorgehen in Venezuela besser als die eher zweifelhaften Behauptungen über die Rückkehr des Landes zu altem Ölreichtum.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen