Darum gehts
Nyon ist für Michèle Rodoni eine Rückkehr zu ihren Wurzeln – beruflich wie privat. Hier hat die CEO ihre Karriere bei der Mobiliar begonnen, ab 2012 leitete sie am Standort mit Blick auf den Genfersee den Vorsorgebereich der Versicherung. «Inzwischen wurde das Gebäude saniert, die Aussicht war aber schon damals toll», sagt Michèle Rodoni schmunzelnd. 15 Autominuten entfernt lebt die 56-Jährige zusammen mit ihrem Mann, dem ehemaligen Trainer der Golf-Nati Graham Kaye, in den Weinreben von Bougy-Villars VD.
Im historischen Garten des Château de Prangins zieht Rodoni ihre Schuhe aus und erfrischt sich kurz im kühlen Nass des Brunnens. Im Waadtländer Barockschloss werden rund 200 Arten und Sorten von Obst, Gemüse und Kräutern kultiviert. «In meinem Garten wachsen immerhin Radieschen», erzählt Rodoni, die vor fünf Jahren als erste Frau die Geschicke der 200 Jahre alten Versicherung übernommen hat, augenzwinkernd. Finanziell ist die Mobiliar auf Rosen gebettet. Diesen April verkündete die CEO für 2025 einen Gewinn von 825 Millionen Franken – Rekord!
«Ich hatte nie einen konkreten Karriereplan vor Augen. Was ich aber brauche, sind Herausforderungen», sagt Rodoni. Darum habe sie meist dann den Job gewechselt, wenn sie das Gefühl hatte: «Jetzt habe ich es im Griff.»
«Im Kern eine Risikomanagerin»
Der Weg an die Spitze der Mobiliar begann für Rodoni mit einem Zufall. Nach dem Gymnasium in Nyon ging sie zur Berufsberatung. «Ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich gehen sollte.» Ihr Vater führte ein KMU für Klimaanlagen und Lüftungstechnik, ihre Mutter sorgte zu Hause für Michèle und ihre Schwester. «Bei meinem Vater sah ich, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt.» Beim Blättern durch den in alphabetischer Abfolge angelegten Ordner des Berufsberaters las Rodoni: Aktuarin. Expertin, die mit mathematischen Methoden finanzielle Unsicherheiten bewertet. «Das hat mich sofort angesprochen.» Im Kern sei sie eine Risikomanagerin. «Selbst im Alltag denke ich in Wahrscheinlichkeiten und bereite mich auf alles vor, was passieren könnte.»
Mit dem Uni-Abschluss als Versicherungswissenschaftlerin in der Tasche startete Rodoni bei La Suisse. Bereits mit Anfang 30 leitete sie dort das Aktuariat. Als die Versicherung 2005 in die Swiss Life integriert wurde, wechselte auch Rodoni und übernahm dort eine Leitungsfunktion. Auf die Frage, ob sie schon in der Schule eine Anführerin gewesen sei, muss sie schmunzeln: «Nein, ich war mehr die Vermittlerin.» Was Rodoni jedoch stets hatte, war Selbstvertrauen. Vielleicht liege das daran, dass sie stets eine Minderheit vertreten habe – als Tochter eines Tessiners und einer Italienerin, als Frau. «Wir haben zu Hause nur Italienisch gesprochen, das war in der Schule anfangs nicht leicht.» Später merkte sie, was für ein Geschenk jede weitere Sprache ist. «Heute träume ich mal auf Italienisch, Französisch, Deutsch oder auf Englisch.»
«Salut, Michel», begrüsst Rodoni ihren Kollegen in der Mobiliar-Filiale. Bei der grössten privaten Versicherung ist man per Du. «Zusammen mit der Geschäftsleitung habe ich die Kultur im Unternehmen etwas modernisiert», sagt Rodoni. «Komm, wir spielen eine Runde», sagt Michel Gicot, der das Jubiläumsjahr vermarktet. Beim Töggelikasten in Form einer Schnecke gibts nur ein Tor – ganz oben. Zusammen kicken sie den Ball hoch. «Goal», jubelt Rodoni und gibt ihrem Kollegen einen Handschlag.
Betreuung mit Partner geteilt
Bevor sie zur Mobiliar wechselte, arbeitete Rodoni im Kader des britischen Versicherers Aviva, pendelte zwischen Paris, London und weiteren zehn Ländern. «Das war für meine Familie nicht einfach.» Sie und ihr damaliger Mann – ebenfalls Manager einer grossen Firma – kümmerten sich bis dahin zu gleichen Teilen um den Sohn und die Tochter, zudem halfen Rodonis Eltern bei der Betreuung. «Natürlich gab es kritische Bemerkungen zu meinem beruflichen Engagement.» Aber verunsichern liess sie sich dadurch nie. «Ich lernte zu fokussieren.» Wichtig sei für sie immer gewesen, verlässlich zu sein. «Bei den wichtigen Momenten im Leben meiner Kinder war ich da.»
Heute leben ihre Kinder in Zürich. Der Sohn (29) arbeitet im Robotics-Bereich, die Tochter (27) ist Betriebswissenschaftlerin. «Wenn ich Termine in Zürich habe, gehen wir essen. Und einmal pro Jahr verreisen wir zusammen in die Ferien. Das ist sehr italienisch.»
Am Hauptsitz der Mobiliar in Bern hat Rodoni wie auch ihre Kolleginnen und Kollegen kein eigenes Büro. «Ich rede mit den Leuten oder arbeite im Sitzungszimmer.» Das Pendeln – meist mit dem Auto – mache ihr nichts aus. «Ich erledige dann Telefonanrufe.» In Bern hat sie eine Wohnung. Dort kriegt sie unter der Woche Besuch von ihrem Mann oder sie nimmt eine der vielen Einladungen wahr, die man in ihrer Position bekommt.
CEO zu sein, sei wie Leistungssport. «Darum muss man gut zu sich schauen», weiss Rodoni. Zum Ausgleich gehe sie wandern oder spiele Golf. Ihr Handicap: 30. «Mit einem ehemaligen Golfprofi als Lehrer sollte es besser sein», sagt sie und lacht. Doch zum Üben fehle ihr die Zeit. Dafür achte sie auf genügend Schlaf. Um diesen aufzuzeichnen, hat sie einen smarten Ring am Finger. «Der misst auch meine Herzfrequenz, ich finde das total spannend.»
Schutz gegen Cybercrime gefragt
Eine Versicherung, die am meisten unterschätzt werde, sei jene bei Tod und Invalidität.» Ein Tabuthema, aber so wichtig, um die Familie abzusichern.» Immer gefragter sei der Schutz gegen Cybercrime. Hier würden die Schadensfälle zunehmen. Rodoni kennt ihr Geschäft. Wäre es laut ihrer Biografie da nicht an der Zeit, weiterzuziehen? «Nein, für mich ist dieser Job ein Privileg. Und Herausforderungen gibt es noch genug.»