Darum gehts
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Manchmal weht auch über der Provinz ein Hauch von Geschichte. Im Jahr 2000 gingen im kalifornischen Vacaville die ersten Chargen des Brustkrebsmedikaments Herceptin vom Band, mit denen Roche mehr als 100 Milliarden Franken einnehmen sollte. Es war die erste Produktionsanlage dieser Grössenordnung für die biologisch hergestellten Medikamente, die damals die Krebsmedizin revolutionierten. Nun ist die Anlage, in der genmodifizierte Säugetierzellen in gewaltigen, glänzenden Bioreaktoren hochkomplexe Moleküle herstellen, wieder Schauplatz einer Wachstumsstory, diesmal von Lonza.
1,2 Milliarden Franken hat sich der Basler Pharmazulieferer die Übernahme des prestigeträchtigen Werks kosten lassen. Nun nimmt Konzernchef Wolfgang Wienand nochmals 500 Millionen Franken in die Hand, um aus dem auf die Anforderungen von Roche zugeschnittenen One-Trick-Pony eine Anlage zu bauen, die es erlaubt, auf die vielfältigen Bedürfnisse seiner grossen Kunden einzugehen. Die Volumina, die Roche in Vacaville produzierte, hat Lonza mit Produkten anderer Kunden kompensiert. In wenigen Jahren soll die ausufernde Anlage unweit der legendären Interstate 80 2 Milliarden Franken in die Kassen spülen. Bei einem Umsatz von aktuell 6,5 Milliarden kommt das einem Quantensprung gleich.
Dieser Artikel wurde in der «Handelszeitung» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.handelszeitung.ch.
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Lonza-Spitze seit zwei Jahren am Drücker
Lonza ist zurück. Die Zeit des Post-Covid-Katers, als auslaufende Impfstoffverträge Umsatz und Aktienkurs in den Keller schickten, ist vorbei. Am Kapitalmarkttag Mitte Oktober begeisterte Wienand die Investoren mit Wachstumszielen von 10 bis 13 Prozent bis über 2030 hinaus und Ebitda-Margenvorgaben im oberen 30-Prozent-Bereich, die denen seiner Kundschaft, der Pharmaindustrie, nahekommen. Seither notiert der Aktienkurs wieder bei mehr als 600 Franken. So hoch lag er zuletzt, als Lonza-Altmeister Albert Baehny während der Covid-Pandemie ohne Netz und doppelten Boden 300 Millionen Franken aufwarf, um mit einem bis dato weitgehend unbekannten Biotech-Start-up namens Moderna ins Geschäft zu kommen. Genährt werden die hohen Wachstumsambitionen vom Gesamtmarkt, von zusätzlichem Outsourcing der Pharmaindustrie und von neuen Technologien. «Ich war überrascht, wie detailliert das Management uns darlegte, wie es seine Ziele erreichen will», sagt Sibylle Bischofberger, Lonza-Analystin bei Vontobel.
Vor zwei Jahren hat Wienand in Basel das Ruder übernommen, fast zeitgleich mit Verwaltungsratspräsident Jean-Marc Huët. Der Belgier ersetzte den zuletzt in Personalfragen glücklosen Baehny. Der von ihm mit viel Vorschusslorbeeren als CEO installierte Roche-Manager Pierre-Alain Ruffieux schied nach drei Jahren bereits wieder aus. Seither hat das neue Duo an der Spitze den Konzern von Grund auf erneuert. Alles kam auf den Prüfstand: Identität, Strategie, Portfolio, Wachstumsziele, Personelles.
Ab Ende Jahr ist der noch von Lonza-Veteran Richard Ridinger organisierte, 5,5 Milliarden Dollar teure Ausflug ins Kapselgeschäft, also in die Herstellung von Kapseln für die Verabreichung von Arzneimitteln, vom Tisch. Das Geschäft wird für 1,7 Milliarden Dollar an Lone Star Funds verkauft, einen Private-Equity-Player aus den USA. 40 Prozent bleiben bei Lonza; vereinbart ist, dass auch Basel beim Verkauf an den Wertsteigerungen partizipiert. Am Schluss soll der Vertrag, so die Hoffnung, 3 Milliarden Franken in die Kassen spülen. Das ist nicht grossartig, aber nun ist die Sache abgehakt.
Fokus aufs Produzieren
Parallel dazu konzentriere man sich wieder auf das, was man am besten könne: Arzneimittel herstellen. «Wir sind ein Produktionsunternehmen, kein Pharmaunternehmen», das sage er den Mitarbeitenden immer wieder, erklärte Wienand im Gespräch mit der «Handelszeitung». Das möge banal klingen: «Aber wenn man es zu Ende denkt, dann hat das weitreichende Folgen. Es heisst nämlich, dass wir dort Weltklasse sein müssen, wo unsere Wertschöpfung liegt, und das ist das Manufacturing.»
Dass das keine Lippenbekenntnisse sind, zeigt ein Blick aufs Portfolio. Der Basler Pharmazulieferer deckt 90 Prozent der Technologien ab, mit denen Roche, Novartis und Co. zurzeit in ihren Pipelines arbeiten. Das schafft sonst niemand. Am profitabelsten ist das Geschäft mit der klassischen Chemie, den Small Molecules. Lange als Auslaufmodell abgestempelt, ist dieser Bereich punkto Marge bereits da, wo in ein paar Jahren der ganze Konzern sein soll.
Integrated Biologics
Seit dem durchschlagenden Erfolg der Krebsmedikamente von Roche sind biologisch hergestellte Wirkstoffe aus der Pharmaindustrie nicht mehr wegzudenken. Lonza macht zurzeit 60 Prozent ihres Umsatzes mit monoklonalen Antikörpern, aber auch mit hochkomplexen Technologien wie bispezifischen Antikörpern; das sind Moleküle, die im Körper an zwei Stellen andocken, um Krankheiten zu bekämpfen. Auch für die Zukunft sieht es gut aus bei den Integrated Biologics. Die Marktforschung geht davon aus, dass die Pharmaunternehmen 2030 530 Milliarden Dollar Umsatz mit biologischen Medikamenten machen werden. Bei den Antikörpern, die – wie in Vacaville – mit Säugetierzellen hergestellt werden, sind zurzeit achtzig Produkte auf dem Markt, die mehr als 1 Milliarde Dollar einbringen, wobei Lonza bei 30 Prozent mit im Geschäft ist.
Umsatz: 3,9 Milliarden Franken, Anteil 60 Prozent
Advanced Synthesis
In dieser Sparte baut die neue Lonza auf dem auf, was sie einmal war: eine Auftragsfertigerin für chemische Wirkstoffe. Die Small Molecules gibt es zwar noch, aber neuartige Technologien wie die Antibody-Drug-Conjugates, die von Roche gerade gepusht werden, gewinnen an Bedeutung. Es geht hier um die Kombination von biologisch und chemisch hergestellten Molekülen, vor allem bei Krebstherapien. Dabei transportiert der Antikörper die Chemotherapie direkt in die Krebszelle, was die Therapie besser verträglich macht.
Umsatz: 1,6 Milliarden Franken, Anteil 25 Prozent
Specialised Modalities
Wer wissen will, wie die Medizin der Zukunft aussieht, der blickt auf diese Sparte. Bei den Specialised Modalities geht es um futuristische Technologien wie Zell- und Gentherapien – wo Lonza bereits die Nummer eins ist –, aber auch um mRNA und mikrobielle Herstellung.
Umsatz: 1,0 Milliarde Franken, Anteil 15 Prozent
Integrated Biologics
Seit dem durchschlagenden Erfolg der Krebsmedikamente von Roche sind biologisch hergestellte Wirkstoffe aus der Pharmaindustrie nicht mehr wegzudenken. Lonza macht zurzeit 60 Prozent ihres Umsatzes mit monoklonalen Antikörpern, aber auch mit hochkomplexen Technologien wie bispezifischen Antikörpern; das sind Moleküle, die im Körper an zwei Stellen andocken, um Krankheiten zu bekämpfen. Auch für die Zukunft sieht es gut aus bei den Integrated Biologics. Die Marktforschung geht davon aus, dass die Pharmaunternehmen 2030 530 Milliarden Dollar Umsatz mit biologischen Medikamenten machen werden. Bei den Antikörpern, die – wie in Vacaville – mit Säugetierzellen hergestellt werden, sind zurzeit achtzig Produkte auf dem Markt, die mehr als 1 Milliarde Dollar einbringen, wobei Lonza bei 30 Prozent mit im Geschäft ist.
Umsatz: 3,9 Milliarden Franken, Anteil 60 Prozent
Advanced Synthesis
In dieser Sparte baut die neue Lonza auf dem auf, was sie einmal war: eine Auftragsfertigerin für chemische Wirkstoffe. Die Small Molecules gibt es zwar noch, aber neuartige Technologien wie die Antibody-Drug-Conjugates, die von Roche gerade gepusht werden, gewinnen an Bedeutung. Es geht hier um die Kombination von biologisch und chemisch hergestellten Molekülen, vor allem bei Krebstherapien. Dabei transportiert der Antikörper die Chemotherapie direkt in die Krebszelle, was die Therapie besser verträglich macht.
Umsatz: 1,6 Milliarden Franken, Anteil 25 Prozent
Specialised Modalities
Wer wissen will, wie die Medizin der Zukunft aussieht, der blickt auf diese Sparte. Bei den Specialised Modalities geht es um futuristische Technologien wie Zell- und Gentherapien – wo Lonza bereits die Nummer eins ist –, aber auch um mRNA und mikrobielle Herstellung.
Umsatz: 1,0 Milliarde Franken, Anteil 15 Prozent
Es kommt den Pharmazulieferern aus Basel zugute, dass inzwischen auch die «einfachen» Moleküle bei der Herstellung ziemlich kompliziert sind. Reichten früher fünf bis zehn Schritte, um einen chemischen Wirkstoff herzustellen, so sind es heute oft dreissig hochkomplexe Reaktionen. Ein Schwerpunkt der Sparte liegt bei den Antibody-Drug-Conjugates, also der Verbindung von biologisch und chemisch hergestellten Molekülen, einer hochkomplexen Technologie, auf die Roche, aber auch Pfizer und andere setzen.
Lonza produziert 24 von 80 Blockbustern
Das Gros des Geschäfts machen die biologisch hergestellten Wirkstoffe aus, sie steuern 60 Prozent der Verkäufe bei. Aktuell produziert Lonza 30 Prozent der 80 Blockbustermedikamente, die mit Säugetierzellen hergestellt werden, 2030 will man bei 30 bis 40 Prozent der Produkte mit 1 Milliarde Dollar Umsatz im Geschäft sein, die dann auf dem Markt sein dürften. Dazu kommen in einer dritten Sparte vielversprechende Technologien wie Zell- und Gentherapien sowie mRNA. Dafür, dass es rundläuft im Maschinenraum, sorgt ein Chief Operating Officer. Vor einem Jahr wurde zudem die Stelle eines Chief Quality Officers neu geschaffen.
Nicht dabei ist Lonza bei der Party um die Abnehmspritzen, im Gegensatz zu Konkurrent Samsung Biologics, der gerade im Begriff ist, für 1,46 Milliarden Franken die Schweizer Polypeptide Group zu kaufen. Das Unternehmen stellt die GLP-1-Moleküle her. Das ist der Wirkstoff, der in Wegovy und Ozempic von Novo Nordisk enthalten ist. Doch Wienand lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. «Das Feld ist durchaus attraktiv», sagt er, aber ein Einstieg müsse wirtschaftlich, sinnvoll und wertschaffend sein. Es sei immer einfach, etwas zu tun, weil es interessant ist. Und: «Können wir auch ohne Peptide erfolgreich sein? Wie man sieht, ja.» Zudem weist er darauf hin, dass Lonza bei den Peptiden aktuell die Abfüllung zum fertigen Medikament anbieten könne.
Überdies verfügt das Unternehmen mit rund dreissig Produktionsstandorten auf drei Kontinenten über einen eindrücklichen Footprint. Ganz anders als Konkurrent Samsung Biologics, der weitgehend auf gigantische Kapazitäten für die Antikörperproduktion an seinem Hauptsitz in der Nähe von Seoul setzt. Wichtigster Lonza-Produktionsstandort ist Visp, investiert wird ebenfalls in Grossbritannien und Spanien, die französischen Standorte werden gerade verkauft. «Wir verfügen heute über ein globales und resilientes Produktionsnetzwerk», sagt Wienand. «Und wir investieren kontinuierlich in dieses Netzwerk, damit es auch in Zukunft in einer fragmentierten Welt wettbewerbsfähig bleibt.»
Präsenz in den USA
Als geradezu visionär erweist sich im Nachhinein die noch unter Baehny eingefädelte Übernahme des ehemaligen Roche-Werkes in Vacaville. «Onshoring» lag zwar schon damals im Trend, doch dass der Druck so gross werden würde, konnte man zu jenem Zeitpunkt nicht ahnen. Und so kommt es, dass Baehnys Nachfolger im Maschinenraum von Big Pharma mit der Anlage nun einen Trumpf in der Hand haben, von dem die Konkurrenz nur träumen kann. Da sind einmal Donald Trumps Zölle, die den Baslern bei all jenen Kunden in die Hände spielen, die keinen «Deal» haben, die sich also nicht mit Investitionszusagen von den Zöllen freikaufen konnten und deshalb 15 Prozent (für die Schweiz), 50 Prozent (Indien) oder 100 Prozent (China) zahlen, wenn sie Medikamente in die USA importieren.
Sie kommen fast nicht darum herum, ihre Medikamente für den US-Markt in den USA produzieren zu lassen. Und die 26 grossen Pharmafirmen – darunter Roche und Novartis –, die mit Washington ins Geschäft kamen, haben oft eine Klausel in ihren Verträgen, dass auch Medikamente, die von Pharmazulieferern in den USA produziert wurden, als «made in the US» gelten. Auch die Medikamentenpreissenkungen dürfte Lonza kaum zu spüren bekommen, denn im stattlichen Kostenkostüm der Pharmaindustrie machen die Produktionskosten gerade mal 5 Prozent aus. In die Karten spielt den Baslern zudem der noch unter Joe Biden installierte Biosecure Act. Das US-Gesetz stuft chinesische Auftragsfertiger als nationales Sicherheitsrisiko ein und setzt damit Lonzas wichtigen chinesischen Konkurrenten Wuxi schachmatt.
Unterstützt wird der Neustart in Basel von einem weitgehend erneuerten und mit viel Pharma-Know-how verstärkten Verwaltungsrat. Jürgen Steinemann (ex Barry Callebaut), Roger Nitsch von der Zürcher Alzheimer-Hoffnung Neurimmune und Barbara Richmond haben das Gremium schon vor einem Jahr verlassen. Für sie kamen die ehemalige langjährige Roche-Verwaltungsrätin Claudia Süssmuth-Dyckerhoff, Tochter der verstorbenen früheren deutschen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, sowie der Industrie- und Robotikmanager Sami Atiya (ex ABB) und Stephen Fry (ex Eli Lilly). Auf die nächste Generalversammlung hin verabschieden sich noch Christoph Mäder, ehemals Chefjurist von Syngenta und Economiesuisse-Präsident, sowie Angelica Kohlmann. Als Nachfolgerin ist Pearl Huang nominiert, auch sie kommt aus der Pharmaindustrie.
Die Ampeln stehen bei Lonza auf Grün. Das scheint inzwischen auch die Börse so zu sehen. Die Valoren notieren derzeit bei 635 Franken. Jetzt muss Chefmechaniker Wienand nur so weitermachen wie bisher und seine Ziele erreichen oder sogar übertreffen. Die Vontobel-Analystin jedenfalls glaubt, dass bei Lonza noch mehr möglich ist. Ihr Kursziel liegt bei 685 Franken.