Ökonomin Monika Bütler über Zölle, Devisen und Konsum
«Der starke Franken ist unser Fitnessstudio»

Die Aargauerin Monika Bütler ist eine der einflussreichsten Schweizer Ökonominnen. Trotz der widrigen weltwirtschaftlichen Umstände ist sie zuversichtlich für die Schweizer Wirtschaft.
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Monika Bütler gehört zu den einflussreichsten Ökonominnen der Schweiz.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

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Das vergangene Jahr war für die Schweizer Wirtschaft ein Kraftakt. Die Zölle vermiesten vielen Export-Firmen das Geschäft. Betriebsschliessungen gab es im Wochenrhythmus. Einen neuen Job zu finden, wird zunehmend schwieriger, das Loch im Portemonnaie der Konsumenten immer grösser. Monika Bütler (64), eine der einflussreichsten Schweizer Ökonominnen, schaut für Konsumenten, Arbeitnehmende und die Wirtschaft auf das Jahr 2026.

BLICK: Monika Bütler, was hat Sie 2025 am meisten beindruckt?
Monika Bütler: Das Tempo! Es ging alles so schnell, obwohl vieles erwartbar war. Zum Beispiel die Zollpolitik von Donald Trump (79), die den Welthandel in wenigen Monaten auf den Kopf gestellt hat. Oder wie stark Künstliche Intelligenz (KI) schon den Arbeitsmarkt beeinflusst.

Seit knapp einem Jahr prägen die «Trumponomics» – also die Wirtschaftspolitik nach Gusto des US-Präsidenten – die Weltwirtschaft. Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer?
Gewinner sind Trump und seine Familie, Verlierer alle anderen. Seine Eingriffe in die Wirtschaft nützen den Allerwenigsten und erschüttern das gesamte System. Das schadet auch seinen Wählern, weil sie – viel stärker als zu seiner ersten Amtszeit – die Kosten mittragen und die höheren Preise deutlich spüren.

Wie schlägt sich die Schweiz in diesen turbulenten Zeiten?
Ich würde unterscheiden zwischen der Politik und der Wirtschaft. Die Politik hatte mehr Mühe, sich anzupassen, in diesen undiplomatischen Zeiten. Die Wirtschaft dagegen ist erstaunlich robust. Sie hat es einmal mehr geschafft, sich auf eine neue, herausfordernde Situation mit hohen Zusatzkosten und steigender Unsicherheit einzustellen. Das war schon immer eine Stärke der Schweizer Wirtschaft.

Warum können wir das so gut?
Der starke Franken ist unser Fitnessstudio. Dazu kommt der Mix aus unterschiedlichen exportorientierten und innovativen Industrien, die immer wieder konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt sind, die sich neuen Technologien anpassen müssen. Das gilt heute auch für die KI.

Der Franken wird stark bleiben?
Ja, er wird stark bleiben und sich eher noch weiter aufwerten, wie seit Jahrzehnten. Gerade gegenüber dem Dollar hat sich der Wert des Franken in den letzten 50 Jahren real mehr als verdoppelt. Die Aufwertung, auch gegenüber dem Euro, lässt sich nur mit mehr Produktivität und dem stetigen Wandel der Wirtschaft auffangen.

Gibt es weitere Erfolgsfaktoren?
Die Innovationsfähigkeit der Schweiz und der flexible Arbeitsmarkt, der es den Firmen ermöglicht, sich schnell an verändernde Rahmenbedingungen anzupassen.

Aus Sicht der Betroffenen, die plötzlich auf der Strasse stehen, ist das ein schwacher Trost!
Das stimmt – und die Arbeitslosigkeit dürfte 2026 eher ansteigen. Jede Entlassung ist tragisch. Aber wenn man sieht, wie schnell die Leute wieder eine Stelle finden und wie gut sie bei Arbeitslosigkeit abgesichert sind, dann ist das eben doch ein gutes Modell.

Aber das gilt für ältere Arbeitslose nur bedingt.
Die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer in der Schweiz ist überdurchschnittlich hoch. Die Kehrseite: Wer nach 50 aus dem Arbeitsmarkt rausfällt, hat es viel schwieriger, wieder eine Stelle zu finden.

Woran liegt’s?
Das hat viele Gründe, manchmal passen die Skills weniger als bei den Jungen, oft sind es Vorurteile gegenüber älteren Beschäftigten. Klar ist, dass die Unsicherheit für eine Firma, wenn sie jemand Älteres einstellt, höher ist. Und die Kosten meist auch. Es geht nicht nur um die Pensionskasse, sondern auch um die Kosten von Krankheitsausfällen. Da könnte der Staat mehr tun.

Um die Hürden für die Einstellung über Sechzigjähriger zu senken?
Genau. Zum Beispiel eine Art Rückversicherung bei Krankheitsfällen. Wenn sie als Firma die Wahl haben zwischen einem Jüngeren mit einem geringeren Ausfallrisiko und einem Älteren, dann ist klar, wen sie einstellen. Ich sehe die Verantwortung aber auch bei den Firmen. Wenn die Bevölkerung das Gefühl hat, die älteren Arbeitnehmer hätten keine Chance mehr, dann sinkt auch die Akzeptanz für Fachkräfte aus dem Ausland.

Zudem werden weniger neue Stellen entstehen, weil die Schweizer Wirtschaft 2026 langsamer wachsen wird?
Die meisten Ökonomen rechnen mit einem Wachstum von etwas mehr als einem Prozent. Doch das ist kein Grund zur Beunruhigung, die Schweizer Wirtschaft ist attraktiv, auch für Fachkräfte, die bei uns fehlen.

Zur Person: Monika Bütler

Monika Bütler (64) studierte Mathematik und Physik in Bern und Zürich. Auf erste berufliche Erfahrungen in der angewandten Forschung und in der Privatindustrie folgte ein Studium der Volkswirtschaftslehre mit Doktorat in St. Gallen. Bis 2021 war sie Professorin für Wirtschaftspolitik an der Universität Sankt Gallen und ist heute als selbständige Ökonomin tätig. Sie gehörte der Corona-Taskforce des Bundes an und war von 2010 und bis 2012 Mitglied des Bankrates der Schweizerischen Nationalbank. Bütler ist mit dem ehemaligen Bankenprofessor Urs Birchler (75) verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Philippe Rossier

Monika Bütler (64) studierte Mathematik und Physik in Bern und Zürich. Auf erste berufliche Erfahrungen in der angewandten Forschung und in der Privatindustrie folgte ein Studium der Volkswirtschaftslehre mit Doktorat in St. Gallen. Bis 2021 war sie Professorin für Wirtschaftspolitik an der Universität Sankt Gallen und ist heute als selbständige Ökonomin tätig. Sie gehörte der Corona-Taskforce des Bundes an und war von 2010 und bis 2012 Mitglied des Bankrates der Schweizerischen Nationalbank. Bütler ist mit dem ehemaligen Bankenprofessor Urs Birchler (75) verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Was heisst das konkret für die Löhne in der Schweiz?
Das kommt sehr auf die Branche an, im Durchschnitt dürften die Löhne nur leicht steigen.

Hilft der Zolldeal, die Schweizer Wirtschaft zu stärken?
15 Prozent sind auf jeden Fall besser als 39 Prozent. Doch die Unsicherheit bleibt – global wie auch in der Schweiz. Was ist, wenn die Zölle plötzlich wieder hochschnellen? Trump ist wie ein Erdbeben für die Weltwirtschaft. Wir werden vorerst mit diesen tektonischen Verschiebungen leben müssen. Dazu kommen all die geopolitischen Risiken: Der Nahostkonflikt, die Ukraine, die Spannungen zwischen China und Indien. Diese Unsicherheiten erschweren die Planbarkeit. Und wer nicht planen kann, wird nicht investieren.

Das klingt pessimistisch. Keine positiven Anzeichen?
Doch. Der globale Handel ist und bleibt das Rückgrat der Weltwirtschaft. Die Handelsströme sind sehr dynamisch und passen sich schnell veränderten Rahmenbedingungen an. Und die Schweiz wird es schaffen, sich neu zu erfinden. Damit meine ich nicht in erster Linie die Politik, sondern die Firmen und Menschen in unserem Land.

Auch die Konsumenten, die als eine wichtige Stütze der Konjunktur gelten?
Konsum alleine rettet keine Wirtschaft. Es braucht immer auch Innovationen, sonst bleibt ein Land stehen. Das ist gerade für eine Exportnation wie die Schweiz entscheidend. Kurzfristig stützt der Konsum die Wirtschaft. Aber am Schluss muss jeder Franken, der konsumiert wird, erst erarbeitet werden.

Ist die Teuerung noch ein Thema?
Nein, die Inflation ist kein Thema mehr. Solange die Schweiz im internationalen Vergleich so wettbewerbsfähig bleibt, gibt es keinen Preisdruck. Da hilft auch der starke Franken, der die Importe verbilligt.

Allerdings steigen die Mieten, die Krankenkassenprämien auch, das Loch im Portemonnaie wird grösser. Wird das die Konsumlust dämpfen?
Davon gehe ich aus. Wohn- und Gesundheitskosten sind zwei der wichtigsten Probleme, die uns privat und politisch beschäftigen und für die wir Lösungen suchen müssen.


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