Papierflut und Kostenexplosion
Wie ein KMU an der Bürokratie verzweifelt

Neue Umweltauflagen treiben die Textildruckerei Schellenberg an die Grenzen: Gestiegene Abwasserkosten und CO₂-Abgaben belasten das Traditionsunternehmen. Firmenchef Urs Schellenberg fordert ein Umdenken.
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Früher reichte ein A4-Blatt, sagt Urs Schellenberg. Heute bedecken die Unterlagen für die Abwassermessungen fast seinen ganzen Sitzungstisch.
Foto: Thomas Meier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Textildruckerei in Fehraltorf kämpft mit Bürokratie und steigenden Kosten 2026
  • Abwasserkosten stiegen von 150'000 auf 500'000 Franken jährlich
  • Firma produziert 6–8 Millionen Laufmeter Stoff mit 120 Mitarbeitenden

Es ist tüppig in den Produktionshallen der Textildruckerei Schellenberg in Fehraltorf ZH. Das liegt an der sogenannten Prozesswärme, die der Betrieb braucht, um die riesigen, oftmals naturbelassenen Stoffbahnen zu färben und zu bedrucken. Für den mehrstufigen Veredelungsprozess braucht es viel Energie und Wasser, wie Firmenchef Urs Schellenberg (46) auf einem Rundgang durch die Hallen erklärt.

Und damit beginnen die Probleme. Die Textildruckerei aus dem Zürcher Oberland kämpft gegen den immer dichter werdenden Dschungel aus Bürokratie und Vorschriften. Etwa wenn es ums Abwasser geht: «Früher reichten den Behörden vier Abwassermessungen pro Jahr», sagt er und zeigt auf das A4-Blatt, worauf die Messungen notiert sind. Heute muss er eine Papierflut produzieren, die fast seinen ganzen Sitzungstisch bedeckt. «Eine Person ist mittlerweile zu 30 Prozent nur mit internen Messungen beschäftigt», sagt Schellenberg.

Die Firma zählt 120 Mitarbeitende und produziert im Dreischichtbetrieb jährlich zwischen sechs und acht Millionen Laufmeter Stoff – genug, um die Strecke von Fehraltorf bis nach Peking abzudecken. Doch der Kostendruck wird immer grösser. Investitionen in eine eigene Abwasserkläranlage kosteten die Firma rund 400'000 Franken. Dazu kamen die gestiegenen Abwasserkosten der Gemeinde, die von 150'000 auf 500'000 Franken jährlich kletterten. Dabei wurde sein Abwasser immer sauberer. «Es entspricht dem eines Privathaushalts – trotzdem zahlen wir jetzt das Dreifache», sagt Schellenberg.

Kopfzerbrechen bereiten ihm auch die Treibhausgase. Eine neue EU-Verordnung, die im Mai 2026 in Kraft trat, verschärfte die Situation zusätzlich. Weil sein sogenanntes CO2-Budget massiv gekürzt wurde, muss er nun zusätzliche CO2-Zertifikate einkaufen. «Das bedeutet, dass wir rückwirkend Mehrkosten von etwa 100'000 Franken aufgebürdet bekommen – Kosten, die wir so nicht budgetiert haben.»

Hermès, Dior und die U.S. Army

Trotz dieser Herausforderungen will Schellenberg am Standort festhalten. «Mein Grossvater hat das Unternehmen gegründet. Er begann mit Stofftaschentüchern. Wir haben uns mit grossen Marken wie Calida und Zimmerli entwickelt und sind Hauptlieferant der Schweizer Armee.» Neben etlichen europäischen Armeen und auch den amerikanischen Streitkräften stehen auf seiner Kundenliste auch Edelmarken wie Akris, Dior und Hermès oder der Schweizer Hersteller ISA Bodywear.

«Wir produzieren ausschliesslich in Fehraltorf – doch die hohen Anforderungen und Lohnkosten in der Schweiz machen uns das Leben schwer.» Die überbordende Bürokratie erweist sich als zusätzlicher Kostentreiber: «Ich muss über 15 Zertifizierungen erfüllen. Eine Person ist voll mit Zertifikaten beschäftigt. Die Anforderungen gehen so weit, dass wir in Audits angeben müssen, wie wir auf unserem Firmenareal die Biodiversität fördern», erzählt Schellenberg.

«Dienstleistungen, die der Bürokratie dienen»

Einer, der die Probleme der KMU kennt, ist Stephan Zbinden (55), Verwaltungsratspräsident der Heizungs-, Kälte- und Lüftungsspezialistin Instaplan AG. Das Unternehmen plant Anlagen für Industriefirmen aus verschiedenen Branchen. Neben dem Kerngeschäft unterstützt es Firmen auch dabei, Zertifizierungen zu erlangen und regulatorische Vorgaben einzuhalten. «Leider müssen wir zunehmend Dienstleistungen für Unternehmen erbringen, die in erster Linie der Bürokratie dienen und aus Sicht der Unternehmen sowie der Umwelt kaum einen Nutzen haben», sagt er.

Aktuell beschäftigt viele Unternehmen die Umsetzung der sogenannten CO2-Zielvereinbarungen für die kommenden zehn Jahre. Firmen können sich von der CO2-Abgabe befreien lassen, wenn sie mit dem Bund entsprechende Zielvereinbarungen abschliessen und aufzeigen, wie sie ihre Treibhausgasemissionen reduzieren wollen. Um die Entlastung zu erhalten, müssen die Unternehmen neu spätestens drei Jahre nach der Zielvereinbarung einen «Dekarbonisierungsplan» einreichen.

«Der Aufwand ist inzwischen so gross geworden, dass manche Firmen gar keine Zielvereinbarungen mehr abschliessen und stattdessen lieber die CO2-Abgabe bezahlen. Das hilft der Umwelt sicher nicht», sagt Zbinden. Doch selbst Unternehmen, die diesen aufwendigen Prozess durchlaufen, können sich plötzlich mit neuen administrativen Hürden konfrontiert sehen.

Wer beispielsweise einen neuen Werk- oder Produktionsstandort baut, muss zusätzlich sämtliche Energienachweise erbringen. Diese Anforderungen kommen zum bereits definierten Absenkpfad hinzu. «Das ist doppelt gemoppelt», kritisiert Zbinden. Schliesslich würden Neu- und Umbauten ohnehin so erstellt, dass sie die Vorgaben des Absenkpfads erfüllen können.

Lieber Wohnungen als Jobs?

Textildrucker Schellenberg fordert ein Umdenken: «Wir brauchen ein System, das auf Eigenverantwortung setzt, statt uns mit immer neuen Nachweisen zu belasten. Die Unternehmen, die sich nicht daran halten, sollen dann mit harten Strafen rechnen – aber lasst uns, die wir alles richtig machen, Luft zum Atmen.»

Die Politik dürfe die KMU nicht mit immer neuen Auflagen in die Knie zwingen, sagt Schellenberg. Er sei ein grosser Fan einer nachhaltigen Wirtschaft. «Aber wir müssen die Balance halten. Sonst droht die Gefahr, dass wir unsere Industrie in der Schweiz verlieren. Und das wäre ein fataler Fehler», sagt er.

Sein Firmenareal liegt mitten im Dorf und umfasst 20’000 Quadratmeter. Könnte man da nicht auch etwas anders machen? «Logisch wäre es lukrativer, die Produktion ins Ausland zu verlegen, alles niederzureissen und Wohnungen zu bauen», sagt Schellenberg, der vor kurzem Vater wurde.

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